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Streit um Wiederaufbaupläne für Kirche

Serie „Vor 75 Jahren: Erinnerungen an das Notjahr 1947“ (Ende) Die Menschen in Murrhardt und Umgebung waren vor allem damit beschäftigt, ihre Häuser und öffentlichen Gebäude neu zu errichten. In Kirchenkirnberg sorgte das beim Gotteshaus für Auseinandersetzungen.

Aufnahme vom Richtfest der wiederaufgebauten Kirchenkirnberger Kirche. Foto: Stadtarchiv Murrhardt

Aufnahme vom Richtfest der wiederaufgebauten Kirchenkirnberger Kirche. Foto: Stadtarchiv Murrhardt

Von Elisabeth Klaper

Murrhardt. Dem allgegenwärtigen Mangel und den dadurch verursachten Schwierigkeiten zum Trotz herrschte 1947 so etwas wie Aufbruchstimmung in der Walterichstadt und den Nachbargemeinden Fornsbach und Kirchenkirnberg. Überall begann man mit dem Wiederaufbau von Gebäuden, die für die Orte und das Gemeinwesen wichtig waren. Hauseigentümer, deren Gebäude im Krieg zerstört worden waren, erhielten Wiederaufbauspenden und Steuernachlässe, mussten sich jedoch meist selbst darum kümmern, das erforderliche Baumaterial zu bekommen.

Ein Kindergarten aus Holz im Stadtgarten und ein neues Freibad

Wegen der vielen Kinder, die zu betreuen waren, baute man für den Kindergarten im Stadtgarten ein Holzhaus mit zwei Räumen für je etwa 70 Kinder, einer WC-Anlage und einer Wohnung für die Kindergärtnerin. Zudem begann der Bau des Freibades. Das Schwimmbecken sollte 75 Meter lang und 25 Meter breit sein. Bürgermeister Georg Krissler und die Stadträte fanden es „bedauerlich, dass Murrhardt als Luftkurort noch kein Freibad hat“. Dafür war eine Rücklage von über 120800 Reichsmark vorhanden, hinzu kam eine Spende der Lederfabrik Schweizer von 50000 Reichsmark. Zwar sei es nicht möglich, das Freibad auszuzementieren, „aber die umfangreichen Erdarbeiten können sofort in Angriff genommen werden“. Dazu sollten ein Bagger eingesetzt werden und vor allem Jugendliche als Freiwillige „bei dieser Gemeinschaftsaufgabe“ mitwirken. Eine Cannstatter Baufirma begann mit Planier- und Baggerarbeiten. Für die Zuleitung benötigte man 500 Meter Rohre, das Wasser entnahm man aus dem Trauzenbach. Eine Kiesschicht bildete den Bodenbelag, der Nichtschwimmerbereich war mit Zementplatten auszulegen oder ganz auszuzementieren; wegen des Zementmangels belegte man die Wände vorerst mit Brettern. 1947 siedelten sich einige neue Unternehmen in der Walterichstadt an, so Ende Mai die Firma Fromm-Spintex, die Spindeln für Spinnereimaschinen herstellte. Die Produktion startete dort, wo mittlerweile der Neubau der Erich-Schumm-Stiftung steht, später zog die Firma auf das Gelände des heutigen Werks der Robert Bosch GmbH in Murrhardt.

In Fornsbach mussten die Wiederaufbau- und Instandsetzungsarbeiten der Gemeinde „immer wieder zurückstehen“, da die Einwohner zuerst die eigenen Häuser wiederaufbauen mussten, um Wohn- und Arbeitsräume für sich und die Zugezogenen zu haben. „Das schwerbeschädigte Schulhaus ist nur zum geringen Teil wieder instandgesetzt. Die Trümmer des total zerstörten Rathauses liegen noch so da wie nach dem Fliegerangriff“ am 18. April 1945. Dessen Wiederaufbau „muss so rasch als möglich“ beginnen, forderte Bürgermeister Eugen Kinzer im Gemeinderat. „Es ist (...) ein unmöglicher Zustand, dass sich der gesamte Rathausbetrieb in einem kleinen Zimmer im Schulhaus abspielt.“ Darin arbeiteten „der Bürgermeister, die Hilfskräfte, die Kartenstelle, der Gemeindepfleger, der Verwaltungsaktuar und der Notar“. Außerdem fanden dort „die Sitzungen und die Trauungen“ statt. Auch waren die Räume im Rathaus „zur Unterbringung der Feuerwehr- und sonstigen Geräte dringend erforderlich“. Darum stellte die Gemeinde für den Rathauswiederaufbau einen Zuschussantrag ans Innenministerium von 10000 Reichsmark aus dem Ausgleichsstock.

Das Fornsbacher Rathaus sollte zweistöckig wiederaufgebaut werden

Im Spätsommer beauftragte der Fornsbacher Gemeinderat vier Architekten aus Backnang, Murrhardt und Gaildorf, Entwürfe vorzulegen: Wer die beste Lösung fand, sollte den Planungsauftrag erhalten. Nach der Besichtigung mit dem Kreisbaumeister Mitte September sollte das Rathaus zweistöckig wiederaufgebaut werden, auch holte die Gemeinde ein Gutachten vom Aufbauamt II in Ludwigsburg ein. Am 5. November entschied der Gemeinderat, den Architekten Erwin Schweizer aus Gaildorf mit der Planung zu beauftragen.

