Sagen der Rauhnächte: Von Frau Perchta und dem Wilden Heer
Der Nachmittag über die zwölf Raunächte mit Naturparkführerin Michaela Köhler und Märchenerzählerin Petra Weller lockt viele Interessierte ins Zimmertheater der Volkshochschule Murrhardt.
Petra Weller erzählte von Märchen und Sagen, die mit den Raunächten zu tun haben. Fotos: Elisabeth Klaper
Von Elisabeth Klaper
Murrhardt. Eine atmosphärische und informative Reise in die uralte und geheimnisvolle, mündlich überlieferte Welt der keltischen und germanischen Mythologie, Märchen und Sagen unternahmen Naturparkführerin Michaela Köhler und Märchenerzählerin Petra Weller. Gemeinsam und im Wechsel gestalteten sie an der Volkshochschule Murrhardt einen Nachmittag rund um die zwölf Raunächte oder Heiligen Nächte zwischen Weihnachten und dem Feiertag Heilige Drei Könige. Das Interesse vor allem von Frauen war so groß, dass das Zimmertheater des Grabenschulhauses fast voll besetzt war.
Michaela Köhler schöpfte aus ihrem großen Wissensschatz über die Raunächte, die ursprünglich zur Wintersonnenwende am Thomastag, dem 21. Dezember, begannen und bis zum 2. Januar dauerten. Die Kirche übernahm alte heidnische Feste der Kelten in den christlichen Festkalender, widmete sie um und verschob sie um ein paar Tage. Nach der julianischen und gregorianischen Kalenderreform blieben einige Tage und Nächte zwischen den Jahren übrig – die Raunächte. Deren geheimnisvolle Atmosphäre spiegelt sich wider in uralten überlieferten Geschichten, Weisheiten, Ritualen, Bräuchen und Orakeln, erklärte Köhler.
Viele Geschichten handeln von Geistern und Göttern
In den Raunächten soll die „Tür“ zwischen realer und geistiger Welt einen Spalt offenstehen, wovon viele Märchen und Sagen handeln. Petra Weller erzählte mit ihrer warmen, ausdrucksstarken Stimme spannende Geschichten, etwa vom Heiratsorakel in der Thomasnacht. Im Volksglauben hieß es, dass eine unverheiratete Frau ihren künftigen Bräutigam sehen könne, wenn sie um Mitternacht nackt die Stube mit dem Rücken zur Tür kehrt. Eine neugierige Magd probierte es aus, schämte sich aber, als sie den Bauern sah, ihren Dienstherrn. Doch bald danach starb die Bäuerin, worauf der Bauer die Magd heiratete.
Bei Winterstürmen fürchtete man sich vor dem Zug des Wilden Heers des obersten germanischen Gottes Wodan mit gefallenen Kriegern, dem der treue Eckart als Warner vorauseilt. Wer im Freien war, sollte sich schnell verstecken und am Boden zusammenkauern, um nicht mitgerissen zu werden, erklärte Köhler. Dazu kannte Petra Weller eine heitere Geschichte: Als drei übermütige Jugendliche ein Bierfass holten, hörten sie den Warnruf nicht, versteckten sich aber in einem Wacholderbusch, als das Wilde Heer vorüberzog. Die Geister entdeckten das Bierfass und tranken es aus. Sie warnten die Jugendlichen, niemandem davon zu erzählen, dann werde das Fass nie leer. Das immerwährende Bier gab es jedoch nicht, denn einer verplapperte sich.
Michaela Köhler gab den Gästen Aufgaben für jeden Tag zwischen den Raunächten mit.
Eine andere Geschichte der Raunächte: Ein junges Mädchen wollte die Sage vom Zug der Naturgöttin Frau Perchta oder Frau Holle mit den Heimchen (ungetauft gestorbenen Kindern) in der „Perchtennacht“ vom 5. auf den 6. Januar, wobei sie die Felder segnet, nicht glauben. Obwohl es streng verboten war, diesen Zug zu beobachten, versteckte sich die Neugierige, und nach langem Warten sah sie die hüpfenden und springenden Heimchen. Doch Frau Perchta bestrafte die Jugendliche mit Blindheit und gab ihr erst nach deren Reue und einem Jahr ihre Sehkraft zurück.
Ein Bauer sah auf dem Heimweg vom Wirtshaus ebenfalls den Zug der Frau Perchta mit einem ganz kleinen Heimchen am Schluss, das kaum laufen konnte, weil sein Hemd zu lang war. Da band der Bauer das Hemd des Kleinen mit einem Strick hoch, damit es besser vorwärtskam, wofür Frau Perchta ihn mit guten Ernten und glücklichem Familienleben belohnte, erzählte Petra Weller.
Der Ursprung des Begriffs Raunächte sei das Räuchern: Bei uralten Ritualen wollten die Menschen „per fumo“, also durch Rauch von wohlriechenden Kräutern, Hölzern oder Harzen wie Weihrauch als Opfergaben, Verbindung zur Welt der Geister und Götter herstellen und diese gnädig stimmen, woraus der Begriff „Parfüm“ entstand, erklärte Michaela Köhler. Traditionell räucherte man das Haus nach einer Geburt aus, ebenso nach einem Todesfall, und eben in den Raunächten. Dafür hatte die Naturparkführerin für ihren Vortrag in Murrhardt eine Mischung aus sieben Kräutern zubereitet: Thymian, Rosmarin, Salbei, Duftrosenblätter, Lavendelblüten, Beifuß oder Wermut sowie Galgantwurzel. Diese erwärmte sie in einer Schale über einem Räucherstövchen, worauf sich ein intensiver, aromatischer Duft entfaltete.
Um das alte Jahr abzuschließen und sich auf das neue vorzubereiten, gibt es Aufgaben für jeden der zwölf Tage zwischen den Raunächten. Bereits vorher sollte man eine Aussprache zur Klärung von Problemen und Konflikten herbeiführen, alles Geliehene zurückgeben, Rechnungen bezahlen und Schulden begleichen, das Haus aufräumen und putzen. Während der Heiligen Nächte gelte es unter anderem, mit der Familie auf das alte Jahr zurückzublicken, es zu verarbeiten und abzuschließen, um frei und bereit zu sein für das neue Jahr. Ebenso zu verzeihen und sich zu versöhnen, Herzenswünsche zu entdecken und deren Umsetzung zu planen, Entscheidungen zu treffen und sich von unguten Bindungen zu lösen. Überdies dem Körper Gutes zu tun, Gefühle frei zu empfinden, still zu werden und sich für die Wunder der Schöpfung zu öffnen, achtsam und dankbar zu werden sowie durch Singen oder Musikhören zum Licht zu erwachen, empfahl Michaela Köhler.
