Mike Neulinger: „Ich will im MMA der Beste werden“

Der Kampfsportler aus Backnang hat ein ehrgeiziges Ziel für seine Zukunft im Mixed Martial Arts. Er ist trotzdem alles andere als ein Lautsprecher, sondern ein reflektierter Typ. Mike Neulinger weiß, wie steinig der Weg an die Spitze sein wird, und ist bereit, im Training hart für seinen Traum zu schuften.

Mike Neulinger: „Ich will im MMA der Beste werden“

Von Steffen Grün

Artur Allerborn kennt die Vorurteile genau, mit denen sich Mixed Martial Arts (MMA) – also die gemischten Kampfkünste – hartnäckig konfrontiert sieht. „Der Laie stellt sich das so vor, dass der eine auf dem anderen draufsitzt und zuschlägt“, sagt der Inhaber der gleichnamigen Backnanger Kampfsportschule, der fraglos zu den seriösesten und erfahrensten Vertretern seiner Zunft gehört. Dem sei nicht so, versichert er. Vielmehr sei der Kampfrichter dazu „angehalten, in solchen Momenten innerhalb weniger Sekunden einzuschreiten“. Kommt das Kommando „protect yourself“ und der angesprochene Sportler schafft es nicht, sich selbst zu schützen, soll das Duell abgebrochen werden. „Man kriegt wesentlich weniger ab als beim Boxen“, versichert Artur Allerborn, der auch mit dem „Käfigkampf“ als oft verwendetem Synonym für MMA wenig anfangen kann. „Der sogenannte Käfig wird eigentlich als Kämpferschutzgitter bezeichnet.“

Siebter der deutschen MMA-Rangliste, deutscher Meister im Kickboxen

Mike Neulinger begleitet die fachkundigen Erläuterungen seines Trainers mit einem zustimmenden Kopfnicken. Er hat vor sechs Jahren mit der Disziplin angefangen, die Techniken aller olympischer Kampfsportarten (Ringen, Boxen, Judo, Taekwondo) und von Jiu-Jitsu vereint. Sein Talent hat er seither durchaus auch schon unter Beweis gestellt. „Ich habe mal einen Bosnier besiegt, der vorher ungeschlagen war“, erinnert sich der 20-Jährige, der in der Gewichtsklasse bis 77 Kilogramm momentan Siebter der deutschen MMA-Rangliste ist. „Und kürzlich habe ich gegen den Weltmeister lediglich ganz knapp verloren.“ Das unterstreicht sein Potenzial, obwohl es wie in den meisten Kampfsportarten das Dickicht verschiedener rivalisierender Verbände zu berücksichtigen gilt.

Auch Mike Neulinger war schon einmal Weltmeister, allerdings im Kickboxen. 2016 holte er in Polen in der U 16 den Titel der WKA (World Kickboxing and Karate Association). Im selben Verband eroberte er vor zwei Jahren den deutschen Meistertitel bei den Aktiven. Der Gürtel, den es für diesen Triumph gab und den er seither einmal verteidigt hat, ist ein stattliches Exemplar. Der Backnanger angelt es postwendend aus der Vitrine und präsentiert es mit sichtlichem Stolz. Es soll sein Plätzchen in der Kampfsportschule behalten, die mit all den Plakaten an den Wänden ganz genau so aussieht, wie man sich ein Gym vorstellt. Dass aus der zweiten Titelverteidigung noch nichts wurde, liegt daran, dass das bereits angesetzte Duell aufgrund einer Terminkollision verschoben wurde. „Ich sehe meine Zukunft vor allem im MMA“, erläutert Mike Neulinger seine Entscheidung, einem Einladungskampf im LKA Longhorn in Stuttgart den Vorzug vor dem nächsten Titelkampf im Kickboxen zu geben. „Da will ich der Beste werden.“

Es ist ein Traum, für den er bereits hart arbeitet und noch härter arbeiten möchte. „Viel mehr geht nicht“, ordnet Artur Allerborn allerdings das hohe Pensum seines Schützlings ein. „Er trainiert jeden Tag, manchmal sogar zweimal.“ Zwei Einheiten waren die Regel während der drei Monate, die Mike Neulinger unlängst in den USA verbrachte. In Pittsburgh in Pennsylvania an der dortigen Kampfsportschule Stout, von der zwei Sportler im vergangenen Jahr einige Wochen in Backnang geweilt hatten. Sie ist nicht zuletzt deshalb ein Anziehungspunkt, weil Trainer Michael Wilkins selbst bereits in
der Ultimate Fighting Championship (UFC) mitmischte, die in den Vereinigten Staaten von Amerika ganze Stadien füllt. „Das ist so etwas wie die Champions League im MMA“, wählt Artur Allerborn eine Fußballmetapher, um das Niveau zu verdeutlichen. Um vom Meister und von dessen Mitarbeitern zu lernen, trainierte Mike Neulinger tagein, tagaus jeweils drei Stunden am Vormittag und drei bis vier Stunden am Abend. An den Wochenenden standen zudem Trainingskämpfe auf dem Plan, „bei einem Turnier habe ich den zweiten Platz belegt“.

Artur Allerborn: Der USA-Aufenthalt hat Mike Neulinger eine Menge gebracht

Wertvolle Erfahrungen, deren Kosten der Backnanger noch spürbar drückte, indem er bei einem Kumpel wohnte und von einem anderen die Bonusmeilen bekam. Auf unter 5000 Euro beziffert er den Gesamtpreis, für den er gespart hatte. Es hat sich offenbar gelohnt, denn Artur Allerborn antwortet auf die Frage, ob Mike Neulinger als besserer MMA-Kämpfer zurückgekehrt ist, wie aus der Pistole geschossen: „Oh ja, das finde ich schon. Er hat vor allem im Ringen große Fortschritte gemacht.“ Der Sportler hört es und es tut ihm gut, denn er hatte ausdrücklich um das Urteil seines Trainers gebeten.

Um irgendwann vielleicht einmal einen UFC-Kampf bestreiten zu dürfen, muss aber noch vieles passieren. Es geht insbesondere darum, möglichst alle Kampfstile gut zu beherrschen und Defizite auszubügeln, „denn sonst nutzt der Gegner die Schwächen aus“, weiß Artur Allerborn. Es sei ein Sport, der viel Erfahrung und Intelligenz verlange, um die Körpergröße und die Stärken sowie die Schwächen des Gegners ins Kalkül zu ziehen und damit die richtige Distanz und die erfolgversprechendsten Techniken wählen zu können. Ein gewisses Alter schadet demnach also keineswegs, weshalb Mike Neulinger nichts überstürzen muss. Sein klares Ziel ist es allerdings, „ein Profi zu werden, den die Leute sehen wollen“. Sollte ihm das mit attraktiven Kämpfen gelingen, werden auch die Veranstalter der größten Events auf ihn aufmerksam und es klingelt im Geldbeutel. „Da sind wir noch weit weg“, sieht es der Trainer realistisch. Davon, mit MMA zum Millionär zu werden, träumen viele, aber die wenigsten schaffen es.

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Erstellt:
2. Juli 2024, 06:00 Uhr

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