Streit um Rolli-Rampe in Tübingen
Palmer lehnt Sponsoring ab – Verband nennt Haltung „beschämend“
Tübingens Oberbürgermeister bleibt bei seiner Haltung: Es gibt keine Rampe bei der Sportlerehrung Ende Juni. Daran ändern auch zahlreiche Sponsoring-Angebote nichts.
© dpa/Axel Grundler
Der Tübinger OB Boris Palmer und die Rollstuhl-Sportlerin Cary Hailfinger haben auf Facebook eine Debatte um Barrierefreiheit ausgelöst.
Von Michael Bosch
Geht es am Ende doch nicht ums Geld? Nachdem mehrere Sponsoren im Streit um eine Rampe für die Sportlerehrung Tübingen Hilfe angeboten haben, hat Oberbürgermeister Boris Palmer das ausgeschlagen. Er wiederholte ein anderes Argument, das er – neben den Kosten – von Beginn an angeführt hatte: Die Rampe nehme zu viel Platz weg, sagte Palmer dem „SWR“. Werde eine Rampe aufgebaut, würden 40 Sitzplätze in der Mensa Uhlandstraße, wo die Veranstaltung stattfindet, wegfallen.
Unter anderem hatten die Unternehmer Norbert Otto aus Kusterdingen und Jörg Möhrle aus Entringen (beides Kreis Tübingen) unabhängig voneinander angeboten, die Rampe zu bezahlen. „Wenn die öffentliche Hand am Limit ist, muss man auch mal etwas zurückgeben“, sagte Otto. Laut einer Sprecherin der Stadt Tübingen seien zahlreiche Angebote bei der Verwaltung eingegangen.
Verband: „Ist beschämend, dass engagierte Bürger einspringen müssen“
Weil Palmer nicht von seiner Haltung abrückt, erneuerte der Allgemeine Behindertenverband in Deutschland e.V. (ABiD) seine Kritik: „Es ist beschämend, dass engagierte Bürger einspringen müssen, um die Pflichten der öffentlichen Hand zu erfüllen“, sagte dessen Vorsitzender Marcus Graubner. Der Preis für die Rampe – kolportiert werden 1200 Euro – sei für eine Stadt wie Tübingen „nicht einmal die Portokasse. Diese Absage sendet ein verheerendes Signal an alle Menschen mit Behinderung weit über die Region hinaus“.
Palmer geht es offenbar auch um die Normen bei der Inklusion in Deutschland – also ums Prinzip. „Das Problem mit nicht finanzierbaren Standards bleibt den Kommunen erhalten, da springt dann kein Sponsor mehr ein, wenn die mediale Aufregung verflogen ist“, sagte er gegenüber dem SWR. Zuletzt hatte Palmer auch die Debattenkultur bemängelt und mehr Pragmatismus gefordert. „Es wird definitiv keine zusätzliche Rampe für die Sportlerehrung geben – unabhängig davon, wie massiv die persönliche Diffamierung inzwischen betrieben wird. Öffentlicher Druck, moralische Empörung und Beschimpfungen ersetzen keine sachliche Abwägung“, schrieb der OB.
Para-Sportlerin will nicht getragen werden
Auch Para-Tischtennisspielerin Cary Hailfinger geht es ums Prinzip. Sie hatte öffentlich eine Lösung gefordert – sie könne teils noch ein paar Schritte laufen, andere Menschen mit Behinderung nicht. Auf die Bühne tragen lassen, will sie sich nicht. Aus gesundheitlichen und versicherungstechnischen Gründen sei das nicht machbar. Außerdem wollen sie es aus eigener Kraft auf die Bühne schaffen. Palmer hatte vorgeschlagen, Hailfinger vor der Bühne zu ehren, oder 600 Euro für eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung zu spenden, die die 34-Jährige aussuchen dürfe. Eine weitere Alternative: Alle Sportlerinnen und Sportler werden vor der Bühne geehrt.
In dieser Woche hat sich die Parasportlerin zudem mit der Tübinger Sozialbürgermeisterin Gundula Schäfer-Vogel (SPD) ausgetauscht. Es werde an einer „nachhaltigen Lösung“ gearbeitet, teilten die beiden Frauen anschließend mit. Schäfer-Vogel zieht ein Sponsoring offenbar durchaus in Betracht.
