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Personaldecke Murrhardter Schulen bröckelt

Grundschulen und Schulen mit sonderpädagogischem Profil sind besonders betroffen. Viele Lehrerinnen und Lehrer wollen nicht aufs Land, aber auch Engpässe durch Krankheit und steigende Schülerzahlen machen die Lage insbesondere für kleinere Bildungseinrichtungen schwierig.

Benjamin Wägele beim Deutschunterricht in seiner 6. Klasse der Walterichschule. Er ist Stufenleiter der Kassen 5 bis 7 und gehört als noch nicht altgedienter Pädagoge bereits zum erweiterten Schulleitungsteam. Rektorin Martina Mayer ist froh um das Engagement ihres vergleichsweise jungen Kollegiums. Trotzdem ist auch die Gemeinschaftsschule mit einem personellen Minus ins Schuljahr gestartet und unterstützt künftig mit einer Kollegin in der Grundschule Fornsbach, bei der die Lage schwierig ist. Foto: Jörg Fiedler

© Jörg Fiedler

Benjamin Wägele beim Deutschunterricht in seiner 6. Klasse der Walterichschule. Er ist Stufenleiter der Kassen 5 bis 7 und gehört als noch nicht altgedienter Pädagoge bereits zum erweiterten Schulleitungsteam. Rektorin Martina Mayer ist froh um das Engagement ihres vergleichsweise jungen Kollegiums. Trotzdem ist auch die Gemeinschaftsschule mit einem personellen Minus ins Schuljahr gestartet und unterstützt künftig mit einer Kollegin in der Grundschule Fornsbach, bei der die Lage schwierig ist. Foto: Jörg Fiedler

Von Christine Schick

Murrhardt. Schon zum Schulstart haben Schulamtsleiterin Sabine Hagenmüller-Gehring und Markus Keller, Fachbereichsleiter für die Unterrichtsversorgung, klargemacht, dass der Personalmangel in Schulen des Rems-Murr-Kreises deutlich zu spüren sein wird. 66 Stellen bleiben unbesetzt (wir berichteten). Besonders hart trifft es die Walterichstadt. Sabine Hagenmüller-Gehring räumt ein, dass Murrhardt in der Beziehung Sorgenkind war und ist – weit draußen an der nordöstlichen Kreisgrenze, ländlich strukturiert. Viele der jungen Lehrerinnen und Lehrer wollen in einer größeren Stadt arbeiten, beliebt sind auch Universitätsstädte. „Beispielsweise Freiburg und Tübingen stehen weit oben auf der Liste“, erläutert die Schulamtsleiterin, und vor dem Hintergrund des allgemeinen Mangels können sich Kandidatinnen und Kandidaten auch leichter auf solche Wunschorte beziehungsweise -stellen bewerben. „Der Bedarf und die Nachfrage entwickeln sich gegenläufig“, sprich, dort, wo die Versorgung noch vergleichsweise gut ist, bewerben sich viele Pädagoginnen und Pädagogen. Besonders verschärft hat sich die Situation für die Grundschulen und Schulen mit sonderpädagogischem Profil. In Murrhardt sind die beiden Grundschulen in Fornsbach und der Weststadt mit rund einer fehlenden Stelle sowie die Bodelschwinghschule mit einer Abdeckung von nur noch 76 Prozent betroffen, aber auch die weiteren Bildungseinrichtungen spüren die Knappheit. Hinzu kommen gestiegene Schülerzahlen vor dem Hintergrund ukrainischer Flüchtlinge.

