Steigende Gaspreise
Russland will Europa den Flüssiggas-Hahn abdrehen
Die Gas-Preise steigen wegen des Iran-Krieges, da erhöht der Kreml den Druck auf die EU. Doch befindet sich Moskau nicht in einer Position der Stärke.
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Russlands Präsident Putin trifft Ungarns Außenminister Péter Szijjártó, um über Energiefragen zu sprechen. Kurz danach gibt der Kreml-Herrscher ein Interview, in dem er über den Stopp der LNG-Lieferungen nach Europa nachdenkt.
Von Knut Krohn
Wladimir Putin hat laut nachgedacht. Da der Gasfluss von Russland nach Europa ohnehin bald eingestellt werde, könne das doch auch sofort passieren, sinnierte der Präsident in einem Interview im Staatsfernsehen. Putin wollte diesen Satz natürlich nicht als Drohung verstanden wissen, er überlege nur laut, schob der Kreml-Herrscher scheinbar konziliant hinterher.
Seine Gefolgschaft wusste allerdings, wie die Worte zu interpretieren sind und so kündigte die Regierung an diesem Wochenende an, dass russische Unternehmen in Kürze einen Teil der Flüssiggaslieferungen von Europa nach Asien umleiten würden. Die Unternehmen wollten nicht auf weitere Sanktionen aus Brüssel warten und orientierten sich nach Osten um, sagte der für Energiefragen zuständige Vizeregierungschef Alexander Nowak. Als mögliche Partner für langfristige Verträge nannte er Indien, Thailand, die Philippinen und China.
Russland will Druck auf Europa ausüben
Das Ziel Russlands ist offensichtlich, es soll Druck auf die europäischen Staaten ausgeübt werden. Denn dort wird mit einigem Bangen auf die Entwicklung der Gaspreise geblickt, die wegen des Iran-Krieges zuletzt deutlich gestiegen sind. Da der Schiffsverkehr im Persischen Golf durch den Krieg eingeschränkt und auch die Zukunft der Öl- und Gasförderung in dieser Region derzeit ungewiss ist, reagierten die Weltmärkte mit heftigen Preisausschlägen auf die Rohstoffe.
Trotz der EU-Sanktionen wegen des Überfalls Moskaus auf die Ukraine kommt noch immer LNG-Gas mit Tankern und Erdgas über die Pipeline Turkstream in Richtung Europa. 2024 machten Gaslieferungen aus Russland nach Angaben der EU-Kommission knapp 19 Prozent aller Importe aus. Allerdings dürfen seit Januar dieses Jahres keine neuen Verträge zum Import von russischem Gas abgeschlossen werden. Kurzfristige Verträge sollen im Juni auslaufen und Ende 2027 soll der Import ganz eingestellt werden. Nach Angaben der EU-Kommission vom vergangenen Herbst brauchen sich die Verbraucher in der EU keine großen Sorgen machen. Einer Analyse der Behörde zufolge könnten die verbleibenden Gasmengen ohne Risiken für die Versorgungssicherheit auslaufen. Auf dem globalen Gasmarkt gebe es genügend alternative Anbieter.
Die Versorgung in Deutschland ist gesichert
Doch nun hat Katar als einer der weltweit größten Produzenten von Flüssigerdgas seine LNG-Exporte wegen des Krieges in der Region gestoppt. Das hat zwar die Preise nach oben getrieben, die Versorgung mit Gas sei aber nicht gefährdet. Kerstin Andreae, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft, betont: „Direkte Auswirkungen auf die physische Gasversorgung in Deutschland sind nach aktueller Einschätzung nicht zu erwarten.“ Neben Gasspeichern und der heimischen Förderung werde die deutsche Versorgung durch Importe via Pipeline vor allem aus Norwegen sowie LNG-Importe aus einer Reihe von Ländern gesichert.
Doch auch für Russland ist die Umleitung der Gasströme nicht so einfach, wie Putin sie in dem Interview dargestellt hat. Moskau kündigt zwar an, dass Verhandlungen mit neuen Abnehmerstaaten in Asien aufgenommen würden, doch der Kreml steht unter Zeitdruck und benötigt akut sehr viel Geld, um den Krieg in der Ukraine zu finanzieren. Russland setzt vor allem auf das energiehungrige China als Käufer, ist dabei aber zusätzlich in einer schlechten Verhandlungsposition. Nicht erst seit der Verhängung der EU-Sanktionen bezieht Peking russisches Gas zu einem „Freundschaftspreis“ und ist gleichzeitig bemüht, nicht zu sehr von Moskau abhängig zu werden. Deshalb wird etwa der Import von Gas über Pipelines aus Zentralasien forciert. Zudem geht in China der Ausbau von Solar-, Wind- und Wasserkraftwerken zügig voran.
Moskau fehlt das Geld zum Bau der Pipeline
Auch die von Moskau hervorgehobene Pipeline „Power of Siberia 2“ in Richtung China erweist sich in der aktuellen Situation eher als Bluff. Zum Bau für das 6700 Kilometer lange Projekt fehlt Moskau im Moment schlicht das Geld und die Kapazitäten. Und selbst unter guten Bedingungen könnte die Leitung frühestens Anfang der 2030 Jahre in Betrieb genommen werden, wenn also wohl längst kein Gas mehr nach Europa fließt.
