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Mobile Gesundheitsdaten – noch in Arbeit

Seit Juli können Versicherte gesetzlicher Krankenkassen sich ihre elektronische Akte beim Arzt mit Gesundheitsdaten wie Befunden, Diagnosen und Behandlungsberichten bestücken lassen. Die Nachfrage scheint äußerst gering. Ärzte kritisieren vor allem den Zeitpunkt der Einführung.

Die elektronische Patientenakte soll wichtige Daten bündeln. Noch sind die Nutzer im Kreis allerdings überschaubar. Eine Nachfrage bei drei Allgemeinmedizinern hat ergeben, dass sich bei ihnen noch kein Patient seine Daten abholen wollte. Foto: Adobe Stock/agenturfotografin

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Die elektronische Patientenakte soll wichtige Daten bündeln. Noch sind die Nutzer im Kreis allerdings überschaubar. Eine Nachfrage bei drei Allgemeinmedizinern hat ergeben, dass sich bei ihnen noch kein Patient seine Daten abholen wollte. Foto: Adobe Stock/agenturfotografin

Von Christine Schick

Backnang/Murrhardt. Bei Jens Steinat, Vorsitzender der Ärzteschaft Backnang, hat bisher kein einziger seiner Patienten darum gebeten, ihm seine elektronische Akte mit Befunden, Diagnosen, Arztbriefen oder Therapieplänen auszustatten. Auch von Kollegen hat er in dieser Hinsicht nichts gehört. Der Allgemeinmediziner, der seine Praxis in Oppenweiler hat, betont, dass er technischen Neuerungen offen gegenüberstehe, beispielsweise habe er früh die Chancen der Telemedizin ergriffen. Trotzdem ist er auf die Einführung der elektronischen Patientenakte nicht allzu gut zu sprechen. Das betrifft aber nicht das Instrument als solches, sondern den Zeitpunkt und die Rahmenbedingungen. „Das Thema spielt momentan in den Köpfen keine Rolle, was aber der Pandemie geschuldet ist“, sagt er.

Er erinnert daran, dass das Projekt schon seit 18 Jahren, angestoßen noch unter Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, in Planung ist. Dass es ausgerechnet jetzt in der Zeit einer Pandemie umgesetzt werden soll, „tut der Sache nicht gut“. Die Praxen hätten mit Einführung des elektronischen Rezepts und der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung schon einiges an Mehrbelastung in Sachen Bürokratie zu schultern. Auch ganz konkrete technische Fragen sind für Steinat noch nicht gelöst. Bisher habe er nur die Möglichkeit, die elektronische Patientenakte mit dem gesicherten Zugang an seinem Hauptcomputer zu befüllen, aber der steht an der Anmeldung. Entweder er muss weitere Kartenlesegeräte für die Sprechzimmer anschaffen oder das Bestücken auf das Ende der Sprechzeit verlegen und da kann es schnell sehr spät werden. Vielleicht gibt es eine softwaretechnische Lösung, aber das sei bisher unklar. Dabei hält er die elektronische Patientenakte durchaus für sinnvoll. Daten wären beispielsweise bei einem Umzug sofort verfügbar, auch der Austausch mit Kliniken wäre schneller.

Die datenschutztechnische Überlegung, dass der Patient seine Dokumente in der Sichtbarkeit für einzelne Ärzte selbst verwaltet (ist noch nicht möglich, erst ab 2022), hält er unter gewissen Umständen für problematisch. „Wenn beispielsweise der Vermerk über mehrere Selbstmordversuche gesperrt ist, ich das nicht weiß, schätze ich die Gefährdungslage natürlich ganz anders ein und kann mich letztlich nicht auf die Daten verlassen“, sagt er. Sehe man davon ab, dass ein Suizidgefährdeter seine Absicht auch ohne elektronische Akte verheimlichen könne. Insofern heißt es für ihn auch, an seine Patienten zu appellieren, alle Daten zur Verfügung zu stellen.

Patienten von Stephan Schönfeld, der in Murrhardt-Fornsbach praktiziert, haben ihn zumindest schon mal nach der elektronischen Patientenakte gefragt. „Einzelne wollen von mir wissen, ob ich sie gut finde“, erzählt er. Der Allgemein- und Notfallmediziner hofft, dass die Digitalisierung die Arbeit erleichtert und den Patienten Vorteile bringt, hält aber den Zeitpunkt der Einführung für schlecht gewählt. Neben besagten weiteren Digitalisierungsprojekten verweist er auf die Anforderungen durch die Pandemie, „und es ist jetzt wichtiger, beispielsweise Untersuchungen nachzuholen“. Er verfügt über die Hard- und Software, doch eine Akte hat er bisher noch nicht bestückt, will möglichst noch abwarten, was in puncto Schwierigkeiten bekannt und zu beachten sein wird. Seine Hoffnung ist, dass diese den Austausch zwischen Arzt, Klinik und weiteren Gesundheitsdienstleistern schneller möglich macht und das Ausdrucken, Wiedereinscannen und Einzelverschicken im Alltag so weniger wird. Eine Patientenakte könne beispielsweise bei einer Antibiotikabehandlung, dem Übergang von Klinik zu Arztbetreuung oder einer schweren Allergie und dem Besuch einer Notarztpraxis wichtig sein. Schönfeld ist aber auch bewusst, dass das Instrument einen aufgeklärten, gut informierten Patienten voraussetzt, und das wiederum bedeutet, dass es Zeit für Gespräche mit dem Hausarzt braucht.

