Bischofsweihe bei katholischen Traditionalisten
Piusbrüder bringen Papst Leo XIV. in Zugzwang
Seit Jahrzehnten sind die Piusbrüder ein Stachel im Fleisch der katholischen Kirche. Weil Benedikt XVI. ihre Exkommunikation 2009 aufhob, gehören sie wieder dazu, aber ohne geregelten Status. Nun droht wieder ein Bruch.
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Die Pius-Bruderschaft sieht sich als „Bewahrer unverfälschter katholischer Glaubenslehre“ und ist in mehr als 60 Ländern aktiv.
Von KNA/Markus Brauer
Lange war es still um die Traditionalisten der Piusbruderschaft. Noch im Jahr 2009 sorgte die aus mehreren hundert Priestern in allen Erdteilen bestehende Vereinigung für einen weltweiten Skandal.
Damals hatte Papst Benedikt XVI. die exkommunizierten Traditionalisten-Bischöfe wieder in die Kirche aufgenommen und dabei übersehen, dass einer von ihnen, der inzwischen verstorbene englische Bischof Richard Williamson, ein Holocaust-Leugner war.
Papst Leo XIV. ist gewarnt
Der Skandal und der unbeholfene Umgang des Papstes damit markierten seinerzeit den Anfang vom Niedergang des später durch Rücktritt beendeten Pontifikats.
Papst Leo XIV. ist also gewarnt, wenn der Obere der Bruderschaft, der italienische Geistliche Davide Pagliarani (55), am Donnerstag (12. Februar) den Präfekten der vatikanischen Glaubensbehörde, Kardinal Víctor Fernández, in Rom trifft.
Der 2018 an die Spitze der weltweiten Priestervereinigung gewählte Pagliarani hat das Treffen quasi erzwungen. Er wandte sich mit einem Brief an den Papst, in dem er um eine Audienz bat. Als er keine befriedigende Antwort auf seine Forderungen erhielt, verkündete er den 1. Juli als Termin für neue Bischofsweihen.
Daraufhin erhielt er von Fernández eine Einladung zu einem Gespräch in den Palast, in dem auch Papst Leo XIV. wohnt. Ein Treffen mit dem Kirchenoberhaupt stellte Fernández allerdings nicht in Aussicht.
Keine Angst vor Kirchenstrafen
In einem langen Interview erklärt Pagliarani in der letzten Woche, dass man auf die Bischofsweihen nicht verzichten könne. Denn ohne Bischöfe sind für die Piusbrüder keine weiteren Priesterweihen möglich und ihre Seminare sind voll von jungen Männern, die sich auf das geistliche Amt vorbereiten.
Selbst erneute Kirchenstrafen fürchte man nicht, sondern werde sie geduldig ertragen, erklärt der aus dem italienischen Rimini stammende Geistliche. 2018 führte er schon einmal ein Gespräch in der Glaubensbehörde, seinerzeit noch mit dem Präfekten Luis Ladaria. Wie schon die vielen Verständigungs-Anläufe unter seinem Vorgänger, dem Schweizer Bernard Fellay, blieb auch dieser Termin des Pius-Oberen im Vatikan ohne konkretes Ergebnis.
Piusbruderschaft als kirchliches Reservat?
Diesmal will Pagliarani, wie er sinngemäß erklärt, dem Vatikan eine Art Stillhalte-Abkommen vorschlagen. Rom solle, so die Quintessenz seiner Ausführungen, die Piusbruderschaft als eine Art Reservat des vorkonziliaren Glaubens dulden, bis vielleicht eines Tages ein Papst auf die Traditionalisten zugehen und ihnen eine neue Rolle in der Kirche zuerkennen werde.
Er selbst glaubt, dass die Bruderschaft als Hüterin des vom modernistischen Zeitgeist unverfälschten Glaubens und der dazugehörigen Liturgien einen unverzichtbaren Dienst für die gesamte Kirche leiste. Die anderen, von Rom offiziell geduldeten Traditionalisten wie die Petrusbruderschaft können nach Meinung Pagliaranis diesen Dienst nicht leisten, da sie immer wieder zu Kompromissen mit der „Kirche des Konzils“ gezwungen seien.
