Alpenüberquerung 218 v. Chr.
Stammt ein ausgegrabener Knochen von Hannibals Elefanten?
Der Zug über die Alpen mit Kriegselefanten hat Hannibal zur Legende gemacht. In Spanien graben Archäologen einen Knochen aus, der ein erster physischer Beweis für die Existenz dieser Tiere in Europa zu dieser Zeit sein könnte.
© Imago/Panthermedia
Hannibals nordafrikanische Elefanten quälten sich 218 v. Chr. über die Alpen.
Von Markus Brauer
Ein rund 2250 Jahre alter Elefantenknochen, den Archäologen im Süden Spaniens ausgegraben haben, wird mit dem karthagischen Feldherrn Hannibal in Verbindung gebracht.
Mit fast 60.000 Soldaten und 37 Elefanten über die Alpen
Der legendäre punische General zog Historikern zufolge im Jahr 2018 v. Chr. mit etwa 50.000 Soldaten, 9000 Reiter und 37 Kriegselefanten aus der Region um die Küstenstadt Saguntum im heutigen Spanien aus über die Alpen nach Italien.
Mit dieser für unmöglich gehaltenen Route wollte Hannibal die Römer überraschen und militärisch in die Knie zwingen. Bisher gab es lediglich schriftliche und ikonografische Belege für den Einsatz von Elefanten in dieser Region zu dieser Zeit.
Knochen und 12 Steinkugeln ausgegraben
Der Knochen wurde bereits 2020 an der Ausgrabungsstätte eines alten befestigten Dorfes in der Nähe der südspanischen Stadt Córdoba ausgegraben. Am Fundort könnte es zu militärischen Auseinandersetzungen gekommen sein, bei denen auch der Elefant starb, schreiben die Forscher.
Dafür sprechen auch 12 Steinkugeln, die ebenfalls ausgegraben wurden. Die Experten vermuten, dass es sich dabei um Munition für karthagische Katapulte handelt.
Rechter Karpalknochen eines Elefanten
Der ausgegrabene Knochen gab den Forschern eine Reihe von Rätseln auf. Er konnte zunächst keiner einheimischen Tierart zugeordnet werden. Nach einer eingehenden Analyse des Knochens, die jetzt erst abgeschlossen wurde, konnte das Teil nun als rechter Karpalknochen eines Elefanten identifiziert werden. Das entspricht dem Knöchel des rechten Vorderbeins und ist vergleichbar mit dem menschlichen Handgelenk.
Das Forscherteam um Rafael M. Martínez Sánchez mutmaßt, dass der Elefant vor rund 2250 Jahren von den Karthagern als Kriegstier zum späteren Fundort gebracht wurde. Sie schließen jedoch aus, dass der ausgegrabene Knochen zu einem der 37 legendären Kriegstiere gehörte, mit denen Hannibal die Alpen überquert haben soll.
Vielmehr könnte es sich um ein Tier gehandelt haben, das im heutigen Spanien gehalten wurde und später zur Sicherung der Nachschubwege zum Einsatz kam.
Asiatischer oder afrikanischer Elefant?
Die Spatenforscher halten es auch für möglich, dass das Knochenfragment als eine Art Andenken von einem Menschen zum späteren Fundort gebracht wurde.
Nicht geklärt werden konnte bisher, ob es sich bei dem Elefanten um einen Asiatischen Elefanten oder eine bereits ausgestorbene afrikanische Elefantenart handelte, schreiben die Forschenden im „Journal of Archaelogical Science - Reports“.
#A single elephant #Bone discovered in Córdoba, Spain, offers the first direct physical evidence of war elephants in Western Europe during the Punic Wars, aligning with historical accounts. https://t.co/5Yl49NVTaXhttps://t.co/A9jwHt3FsA — Phys.org (@physorg_com) February 11, 2026
Gleichzeitig liefert der Knochen den ersten physischen Beweis für die Existenz der Kriegselefanten. „Der Knochen könnte sich als wegweisend erweisen“, erklärt Sánchez, der die Studie leitete. Bislang habe es „keine direkten archäologischen Belege für die Nutzung dieser Tiere gegeben“. Doch durch den beschriebenen Elefantenknochen könnte das nun anders sein.
