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Netzwerker und Anpacker vor Ort

Der Kirchenkirnberger Zauberkünstler Jörg Burghardt hat mit seiner „Fünf-Euro-Haus“-Aktion für Flutopfer ein Hilfsmodell geschaffen, das nun Früchte trägt. Neben dem Wirbeln für Geld- und Sachspenden nutzt er die Chance, konkret zu unterstützen – mit Zimmerer Klemens Maier.

Das Haus von Silvi und Uwe Beu-Schmidt – die Instandsetzung wird viel Zeit benötigen, was die Patenschaft über einen längeren Zeitraum ermöglichen soll. Fotos: privat

Das Haus von Silvi und Uwe Beu-Schmidt – die Instandsetzung wird viel Zeit benötigen, was die Patenschaft über einen längeren Zeitraum ermöglichen soll. Fotos: privat

Von Christine Schick

Murrhardt. Aus einer Benefizzaubershow für Opfer der Flutkatastrophe und dem Wunsch heraus, auch vor Ort zu helfen, ist in wenigen Wochen viel gewachsen: Jörg Burghardts Kontakt zu Silvi und Uwe Beu-Schmidt, die in Walporzheim, einem Ortsteil von Bad Neuenahr-Ahrweiler, leben, führt zur Idee einer Patenschaft für stark betroffene Familien, die nicht auf eine Versicherung setzen können. Für die meisten steht der Wiederaufbau ihrer eigenen vier Wände im Zentrum, und so ist das „Fünf-Euro-Haus“ als Helfermodell geboren.

Die Idee: Wenn möglichst viele über eine längere Zeit einen überschaubaren Betrag – fünf Euro pro Monat – spenden, ist für eine kontinuierliche finanzielle Hilfe beziehungsweise den Wiederaufbau gesorgt (wir berichteten). Und es lassen sich viele Menschen mobilisieren, wenn jeder sein persönliches Netzwerk anspricht und motiviert, mitzumachen. Jörg Burghardt startet als Pate für Silvi und Uwe Beu-Schmidt, von deren Fachwerkhaus nur noch ein Gerippe steht. „Es ist viel Geld reingekommen“, sagt der Kirchenkirnberger und lächelt. Die Spenden ermöglichen es nun, einen Handwerker langfristig zu engagieren. Aber auch das ist eine Hürde. „Versuchen Sie mal in dieser Situation mit so vielen Betroffenen einen Handwerker zu bekommen“, stellt Jörg Burghardt trocken fest. Dass die Familie diesen Fachmann findet und von den Spenden auf 450-Euro-Basis fest einstellen kann, sei ein toller Erfolg. Der erste Schritt: einen Anbau am Haus so herzurichten, dass die beiden dort einziehen und fortan die Instandsetzung des Fachwerkhauses betreuen können. „Ich informiere das Netzwerk regelmäßig“, so Burghardt. Inzwischen hat sein Modell beachtlichen Zuwachs bekommen. Es sind Patenschaften für neun weitere Familien entstanden und die Einzelnen oder Teams unterstützen nach ihren Möglichkeiten. Auf seiner Homepage skizziert Jörg Burghardt jeweils die aktuelle Lage.

Die Hilfe von Handwerkern erfährt große Wertschätzung

Mittlerweile war der 55-Jährige bereits fünfmal vor Ort, um entweder selbst mit anzupacken, zu vernetzen oder auch als Fachmann in seinem Metier zu wirken – mit Auftritten als Zauberkünstler, um die Menschen für einige Momente in die Welt der Magie zu entführen oder weitere Spenden zu sammeln. Begeistert berichtet er über die Hilfsstruktur vor Ort, bei deren Aufbau sich auch Markus Wipperfürth und Wilhelm Hartmann engagiert haben. Es sei wunderbar, was dort entstehe, und Walporzheim so etwas wie „die Zentrale des positiven Wahnsinns“. Die Hilfsbereitschaft sei unbeschreiblich und Burghardt kommt es so vor, als sei dies ein Fingerzeig, was Menschen in kürzester Zeit bewegen können.

