Kinofilm „Ein einfacher Unfall“

Rache am islamistischen Regime

Der iranische Regisseur Jafar Panahi lässt im preisgekrönten Kinofilm „Ein einfacher Unfall“ Täter und Opfer des islamistischen Regimes aufeinanderprallen.

Mohamad Ali Elyasmehr als Hamid (li.), Hadis Pakbaten (Braut), Majid Panahi (Bräutigam) in der Wüste in „Ein einfacher Unfall“.

© FilmsPelleas

Mohamad Ali Elyasmehr als Hamid (li.), Hadis Pakbaten (Braut), Majid Panahi (Bräutigam) in der Wüste in „Ein einfacher Unfall“.

Von Martin Schwickert

Ein leises Quietschen gefolgt von dem schlürfenden Klang eines nachgezogenen Beins – als Vahid (Vahid Mobasseri) das Geräusch unten in seiner Autowerkstatt vernimmt, steigt Panik in ihm auf. Im Gefängnis hat er es immer wieder gehört, wenn Eghbal, der Folterknecht mit der Beinprothese, heranrückte, um seine Opfer zum Verhör abzuholen. Gesehen hat er den Mann nie, weil er ihm immer nur mit verbundenen Augen begegnet ist. Aber der spezifische Klang seines Hinkens hat sich tief in Kopf und Seele eingebrannt.

Ist der Mann mit dem Holzbein wirklich der Peiniger von damals?

Die alte Angst ist sofort wieder da, bis die Wut die Kontrolle über sein Handeln übernimmt. Als der Kunde mit der Beinprothese die Werkstatt wieder verlässt, nimmt Vahid die Verfolgung auf, lauert dem Mann am nächsten Tag auf, schlägt ihn nieder und verstaut den bewusstlosen Körper in seinem Kleintransporter. In der Wüste schaufelt er ein tiefes Grab, in das er das gefesselte Opfer hinein wirft. Während er anfängt, den mutmaßlichen Peiniger lebendig zu begraben, beteuert der Mann in der Grube, nicht derjenige zu sein, für den er ihn hält. Langsam bekommt Vahid Bedenken. Schließlich packt er den Gefesselten wieder in seinen Kleinbus und fährt davon.

Einen zweifelnden Rächer stellt der iranische Regisseur Jafar Panahi an den Beginn seines neuen Filmes „Ein einfacher Unfall“, der im letzten Jahr in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde. Panahi weiß, wovon er spricht, wenn er Täter und Opfer des islamistischen Regimes aufeinanderprallen lässt. Schließlich war der Filmemacher schon seit Beginn seiner Karriere den Repressionen der iranischen Staatsmacht ausgesetzt.

Bereits 2010 wurde er verhaftet und verbrachte drei Monate im berüchtigten Evin-Gefängnis. Das Gericht verurteilte ihn zu einem 20-jährigen Berufsverbot und zu sechs Jahren Haft, die er jedoch vorerst nicht antreten musste. Während dieser ganzen Zeit hat Panahi nicht aufgehört, Filme zu drehen. „Taxi Teheran“ (2015) wurde unter klandestinen Bedingungen produziert, auf einen USB-Stick aus dem Iran nach Berlin geschmuggelt, wo der Film bei den Festspielen den Goldenen Bären gewann.

Vor drei Jahren musste Panahi plötzlich doch seine Haftstrafe antreten. Sieben Monate verbrachte er erneut im Evin-Gefängnis, kam nach einem Hungerstreik wieder frei und begann wenig später mit den Arbeiten an „Ein einfacher Unfall“. Es gehörte zum symbolischen Repertoire der großen Filmfestivals in Venedig, Cannes und Berlin, für den iranischen Filmemacher, der mit einem Ausreiseverbot belegt wurde, einen leeren Platz im Kino freizuhalten.