Das Schulamt versucht in enger Abstimmung mit den Schulleitungen, die Lage zu verbessern, beispielsweise im Umfeld zu eruieren, ob Lehrkräfte zur Unterstützung auch an Bildungseinrichtungen unterrichten können, bei denen es starke Engpässe gibt. Aber solch einer Hilfe sind auch räumliche Grenzen gesetzt, müsste die Lehrkraft zu weite Strecken fahren. „Wir gehen nach einem festen Kriterienkatalog vor“, sagt Sabine Hagenmüller-Gehring. Ein Teil der Maßnahmen liegt auch in der Verantwortung der jeweiligen Schulleitung wie die Zusammenlegung von Klassen. Zu beachten sind dabei ebenfalls bestimmte Punkte, beispielsweise dass Prüfungsfächer und Abschlussklassen vorgehen und möglichst nicht ausfallen, genauso wie dass die Betreuung der Erstklässler beziehungsweise Eingangsklassen gewährleistet ist. Und was heißt das konkret?

Bodelschwinghschule Das Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentrum, das geistig und körperlich behinderte Kinder und Jugendliche aus dem ganzen Kreis betreut, musste aufgrund der sich zuspitzenden Situation reagieren. Mit einer personellen Abdeckung von 76 Prozent war eine gute, alltägliche Unterrichtsversorgung nicht mehr gewährleistet. Wie Rektorin Miriam Kamm berichtet, hat die Schule die Lage gegenüber den Eltern transparent gemacht und das Gespräch mit dem Schul- und Landratsamt gesucht. Das Ergebnis: eine Unterrichtsverkürzung am Montagnachmittag, durch die Lehrerstunden neu verteilt werden können, sodass sich der Bildungsplan insgesamt nun wieder erfüllen lässt. Für die Schüler, die an diesem Nachmittag betreut werden müssen, weil ihre Eltern darauf angewiesen sind, unterstützt das Landratsamt personell – es ließe sich auch von einer Art Notbetreuung sprechen. Miriam Kamm erläutert, dass die Kinder und Jugendlichen wenn auch keinen Unterricht in Kernfächern trotzdem Bildungsangebote erhalten.

Grundschule Fornsbach Der unvorhergesehene längerfristige Ausfall einer Lehrerin hat die kleine Schule kalt erwischt. Er sollte aufgefangen werden, indem eine Lehrerin der Walterichschule dort unterstützt. Dass diese nun kurzfristig krank geworden und eine weitere Kollegin erkältungsmäßig angeschlagen ist, stellt Rektorin Monika Pietron vor echte Schwierigkeiten. „Problematisch ist, dass die Planung schon per se so sehr auf Kante genäht ist“, sagt sie. „Man hat regelrecht Angst, krank zu werden.“ Die Schule arbeitet nach dem Montessorikonzept und mit jahrgangsgemischten Gruppen, wobei die Viertklässler als Abschlussklasse separat unterrichtet werden. Nicht zu wissen, wie Unterricht und Betreuung zu stemmen sind, empfindet die Schulleiterin als belastend. „Ein möglicher Unterrichtsausfall zieht weitere organisatorische Fragen nach sich, beispielsweise ob die Kinder zum Mittagessen in der Schule sind“, erklärt sie. Als Schulleiterin verfügt sie über zehn Stunden Arbeitszeit für Verwaltungsaufgaben und ist damit die Erste, die im Sinne einer Feuerwehrlösung einspringen kann und muss. „Die Situation ist nicht völlig neu“, sagt sie. Früher haben allerdings mehr Kolleginnen und Kollegen mit einem geringeren Stundendeputat gearbeitet, sodass leichter jemand aushelfen konnte. Nun, wenn eine Kollegin als Vollzeitlehrkraft ausfällt, entsteht ad hoc ein Riesenloch, erklärt Pietron. Dass Frauen mehr im Vollzeitjob ankommen, will sie damit keinesfalls problematisieren, im Gegenteil, spürt aber einfach die Verantwortung für die Kinder.