Freudig erzählt er vom Erfolg einer anderen Patin, für eine Familie ein Auto zu beschaffen, oder von der Unterstützung eines Tontechnikers für den Auftritt des Comedians Bauer Heinrich Schulte-Brömmelkamp, den er organisiert. Genauso beeindruckt ihn die entstandene Logistik wie Handwerker- und Materialzelt und Verpflegungsroutine inklusive Übernachtungs- und Duschmöglichkeiten. „Da greifen so viele Dinge ineinander“, sagt er zur Situation. „Für die Handwerker ist das auch in gewisser Weise das Paradies.“ Durch die Ausnahmesituation erfahren sie viel Dankbarkeit und Wertschätzung. Wer beispielsweise bei Elektrikinstallationen helfen und so für Strom sorgen könne, werde schon mal in den Arm genommen. Aber auch die Spendenbereitschaft freut ihn – ob es 30 Drucker für logistische Aufgaben des Wiederaufbaus oder Mallorcareise und -aufenthalt von deutschen Auswanderern beispielsweise für seine Patenfamilie sind, wenn die einfach mal eine Auszeit brauchen sollten.

Für Zimmerermeister Klemens Maier, der ebenfalls in Kirchenkirnberg lebt, ist die Flutkatastrophe im Freundeskreis ein Thema inklusive der Frage, wie man am besten helfen kann. Als er dann von Burghardts „Fünf-Euro-Haus“ liest, ist er vom direkten Kontakt zu den Familien und der Möglichkeit, sehr konkret zu unterstützen, angetan. Er ist beim Patenschaftsmodell dabei, entschließt sich aber auch spontan, den Urlaub zu verkürzen und bei Silvi und Uwe Beu-Schmidt vorbeizuschauen. Als Zimmerer hat er im Hinterkopf, dass er auch seine handwerklichen Fähigkeiten anbieten kann. „Ich hab aber vorher angerufen, ob es für sie auch in Ordnung ist“, sagt er. Aus der ersten Begegnung entsteht ein Projekt: Klemens Maier kann die Familie beim Neuverlegen eines Kamins für besagten Anbau unterstützen. Er bestellt die noch benötigten Teile, und Anfang der Woche fährt er mit Jörg Burghardt nach Walporzheim, um den Edelstahlkamin zu installieren, damit die beiden die Räume mit Holz heizen können. „Eigentlich hatten sie Gas, aber die Leitungen sind nicht mehr vorhanden.“ Mittlerweile wieder zu Hause hat der 60-Jährige außerdem Ziegel fürs Dach besorgt, die er Burghardt mitgeben wird und mit denen ein Loch geschlossen werden soll. In Bezug auf die Familie der Schwester hofft er, noch das Dach einer Gartenlaube richten zu können, die als vorläufiges Quartier dienen soll. Klemens Maier ist berührt von den Schicksalen, den unglaublichen Schäden und der Entschlossenheit der Helfer. Die Palette reicht von größeren kirchlichen Organisationen bis hin zum 80-jährigen Handwerker. „Das war eine ergreifende Zeit, dieser Blick nach vorne und unbändige Wille, auf ein Ziel hinzuarbeiten, hat mich beeindruckt“, sagt er und erzählt, wie sich das Bild eines Schlauchboots eingegraben hat, das immer noch an der Dachrinne festhängt und eine Vorstellung davon gibt, wie hoch das Wasser stand.

Wie es weitergeht? „Nachdem die Häuser entkernt sind, kommt jetzt die Trocknungsphase“, sagt Jörg Burghardt. Danach seien spezialisierte Handwerker gefragt. Angesichts des Umfangs ist seine Überlegung, dass möglicherweise Fachleute eine Hilfe sein könnten, die bereits im Ruhestand sind, um quasi auf Abruf zu unterstützen. In dem ist Klemens Maier zwar noch nicht, auch wenn er etwas reduziert und seinen Betrieb bereits in die Hände seines Nachfolgers gegeben hat. Aber er sagt auch: Es sei gut, mit seiner Arbeitskraft und seinem Fachwissen helfen zu können. Denn letztlich sei dies eine Spende des vielleicht wertvollsten Guts – der persönlichen Zeit – und so auch ein besonderes Signal.

Jörg Burghardt und Klemens Maier (von links) bei der Arbeit – Anfang dieser Woche.

Jörg Burghardt und Klemens Maier (von links) bei der Arbeit – Anfang dieser Woche.

Kathrin Depka im Ortsteil Ahrweiler wird ebenfalls mit einer Patenschaft unterstützt.

Kathrin Depka im Ortsteil Ahrweiler wird ebenfalls mit einer Patenschaft unterstützt.

Die Aktion

„Fünf-Euro-Haus“ Für ein betroffenes Haus beziehungsweise eine betroffene Familie wird eine Patenschaft übernommen. Der Pate bittet sein Netzwerk um die Einrichtung eines Dauerauftrags von fünf Euro im Monat und wirbt für die Aktion in seinen Kreisen. Weitere Infos und Vorstellung der Patenschaften unter www.5eurohaus.de.

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Erstellt:
24. September 2021, 06:00 Uhr

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