Panahi spürt die Repressionen des Landes am eigenen Leib

Aber im letzten Jahr stand Panahi für die Premiere von „Ein einfacher Unfall“ tatsächlich auf dem roten Teppich an der Croisette. Dass er mit der Goldenen Palme in den Iran zurückkehren konnte, ist der späte Triumph eines Filmemachers, der die Freiheit seiner Kunst mit unglaublicher Zähigkeit und Courage erkämpft hat. In „Ein einfacher Unfall“ adressiert er die eigenen Repressionserfahrungen und seine Regimekritik um so direkter. Er benennt die willkürliche, brutale Gewalt, der Häftlinge in den Gefängnissen der islamischen Republik ausgesetzt sind, beim Namen und bindet sie ein in einen komplexen Diskurs über die Rache als Instrument der Gerechtigkeit an einem Unrechtsstaat.

Als Vahid mit dem mutmaßlichen Folterknecht im Gepäck zurück in die Stadt fährt, sucht er weitere ehemalige Häftlinge auf, die den sedierten Entführten identifizieren könnten. Die Fotografin Shiva (Mariam Afshari) will zunächst nichts von den unausgegorenen Racheplänen wissen. Sie hat sich mühsam eine neue Existenz aufgebaut und macht gerade Fotos für die morgige Hochzeit ihrer Freundin Golrokh (Hadis Pakbaten), die ebenfalls mit ihr im Gefängnis war.

Als die Braut im weißen Kleid erfährt, wer in der Holzkiste im Kleinbus verstaut ist, ist sie kaum noch zu halten. Stundenlang hat Eghbal sie mit einem Strick um den Hals bei einer Scheinhinrichtung auf dem Stuhl stehen lassen, um sie später zu vergewaltigen. Aber auch sie kann ihn nicht zweifelsfrei identifizieren. Shivas Exfreund Hamid (Mohamad Ali Elyasmehr) wird seit seinen traumatischen Gefängniserfahrungen von einer unkontrollierbaren Wut beherrscht; er würde keinen Moment zögern, den Verdächtigen umzubringen. Auch er hatte die Augen verbunden, aber er musste seinem Peiniger immer wieder die Beine massieren und ist sich sicher, dass es sich bei dem Mann in der Kiste um den Folterknecht handelt. Vahid und Shiva kommen indes prinzipielle Zweifel an dem Racheplan. Denn Rache ist immer ein zweischneidiges Versprechen, das die Täter-Opfer-Hierarchie umdreht und die Opfer selbst zu Tätern werden lässt.

Dem Film über Rache und Gerechtigkeit fehlt es nicht an Leichtigkeit

Das alles verhandelt Panahi nicht nur mit diskursive Ernsthaftigkeit, sondern auch mit komödiantischer Leichtigkeit. Wenn das Telefon des Entführten klingelt und die weinende Tochter berichtet, dass ihre schwangere Mutter in Ohnmacht gefallen ist, eilt das unprofessionelle Kidnapper-Team zu Hilfe, bringt die Schwangere ins Krankenhaus und kommt sogar noch für die üblichen Bestechungsgelder der Hebamme auf.

Mit „Ein einfacher Unfall“ gelingt Panahi ein Film, der einerseits fest in der repressiven Realität des iranischen Regimes verankert ist und andererseits einen überraschend pragmatischen philosophischen Diskurs über Rache und Gerechtigkeit führt. Das ist spannend, emotional und klug in Szene gesetzt und kann vor allem auch durch die beachtlichen Leistungen der Laiendarsteller überzeugen. Einen solchen Film unter den widrigen Bedingungen dieses Regimes zu drehen, verdient großen Respekt – und eine Goldene Palme.

Ein einfacher Unfall. Iran, Frankreich, Luxemburg 2025. Regie Jafar Panahi. Mit Vahid Mobasseri, Mariam Afshari, Hadis Pakbaten, ab 16.

Szene aus „Ein einfacher Unfall“

© LesPelleas

Szene aus „Ein einfacher Unfall“

Szene aus „Ein einfacher Unfall“

© LesPelleas

Szene aus „Ein einfacher Unfall“

Szene aus „Ein einfacher Unfall“

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Szene aus „Ein einfacher Unfall“

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Erstellt:
7. Januar 2026, 16:04 Uhr

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