Karthago und die Herrschaft der Phönizier
Im 6. Jahrhundert v. Chr. herrschte Karthago, eine aufstrebende phönizische Küstenkolonie im heutigen Tunesien, über diese Region. Diese kulturell phönizischen Gemeinschaften, die mit Karthago verbunden waren oder von Karthago regiert wurden, nannten die Römer punisch.
Das karthagische Reich hinterließ seine Spuren in der Geschichte. Bis heute weitbekannt sind die drei blutigen „Punischen Kriege“ gegen die aufstrebende Römische Republik um die Vorherrschaft im Mittelmeerraum.
Über welchen Pass zog Hannibals Heer?
Lange war umstritten, über welche Route und welchen Pass Hannibals Heer damals zog, da klare archäologische Belege fehlten. Im Jahr 2016 stießen William Mahaney von der York University in Toronto und seine Kollegen im Untergrund des Col de la Traversette, einem 2.947 Meter hohen Gebirgspass am Monte Viso in den Cottischen Alpen, auf mögliche Spuren.
Dieser Pass war schon vor Mitte des 20. Jahrhunderts als potenzielle Route Hannibals vorgeschlagen worden, konnte sich aber gegen weitere Pass-Kandidaten nicht durchsetzen.
Bei ihren Ausgrabungen wurden die Forscher vor zehn Jahren fündig: Sie entdeckten eine auffallend große Menge von organischen Ablagerungen, die sich bei näherer Analyse als alte Kotreste von Säugetieren entpuppten. „Diese Ablagerungen liegen in der aufgewühlten Masse einer einen Meter dicken Schlammschicht“, berichtete Koautor Chris allen von der Queen’s University Belfast im Fachjournal „Archeometry“.
Ablagerungen von tausenden von Tieren und Menschen
Datierungen ergaben, dass diese organischen Relikte mehr als 2160 Jahre alt sind. Und daher sehr gut im Jahr 218 v. Chr. entstanden sein können. Ihre schiere Menge spricht zudem dafür, dass an diesem Pass einst ungewöhnlich viele Tiere lagerten. „Diese Ablagerungen wurden durch die ständige Bewegung von tausenden von Tieren und Menschen produziert“, schreibt Allen.
Ein weiteres Indiz: In den Kotresten fanden die Forscher große Mengen von Genen der Bakteriengattung Clostridia, einer Gattung, die noch heute vor allem in Pferdekot vorkommt. „Mehr als 70 Prozent der Mikroben in Pferdeäpfeln sind Clostridien – und sie können Jahrtausende im Boden überdauern“, so Allen.
Die auffällig vielen alten Genspuren dieser Mikroben am Col de la Traversette kann nach Ansicht der Forscher kein Zufall sein. „Diese Ergebnisse sind der erste chemische und biologische Beweis dafür, dass hier zur Zeit des punischen Krieges eine große Zahl von Säugetieren vorüberzog – und das dies sehr wahrscheinlich die Route von Hannibals Armee war“, schreiben die Spatenforscher.
Vermutlich zog Hannibal von Spanien weiter über das Tal der Rhone und dann möglicherweise über das Tal der Isére in neun Tagen weiter in die Alpen. In den Bergen führte das schlechte Wetter beim Aufstieg und Kämpfe mit ansässigen keltischen bergstämmen zu hohen Verlusten. Auf dem Gebirgspass musste das Heer drei Tage lagern, bis Geröll auf der Abstiegsseite beseitigt war. Die Überquerung der Alpen soll insgesamt 16 Tage gedauert haben.
