Luftverteidigung
Selenskyj fürchtet Waffen-Engpass
Die Eskalation im Nahen Osten könnte die Ukraine hart treffen. Präsident Selenskyj äußert ernste Bedenken wegen der künftigen Versorgung mit Luftabwehrraketen.
© Sven Hoppe/dpa
Präsident Wolodymyr Selenskyj hat den Krieg gegen den Iran begrüßt. Doch der könnte für die Ukraine unerwünschte Nebenwirkungen haben.
Von Rainer Pörtner
Das laute Sirren der iranischen Shahed-Drohnen ist den Ukrainern seit Jahren vertraut. Viele Tausend dieser mit Sprengstoff bestückten Drohnen hat Russland gegen sein Nachbarland eingesetzt. Jetzt ist das markante Geräusch dieser Drohnen auch in Doha, Riad und Dubai zu hören. Teheran sendet zurzeit Schwärme dieser billigen, aber effektiven Waffe über den Persischen Golf und in Richtung Israel.
Für den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj hat das positive wie negative Konsequenzen. Einerseits fällt der Iran auf absehbare Zeit als Waffenlieferant für Russland aus, er braucht jetzt alle Waffen selbst. Das ist die gute Nachricht für Kiew. Andererseits benötigen die Amerikaner, die Israelis und alle anderen Staaten, die sich in Nahost gegen iranische Angriffe schützen müssen, Unmengen von Waffen und Munition zur Flugabwehr. Die Ukrainer müssen um ihren Nachschub bangen.
Ukraine braucht Rückhalt der USA
Der Krieg im Iran hat starke Nebenwirkungen auf den Krieg in der Ukraine. Wenn die Auseinandersetzung in Nahost länger anhalten sollte, könnte das insbesondere für Kiew ernste Probleme aufwerfen – politisch wie militärisch.
Selenskyj gehörte nach Beginn des israelisch-amerikanischen Angriffs auf den Iran zu den ersten Staats- und Regierungschefs, die sich demonstrativ hinter US-Präsident Donald Trump stellten. Immer wenn die USA entschlossen seien, würden globale Verbrecher schwächer, teilte er in einer Videobotschaft mit. Selenskyj braucht den Rückhalt und das Interesse der USA, wenn sein Land gegen Russland bestehen will. Aber mit dem Angriff auf die Mullahs in Teheran verschiebt sich der Fokus der Trump-Administration eindeutig in Richtung Nahost. Was sich im Iran abspielt, ist für sie jetzt viel wichtiger als das, was sich in der Ukraine tut.
Als Bundeskanzler Friedrich Merz den US-Präsidenten am Dienstag im Oval Office auf die Bedeutung der Ukraine hinwies, reagierte der zunächst nicht. Auf Nachfrage sagte er dann: „Wo steht die Russland-Ukraine-Frage auf meiner Prioritätenliste? Ganz oben.“ Ist dieser Zusicherung zu trauen?
Friedensgespräch kann nicht in Abu Dhabi stattfinden
Die laufenden Friedensgespräche zwischen den USA, Russland und der Ukraine sollen zwar weitergehen. Ein Treffen, das Ende dieser Woche in Abu Dhabi stattfinden sollte, muss möglicherweise an einen Ort weit entfernt von der Golfregion verlegt werden. Aber die US-Unterhändler dürften die Verhandlungen mit deutlich weniger Energie vorantreiben als bisher.
Noch größer sind Selenskyjs militärische Sorgen. „Es könnte schwierig werden, Raketen und Waffen für die Verteidigung unseres Luftraums zu beschaffen“, sagte Selenskyj Anfang der Woche. „Die Amerikaner und ihre Verbündeten im Nahen Osten könnten diese zur Verteidigung benötigen, zum Beispiel Anti-Patriot-Raketen.“
Der ukrainische Präsident verwies in dem Interview mit „Corriere della Sera“ auf Erfahrungen während der Angriffe der USA und Israels auf den Iran im Juni vergangenen Jahres. Damals habe sich die Lieferung von Raketen an sein Land verzögert. „Heute ist das noch nicht geschehen, aber ich befürchte, dass es sich wiederholen könnte.“
In seiner Not bietet Selenskyj den Amerikanern ein Tauschgeschäft an: Drohnenabwehr gegen mehr Raketenabwehr. „Sprechen wir über die Waffen, die uns fehlen: PAC-3-Raketen“, sagte Selenskyj. „Wenn sie uns diese liefern, liefern wir ihnen Abfangraketen.“ Die Ukraine verfügt nicht über genügend PAC-3-Raketen, um ihre Städte und kritische Infrastruktur zu verteidigen. Allerdings entwickelte Kiew in den vergangenen Jahren kostengünstige Systeme, die darauf ausgerichtet sind, anfliegende Kamikaze-Drohnen in der Luft abzufangen.
Moskau hofft auf steigenden Öl-Preis
Selenskyjs Gegenspieler, der russische Präsident Wladimir Putin, ist politisch auch geschwächt. Nach Baschar al-Assad in Syrien und Nicolás Maduro in Venezuela hat er binnen kurzer Zeit mit Ali Chamenei im Iran den dritten Partner verloren. Alle Welt hat gesehen, dass Moskau schwach ist und seinen Verbündeten keinen Schutz bieten kann.
Ökonomisch könnte Putin dennoch zu einem Gewinner des Iran-Kriegs werden. Russland ist dringend auf Öl- und Gasverkäufe zur Finanzierung seines Ukraine-Kriegs angewiesen. Sollte die Straße von Hormus längere Zeit blockiert und damit die Öl- und Gasversorgung der Welt erschwert sein, dürften die Preise für diese Rohstoffe weiter in die Höhe schnellen. „Bald mehr als 100 Dollar pro Barrel“, jubelte bereits Kirill Dmitrijew auf der Plattform X. Dmitrijew steht nicht nur an der Spitze eines russischen Investitionsfonds. Er ist gleichzeitig einer von Putins Chefunterhändlern in den Gesprächen mit Washington und Kiew.