Herzog-Christoph-Schule Das sonderpädagogische Team ist personell mit einem leichten Mangel ins Schuljahr gestartet. „Das wirkt sich quantitativ auf den Unterricht aus, wobei wir versuchen, die Qualität zu halten“, berichtet Rektor Carsten Gehring. Als sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum mit dem Förderschwerpunkt Lernen hat das Kollegium „viele Bereiche zu beackern“. Für die Beratungsgespräche und -arbeit fehlen Stunden, sodass der Schulleiter teils entscheiden muss, was das drängendste Thema ist. Auch er steht vor dem Problem, dass es Engpässe geben wird und möglicherweise Unterricht bei Krankheitsfällen wegbricht. In seiner Haltung versucht er, die Balance zwischen einem „das Beste aus der Lage machen“, der Dankbarkeit gegenüber seinem engagierten Kollegium und einem vorausschauenden Handeln als Schulleiter zu halten. Eine Reihe von Hilfen wie das Projekt Rückenwind oder ehrenamtliche Arbeit federn manches ab, können aber keinen Unterricht ersetzen und nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass die Personaldecke dünner geworden ist. Dass auch Sonderpädagoginnen und -pädagogen nicht unbedingt aufs Land wollen, heißt für ihn, Interessenten „den roten Teppich auszurollen“.

Hörschbachschule Rektorin Melanie Luithardt muss damit zurechtkommen, dass der Grundschule eine Lehrkraft fehlt. „Als Allererstes muss der Regelunterricht abgedeckt sein“, sagt sie. „Dazu reichen die Stunden nicht ganz, deshalb müssen wir bei Sport und bildender Kunst die 4. Klassen zusammenlegen.“ Die Kapazitäten reichen außerdem nicht dafür aus, um eine Vorbereitungsklasse anzubieten. Insofern hat sich die Leiterin entschlossen, Kinder, die dort sonst eine Sprachförderung erhalten, in die Grundschulklassen zu integrieren. Eine Praxis, die später sowieso erfolgen muss und aus ihrer Sicht den Vorteil hat, dass die Kinder in der Klasse auch einfach stärker gefordert sind, Deutsch zu sprechen. Luithardt ist froh, dass die 1. Klassen nicht so groß, sogar vergleichsweise klein sind. „Nächstes Jahr wird das anders“, sagt sie. Klar sei aber auch, dass wenn nun jemand im Kollegium krank wird, das nicht ohne Unterrichtsausfall zu machen sei.

Walterichschule Rektorin Martina Mayer will angesichts der Schwierigkeiten anderer Schulen in Murrhardt nicht jammern. Zurzeit muss die Gemeinschaftsschule mit einer 60-Stunden-Lücke zurechtkommen. „Mich wundert es, wie das trotzdem im Alltag geht“, sagt sie. Aber auch wenn die Schule durch ein größeres Kollegium mehr abfedern kann, bedeuten die aktuellen Rahmenbedingungen Einschränkungen. Zumal eine Kollegin in Fornsbach unterstützen wird. Gab es bisher drei Vorbereitungsklassen, wird diejenige für die Sprachförderung wegfallen. Ob im Einzelfall eine stundenweise Förderung möglich ist, muss sich weisen, am Bedarf dieser Unterstützung besteht für Martina Mayer aber kein Zweifel. Gerade auch mit Blick auf die Zukunft und die Aufgabe, Flüchtlingskinder gut integrieren zu können. Auch die Walterichschule ist in der kalten Jahreszeit bei krankheitsbedingten Ausfällen nicht davor gefeit, auch mal Fächer um einzelne Stunden kürzen oder Klassen zusammenlegen zu müssen.

Heinrich-von-Zügel-Gymnasium Eine gewisse Ausnahme stellt das Gymnasium dar. „Wir sind im Moment personell gut versorgt“, sagt Konrektorin Annette Zickler-Maier. Zwar hat Rektor Henning Zimmermann im Herbst die Schule verlassen und die Nachfolge wird ihre Zeit dauern, aber da er als Leiter nicht ganz so stark in den Unterricht eingebunden war wie andere Kolleginnen und Kollegen, ließen sich die abzudeckenden Stunden und die Aufgaben vergleichsweise gut umverteilen.

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Erstellt:
1. Oktober 2022, 06:00 Uhr

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