Sinnvolle Sofortmaßnahme oder teurer Unsinn?

Stuttgart ist besonders stark betroffen von Hitze. Die Stadt reagiert darauf, indem sie sich 29 Schirme und ein Sonnensegel leiht – und kassiert dafür deutliche Kritik.

Drei dieser Sonnenschirme stehen am Marga-von-Etzdorf-Platz; sie gehören zu den insgesamt 29 Stück, die die Stadt diesen Sommer über Stuttgart verteilt hat.

© Lichtgut/Max Kovalenko

Drei dieser Sonnenschirme stehen am Marga-von-Etzdorf-Platz; sie gehören zu den insgesamt 29 Stück, die die Stadt diesen Sommer über Stuttgart verteilt hat.

Von Judith A. Sägesser

Stuttgart - Um kurzfristig Schattenplätze zu schaffen, hat die Stadt Stuttgart diesen Sommer 29 Sonnenschirme aufstellen lassen. Während beispielsweise die Schattenspender am Bismarckplatz gut funktionieren, befand sich in Botnang ein Schirm im Schatten eines großen Baumes; und auch am noch recht neuen Marga-von-Etzdorf-Platz in Bad Cannstatt – einer Steinwüste – wirken die Sonnenschirme sinnlos.

Bereits 2024 hatte die Stadt erstmals 20 Sonnenschirme gemietet und sie an sieben Plätzen in Stuttgart aufgestellt. Vier der Standorte wurden mit Sitzblöcken ergänzt. In diesem Sommer wurde die Zahl der Schirme auf insgesamt 29 aufgestockt; sie stehen an zehn verschiedenen Orten, so Harald Knitter, Sprecher der Stadt. Diesen Sommer zum ersten Mal aufgespannt wurde ein Sonnensegel am Südheimer Platz. „Die Standorte sind vom Gemeinderat und Bezirksämtern vorgeschlagen worden“, so Knitter. Ein beauftragtes Ingenieurbüro habe diese gemeinsam mit der Stadt überprüft, „unter anderem hinsichtlich verkehrstechnischer und praktischer Gesichtspunkte wie beispielsweise Zufahrten, Veranstaltungen und Feuergassen sowie die übliche Nutzung der Plätze“. Aber auch hinsichtlich des Sonnenlaufs und Schattenwurfs. Für die Miete und Unterhaltung der Schirme fallen jährlich neue Kosten an. 2024 lagen sie bei 140 000 Euro, dieses Jahr bei 350 000 Euro, wobei 110 000 Euro auf das spektakuläre Segel am Südheimer Platz entallen. „Anmietung statt Kauf wurde auch deshalb gewählt, da das Programm nur im Doppelhaushalt 2024/25 finanziert ist und eine Fortführung bisher nicht beschlossen ist“, erklärt der Sprecher der Stadt. Um schnell Linderung in der Sommerhitze zu schaffen, habe man sich interimsweise Segel oder Ranken gewünscht, berichtet Lucia Schanbacher, Stadträtin der SPD und eine der treibenden Kräfte für mehr Hitzeschutz in der Stadt. Dass die Stadt so schnell reagiert habe, „ist vom Gedanken her richtig“. Allerdings: „So haben wir es uns nicht vorgestellt“, sagt sie und meint: „viele klitzekleine Schirme zu irren Kosten“.

Obschon Lucia Schanbacher eigentlich zu den Fürsprechern für mehr Hitzeschutz in Stuttgart zählt, ist sie kein Fan der neuen Schirme. „In Stuttgart gibt es innovative Projekte wie den Ecotrii.“ Sie meint einen Schattenspender aus Stahl und Kletterpflanzen, der seit Kurzem als Prototyp an der Eichstraße steht. Kosten: circa 20 000 Euro. Erdacht wurde er von zwei Stuttgarterinnen. Warum nicht kooperieren? Anstatt Schirme „an Orten aufzustellen, wo kein Mensch sitzt“.

Christine von Raven von der Stuttgarter Firma Transsolar sagt über die Schirme: „Das ist ein Anfang, aber es ist auch ziemlich eindeutig ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Transsolar hat Expertise bei Maßnahmen zu Klimaschutz und Klimaanpassung in Städten. Die zunehmende Hitze sei und werde „ein massives Problem in Stuttgart“. Da helfen 29 Schirme nicht. „Es muss viel größer gedacht werden.“

Wie machen es andere? Mannheim, das von den zunehmenden Temperaturen durch die Lage im Oberrheingraben besonders betroffen ist, gilt in Sachen Hitzeschutz als Vorreiter bundesweit. Auf Schirme wie in Stuttgart verzichtet man dort.

„Kurz-, mittel-, und langfristig ist die Installation von grün-blauer Infrastruktur die effektivste Synergie aus Klimaschutz und Klimaanpassung sowie hinsichtlich gesundheitlicher und Biodiversitätsgründen“, erklärt ein Sprecher der Stadt Mannheim auf Nachfrage.

Er meint damit einen Umbau zu einer Schwammstadt; einer Stadt, in der Starkregen nicht durch die Kanalisation abrauscht oder Keller volllaufen lässt. Das Wasser wird durch mehr Grünflächen gespeichert und kühlt bei Hitze durch Verdunstung ab.

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Erstellt:
22. August 2025, 22:06 Uhr
Aktualisiert:
23. August 2025, 22:06 Uhr

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