Yaser Trautmann-El-Reshaidat hat noch nicht alles installiert, was für das Bespielen der elektronischen Patientenakte benötigt wird, aber ein Krankenkassenvertreter habe ihm gesagt, dass noch Zeit bis Ende des Jahres eingeräumt werde. Der Backnanger Allgemeinmediziner geht davon aus, dass die EDV-Firmen bei der flächendeckenden Einrichtung auch nicht hinterherkommen. „Das ist viel zu kurzfristig.“ In puncto Digitalisierung stehe es in Deutschland nicht zum Besten, man sei spät dran. Auch in der Medizin müssten die Schritte gegangen werden, aber trotzdem bedürfe es entsprechender Vorbereitungen. Dass der Patient über seine Daten ganz souverän entscheidet, findet er richtig. Er tausche sich unabhängig davon mit den Fachkollegen aus, aber ein Patient dürfe und müsse entscheiden, was er in Hinsicht auf die elektronische Akte auf den Tisch lege. Er hofft, dass die Digitalisierung eine Erleichterung in Bezug auf die Archivierung und ein papierloses Arbeiten bringt. Patienten hätten bisher aber noch nicht nach der Akte gefragt.

Eine Anfrage bei der AOK Ludwigsburg/Rems-Murr ergibt, dass es im Juli rund 150 Versicherte waren, die sich im Kreis für die elektronische Patientenakte registriert haben. Die Techniker Krankenkasse berichtet, dass Zahlen auf Kreisebene noch nicht erhoben werden, teilt aber mit: „Aktuell nutzen rund 178000 TK-Versicherte bundesweit TK-Safe“, also die elektronische Patientenakte. Für die TK bestehen die Vorteile darin, alle relevanten Behandlungsdaten gebündelt vorliegen zu haben, für den Arzt entfielen die Suche nach alten Befunden und Nachfrage bei Kollegen. Das setzt die besagte Einwilligung des Patienten voraus. „Die Schwierigkeiten liegen in der Umsetzung. Solange noch nicht alle Akteure angeschlossen sind und bis sich das neue Medium eingespielt hat, kann die Akte nicht ihre volle Wirkung entfalten. Das ist aber eher eine Frage der Zeit“, so die TK. Die AOK betont die Datenhoheit des Patienten, stellt die Vorteile des elektronischen Notfallpasses oder Medikamentenplans heraus und dass Doppeluntersuchungen vermieden werden. Auch sie stellt noch Hürden in der Umsetzung fest wie die technischen Voraussetzungen in den Arztpraxen.

Der VdK problematisiert, dass ärmere Menschen nicht die Geräte (Tablet/Smartphone) beziehungsweise die Ausrüstung wie Datenvolumen haben, um die Akte zu nutzen und die Kassen eigentlich in ihren Niederlassungen Geräte zur Einsicht anbieten müssten. Dazu sagt die TK: „In 2022 wird es auch eine Desktop-Client-Lösung für Menschen geben, die nicht über ein Smartphone oder Tablet verfügen.“ Die AOK hat bereits eine sogenannte Offline-ePA eingerichtet, für die eine Registrierung in einem Kundencenter nötig ist.

Mobile Gesundheitsdaten – noch in Arbeit

© Jörg Fiedler

Aufklärungsarbeit über Freigaben und Chancen kann Klinikpersonal nur bedingt leisten

Klinikstart In den Krankenhäusern muss die Akte zu Beginn 2022 eingeführt sein. Zur Vorbereitung gehört für die Rems-Murr-Kliniken unter anderem der Tausch der bisherigen Kartenlesegeräte.

Vorteile und Probleme Langfristig kann aus Sicht der Rems-Murr-Kliniken über die elektronische Patientenakte und den Datenaustausch die Sicherheit der Patienten deutlich erhöht werden, unter anderem durch die Vermeidung von Wechselwirkungen bei bestehenden Medikamentenplänen. Die Daten können ganzheitlich betrachtet und in den Diagnose- sowie Behandlungsprozess eingebunden werden. Patienten können zukünftig wichtige Unterlagen nicht einfach vergessen oder verlieren, sie werden den Beteiligten direkt zur Verfügung stehen. Gleichzeitig wird auch die Mitarbeit der Patienten vorausgesetzt. Die Dokumente, die auf der elektronischen Patientenakte hinterlegt sind, werden per PIN-Eingabe oder App freigeschaltet. Aber: Je nach Alter oder medizinischer Vorgeschichte der Patienten ist eine flächendeckende Umsetzung der elektronischen Akte schwierig.

Umgang mit sensiblen Daten Für die Rems-Murr-Kliniken ist wichtig festzuhalten: Bei der elektronischen Patientenakte haben die Patienten die Hoheit über ihre Daten. Nur sie allein entscheiden, wer welche Daten speichern oder ansehen darf. Die Freigabe zur Speicherung oder zum Auslesen dieser Daten erfolgt mit einer PIN-Eingabe, direkt bei der Behandlung. Es gibt einige Daten, die sich ohne PIN-Eingabe ausgelesen lassen. Dazu gehört der Notfalldatensatz, aber auch hier entscheiden die Patienten im Vorfeld, welche Daten das genau sind. Der Nutzen der Akte ist jedoch nicht zu unterschätzen, denn gerade im Notfall, kann sie lebensrettend sein. Die Aufklärung über die dezidierten Freigaben und Möglichkeiten der elektronischen Patientenakte kann das Klinikpersonal nur bedingt leisten. In dieser Hinsicht sei man auf themenbezogene Kampagnen der Ministerien beziehungsweise der Politik angewiesen.

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Erstellt:
17. September 2021, 06:00 Uhr

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