In Kirchenkirnberg bewegte die Einwohner der Wiederaufbau der Kirche, die nach dem Luftangriff am 18. April 1945 vollständig ausgebrannt war. Die Umfassungsmauern standen noch und waren nur auf einer Seite leicht beschädigt, auch der Turm blieb fast unbeschädigt. Nach Auffassung des Gemeinderats war „der Wiederaufbau Sache sämtlicher Bürger der Gemeinde“. Doch die Kirchengemeinde Kirchenkirnberg hatte dem Bauamt bereits einen Wiederaufbauplan zur Genehmigung vorgelegt. Professor Hanns Seytter aus Stuttgart, Dozent an der Technischen Hochschule und Hauptbauberater der Württembergischen Landeskirche, fertigte im Frühjahr 1946 einen Entwurf, der „ganz der nachher gebauten Kirche entspricht“, berichtet Eberhard Bohn im 2004 herausgegebenen Heimatbuch „Kirchenkirnberg. Ein Pfarrdorf an der Grenze“.

Die Vorderfront der alten Kirche sollte erhalten bleiben. Den Baugenehmigungsantrag stellte Bürgermeister Karl Pressler schon im Juli 1946. Aber die bürgerliche Gemeinde erhob Widerspruch und 90 Prozent der Einwohner waren mit dem Wiederaufbauplan nicht einverstanden. Dieser „stellt einen groben Eingriff in die geschichtliche und heimatliche Eigenart der Gemeinde dar, weshalb bei den zuständigen Behörden Einspruch erhoben wird“: Die Kirche und der Turm sollten so wiederaufgebaut werden wie vor der Zerstörung, befand der Gemeinderat. Da das Kirchenschiff zu lang war, könnte man eine Zwischenwand einziehen und den hinteren Raum für kirchliche Zwecke verwenden. Der Wiederaufbau in alter Form „würde ungeheuer viel Arbeitskraft, Baumaterial und Geld“ einsparen: So könnte man die Kirche in zwei bis drei Jahren wiederaufbauen und nutzen, „was dringend erforderlich wäre“. Beim Aufbau nach dem neuen Plan würde es dagegen sechs Jahre dauern. In der Jubiläumssonderveröffentlichung „800 Jahre Kirchenkirnberg“ der Murrhardter Zeitung von 1981 heißt es dazu: Erst im Frühjahr 1947 beseitigte man die Trümmer der Kirche und nahm Abbrucharbeiten vor, im Sommer gab es Streit über die Vergabe der Bauleitung.

Sitzplatzanzahl in der Kirchenkirnberger Kirche wurde stark reduziert

Zwar entschied man in einer Bürgerversammlung am 16. November 1947, die Kirche in alter Form wiederaufzubauen, doch einigte man sich später auf Seytters Plan, der vorsah, die Zahl der Sitzplätze von 1200 auf nur noch 520 zu reduzieren. Die Genehmigung verzögerte sich laut Bohn bis 1948, die Wiederaufbauarbeiten begannen noch später, denn der Wiederaufbau der Wohnhäuser hatte Priorität und die beauftragten kleinen örtlichen Handwerksbetriebe stießen an ihre Kapazitätsgrenzen. Zudem waren alle Baustoffe sehr knapp und vom Aufbauamt in Ludwigsburg zu beziehen. Auch mussten diverse Ämter wie das Landesamt für Denkmalpflege zustimmen.

Nach Kriegsende löste die US-Militärregierung sämtliche Vereine auf und erteilte ab 1947/48 nur unter strengen Auflagen Wieder- und Neugründungsgenehmigungen, berichten Jubiläumsfestschriften. Zugleich begannen die Vereinsaktivitäten erneut: In Kleinstädten wurde nur ein Sportverein lizenziert. So fusionierten am 9. Februar 1947 als „Spielvereinigung Murrhardt“ Reste des alten Turnvereins und die bereits lizenzierte „Sportvereinigung Murrhardt“, der Verein für Rasenspiele (VfR). Da die sportlichen Interessen zu weit auseinandergingen, kam es am 20. März 1948 zur Wiedergründung des „Turnverein 1848 Murrhardt“. Fürs Training stand nur eine kleine Fläche entlang der Blumstraße zur Verfügung, erst 1949 konnte der Sportplatz an der Stadthalle wieder genutzt werden.

Der Liederkranz begann am 21. September 1946 wieder mit den Singstunden, am 1. Februar 1947 fand die erste Hauptversammlung nach Kriegsende in der Sonne-Post statt und am 15. Februar folgte der erste Chorauftritt bei einem Volksliederabend in der Stadthalle. Die Kapelle des Musikvereins Stadtkapelle war in den ersten Nachkriegsjahren auf nur zehn Musiker zusammengeschrumpft und ohne Dirigenten. Zwei Bläser des Posaunenchors der Methodistenkirche unterstützten sie, die Lederfabrik Schweizer stellte Instrumente und Noten der früheren Werkkapelle zur Verfügung. Ab 1948 kamen die Musiker wieder regelmäßig zum Üben zusammen.

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Erstellt:
14. September 2022, 06:00 Uhr

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