Dilemma für den Papst
Leo XIV. ist mit dem Anspruch angetreten, Polarisierungen in der Kirche zu überwinden und Einheit zu stiften. Angesichts der Sturheit der Piusbrüder steht er erstmals in seinem Pontifikat unter Zugzwang und vor einem echten Dilemma.
Akzeptiert er den von Pagliarani aufgezeigten Weg, läuft er Gefahr, als Freund der Ewiggestrigen in der Kirche zu gelten – so wie einst Benedikt XVI. Beharrt er hingegen mit Fernández auf dem Weiheverbot, wird er als Papst des erneuten Schismas mit den Traditionalisten in die Geschichte eingehen. Diesen Bruch hatte sogar Papst Franziskus gescheut.
Was sind kirchliche Traditionalisten?
Traditionalisten sind Anhänger der katholischen Kirche, die sich gegen Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) wenden. Zu unterscheiden ist zwischen Gruppierungen, die sich in kämpferischem Widerspruch zur nachkonziliaren Kirche sehen, und denen, die zwar traditionalistisch denken, aber mit dem Papst verbunden bleiben wollen.
Priesterbruderschaft Sankt Pius X.
Am bekanntesten ist die Gruppe, die um den 1988 exkommunizierten und somit aus der kirchlichen Gemeinschaft ausgeschlossenen Erzbischof Marcel Lefebvre (1905-1991) entstand. Dieser hatte 1976 gegen ein päpstliches Verbot Priester geweiht und damit die Priesterbruderschaft Sankt Pius X. innerkirchlich isoliert.
Die dadurch ausgelöste Auseinandersetzung erreichte 1988 mit der Weihe von vier eigenen Bischöfen und der Exkommunikation der Beteiligten ihren Höhepunkt. Papst Benedikt XVI. (2005-2013) hob diese Exkommunikation zwar 2009 auf. Zu einer theologischen Einigung kam es aber nicht.
Der Protest der Lefebvre-Anhänger richtet sich vordergründig gegen die Liturgiereform des Konzils. Im Kern lehnen sie aber das erneuerte Kirchenverständnis, die Ökumene und die Religionsfreiheit ab.
Insgesamt werfen sie der römisch-katholischen Kirche vor, mit den Konzilsbeschlüssen die Tradition der Kirche zu zerstören. Sie tun dies aber in subjektiver Treue zum Papst in Rom, für den sie auch in ihren Messen beten.
Priesterbruderschaft Sankt Petrus
Konzilskritisch und objektiv papsttreu ist eine zweite Strömung der Traditionalisten. Dazu gehört die Priesterbruderschaft Sankt Petrus, die im Jahr 1988 auf Initiative von Papst Johannes Paul II. (1978-2005) gegründet wurde.
Die „Petrusbruderschaft“ soll traditionalistischen Katholiken eine Heimat bieten und sie in die Kirche integrieren.
Una-Voce-Bewegung und Abtei Le Barroux
Weitere Vertreter dieser Strömung sind die Una-Voce-Bewegung und die Abtei Le Barroux in Südfrankreich. Darüber hinaus gibt es in etlichen Ländern einzelne Kirchen und Pfarreien, die regelmäßig Messfeiern im Ritus des Messbuchs von 1962 anbieten.
Sedisvakantisten
Neben diesen beiden Hauptströmungen gibt es am ultrakonservativen Rand weitere kleine Gruppen, die mit ihrer Kritik noch weiter gehen als die Piusbruderschaft. Dazu zählen die Sedisvakantisten, die alle Päpste nach Pius XII. (1939-1958) für modernistische Häretiker halten und daher den Stuhl Petri seit 1958 als unbesetzt (vakant) ansehen.
