Polizei redet ein ernstes Wort mit Google
Unfälle geschehen immer wieder aufgrund ähnlicher Fehler. Etwa beim Wenden über Bahngleise. Was hat Google Maps damit zu tun?
Von Christine Bilger
Stuttgart - Es gibt Unfälle, die geschehen immer wieder. Natürlich nicht ein- und demselben Autofahrer. Aber immer wieder scheinen an manchen Stellen die Verkehrsregeln plötzlich zu Marginalien zu verblassen, und dann muss die Polizei erneut melden: „Beim unerlaubten Wenden über die Stadtbahn-Gleise ist ein Auto mit einer Bahn zusammengestoßen.“
Das soll weniger werden. Deshalb hat sich die Verkehrspolizei dieser Tage an der Neckartalstraße postiert. Wer es sich dort stadtauswärts anders überlegte und bei der Voltastraße einen sogenannten U-Turn über die Gleise unternahm, durfte sich ein paar Meter weiter nicht wundern, herausgewunken, zur Kasse gebeten und belehrt zu werden.
Drei Stunden lang hat sich die Polizei an der Neckartalstraße postiert. Ein Zivilfahrzeug steht verborgen an der Kreuzung und wartet, ob ein Auto falsch abbiegt. Dann geht ein Funkspruch raus an die Kolleginnen und Kollegen, die ein paar Hundert Meter weiter in einer Seitenstraße warten. Ein Beamter in Warnweste winkt sie ein. „Jetzt wieder: weißer Kleinwagen“, kommt über Funk.
Mit Fahrern ins Gespräch kommen
„Wir wollen nicht nur die Leute erwischen, sondern mit ihnen auch Gespräche führen“, sagt Thomas Schneider, der stellvertretende Leiter des Präventionsreferats bei der Polizei. Also wird den falsch abgebogenen Autofahrern erklärt, was alles passieren kann, warum es einen Sinn hat, sich an die Richtungspfeile auf der Fahrbahn und an die Wendeverbote zu halten. Tut man es nicht, läuft man Gefahr, die Bahn zu übersehen. Die kommt dann nämlich in sehr spitzem Winkel und sehr schnell von hinten – und es kommt zum gefährlichen Crash auf den Schienen.
So geschehen im November, just an der nun kontrollierten Ecke Neckartalstraße/Voltastraße. Ein Autofahrer wollte wenden – und die Stadtbahn kam. So schnell kann die Bahn nicht abgebremst werden. Alle drei Personen im Auto wurden verletzt, darunter war auch ein Kleinkind. Es erlitt glücklicherweise nur leichte Verletzungen.
Bei einer ähnlichen Kontrollaktion im Februar wurden an einem Nachmittag 19 verbotenerweise wendende Autofahrer gestoppt – etwa alle acht Minuten ein Auto. Dieses Mal waren es deutlich weniger. Innerhalb von drei Stunden waren es acht Fahrzeuge. „Vielleicht heißt das ja, dass unsere Prävention wirkt“, meint Schneider. Das würde ihn natürlich freuen. Aber er hat noch eine Erklärung parat. „Beim letzten Mal haben wir immer wieder eine Antwort bekommen, die uns stutzen ließ“, sagt er. Denn sie klang zunächst wie eine faule Ausrede: „Die sagten, das Navi von Google habe ihnen das vorgeschlagen.“ Die Polizei ging der Sache auf den Grund. Und siehe da: Tatsächlich spuckte Google Maps aus, man solle hier einen sogenannten U-Turn hinlegen.
Schlenker verschwand aus Vorschlägen
Das konnte so nicht bleiben, befand man im Polizeipräsidium. Es wandte sich an die Kollegen vom Landeskriminalamt, die sich mit der Sache auskannten: Eine Meldung an Google ging raus, und nur 24 Stunden später sei der gefährliche Schlenker nicht mehr unter den Routenvorschlägen gewesen. Ob das auch einen Beitrag dazu geleistet hat, dass bei der zweiten Kontrollaktion in diesem Jahr weniger Autofahrende beim Falschwenden erwischt wurden? „Das kann eine Rolle spielen, wir wissen es aber nicht – denn prüfen kann man das ja auch nicht“, sagt Schneider. Und letztlich sei es ja auch egal, denn Hauptsache: Weniger gefährliche Wendemanöver, weniger Unfälle.
Und weil die Polizei nicht überall ist und auch nicht alle Routen auf Google Maps virtuell abfahren kann, hat Schneider einen eindringlichen Appell: „Egal was das Navi anzeigt – es gelten die Verkehrsregeln. Also, die Augen auf der Straße lassen und die Schilder anschauen.“
Die Autofahrenden waren – trotzder 20 Euro, die sie ihr Fehler kostete – „einsichtig“, sagen die Beamtinnen und Beamten der Verkehrspolizei. Und hoffen, dass sich die acht erwischten die Lektion merken.
