Wrackfund vor Kopenhagen

Schiff der Hanse: Forscher spüren größte Kogge der Welt auf

Vor der Küste Dänemarks haben Archäologen das weltweit größte Wrack einer mittelalterlichen Kogge entdeckt, des „Super-Schiffs“ der Hanse. Das gut 600 Jahre alte Schiff ist 28 Meter lang und ungewöhnlich gut erhalten.

Reste des Schiffsrumpfs der Kogge liegen in 13 Metern Tiefe im Meeresgrund des Øresunds vor Kopenhagen.

© Imago/Jam Press

Reste des Schiffsrumpfs der Kogge liegen in 13 Metern Tiefe im Meeresgrund des Øresunds vor Kopenhagen.

Von Markus Brauer

Ende des 13. Jahrhunderts beginnt in Norddeutschland eine wirtschaftliche Blütezeit: die Ära der Hanse. Der Städtebund entwickelt sich aus einer losen Interessengemeinschaft von Kaufleuten. Unter Führung von Lübecker Händlern entsteht ein Netz von Wirtschaftsverbindungen zwischen Hafenstädten an Nord- und Ostsee sowie Handelsstädten im Binnenland.

Machtzentrum der Kaufmannsgilden

Zu ihrer bedeutendsten Zeit gehören der Hanse etwa 200 Städte im Nord- und Ostseeraum an, darunter alle wichtigen Kaufmannsstädte: von Lübeck, Bremen, Hamburg und Rostock über Königsberg und Danzig bis zu Orten im Binnenland wie Duderstadt, Hameln und Uelzen. Die Warenströme fließen meist über die Ostsee.

Holz, Felle, Getreide und andere Rohstoffe gelangen nach Westeuropa, fertige Produkte wie Wein und Tuche an die östliche Ostseeküste. Die Organisation wird zu einer wirtschaftlichen Großmacht. Das Netz der Handelswege erstreckt sich im 16. Jahrhundert von Portugal bis nach Russland, von Skandinavien bis nach Süditalien.

„Super-Schiff“ des Mittelalters

Das typische Handelsschiff der Hanse ist die Kogge: bauchig, geräumig und schnell zu bauen. Ein einziger Mast mit einem Rechtecksegel treibt die Kogge an. Bis die Handelsgüter im Zielhafen angelandet werden können, kann viel Zeit vergehen. Die Schiffe segeln fast immer in Sichtweite der Küste. Die Seeleute müssen auf günstige Winde warten, denn gegen den Wind kreuzen können Koggen nicht.

Diese Kogge war das „Super-Schiff“ des Mittelalters. Die in der Nordseeregion entwickelten Segelschiffe ermöglichten es erstmals, große Mengen Fracht schnell und effizient über die Meere zu transportieren. Dadurch legten die Koggen die Basis für den Aufstieg der Hanse.

Das große Rahsegel, die hochseetüchtige, stabile Bauweise, eine nur kleine Besatzung und das große Fassungsvermögen für Fracht machten den Seetransport nun selbst über weite Strecken lukrativ.

„Die Kogge revolutionierte den Handel in Nordeuropa, denn sie ermöglichte es, Güter in einem nie zuvor gesehenen Ausmaß zu transportieren“, erklärt der Unterwasserarchäologe Otto Uldum vom Wikingerschiffsmuseum in Roskilde.

28 Meter großes Wrack in 13 Metern Tiefe

Im Vorfeld von Landaufschüttungen für ein Neubaugebiet vor Kopenhagen haben Unterwasserarchäologen jetzt den Meeresgrund des Øresunds vor Kopenhagen untersucht. Und die wurden fündig: In 13 Meter Tiefe entdeckten sie ein unter Schlick und Sand liegendes Schiffswrack – eine mittelalterliche Kogge handelt.

„Dieser Fund ist ein Meilenstein der maritimen Archäologie“, erklärt Uldum. Das Svaelget 2 getaufte Schiffswrack ist besonders gut erhalten und groß: Mit 28 Meter Länge und neun Meter Breite ist die Kogge der größte jemals gefundene Schiffstyp. Die Archäologen schätzen das Fassungsvermögen der Svaelget 2 für Fracht auf rund 300 Tonnen.

Um 1410 in den Niederlanden gebaut

Analysen haben ergeben, dass das Schiff um 1410 in den Niederlanden gebaut wurde. Das Eichenholz für die Schiffsplanken stammte aus Pommern im heutigen Polen, die gebogenen Balken des Schiffsrumpfs kamen aus dem Umland. „Dies verrät uns, dass die Experten für den Bau so großer Koggen damals in den Niederlanden lebten“, erläutert Uldum.

Der Fund dieses Schiffs bietet einen wertvollen Einblick in den Schiffsbau, aber auch den Seehandel und seine Bedeutung im Mittelalter. „Um diese enormen Schiffe zu bauen, brauchte man eine Gesellschaft, die sie finanzieren, bauen und ausrüsten konnte.

Relikte von Takelage und Achterkastell

Nicht nur der Rumpf blieb unter einer dicken Sandschicht erhalten, sondern auch Teile des Decks, der Aufbauten und Takelage. „Es ist außergewöhnlich, noch so viele Teile der Takelage zu finden“, berichtet Uldum. „Das gibt uns die einzigartige Chance, mehr darüber zu erfahren, wie die Koggen gesegelt wurden. Denn die Takelage ist absolut zentral für ein mittelalterliches Schiff.“

Die Archäologen fanden zudem umfangreiche Relikte des Heck-Kastells. Dabei handelt es sich um die massive, hohe Kajüte auf dem hinteren Ende des Schiffsdecks, die typisch für eine Kogge war. Sie boten der Besatzung Schutz vor Witterung und Deckung bei Angriffen. „Das Kastell war nach modernen Maßstäben nicht sonderlich komfortabel, aber im Vergleich zu den offenen Decks der Wikingerschiffe war es ein großer Fortschritt“, erklärt der Unterwasserarchäologe.

„Es gibt unzählige Zeichnungen von Koggen mit solchen Kastellen, aber bisher wurden sie nie gefunden, weil meist nur der untere Rumpfteil der Schiffe überdauert. Jetzt haben wir endlich den archäologischen Beweis.“

Wo ist die Fracht geblieben?

Was die Svaelget 2 bei ihrer letzten Fahrt geladen hatte, ist aber unklar. Die Fracht fehlt. „Wir haben keine Spur einer Ladung gefunden. Unter den bisherigen Funden ist nichts, das nicht zur Schiffsausrüstung gehörte oder zu persönlichen Gegenständen der Besatzung“, sagt Uldum. Andererseits legt das Fehlen von Ballast nahe, dass die Kogge zum Zeitpunkt ihres Untergangs voll beladen gewesen ist.

Möglicherweise ging die Ladung wie Salz oder Stoffballen nach dem Untergang der Kogge verloren. „Dies ist die größte Kogge, die wir kennen. Sie gibt uns eine einzigartige Gelegenheit, sowohl die Konstruktion solcher Schiffe als auch das Leben an Bord dieser größten Handelsschiffe des Mittelalters zu erforschen“, resümiert Uldum.

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Erstellt:
19. Januar 2026, 13:04 Uhr

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