Transzendente Klänge in der Murrhardter Stadtkirche

Der Kirchenmusikdirektor Gerhard Paulus aus Winnenden spielt beim Internationalen Orgelzyklus Bach, Brahms und Liszt. Seine Interpretationen loten Themen zwischen Himmel und Erde sowie facettenreiche Emotionen aus.

Bevor sich Gerhard Paulus an die Mühleisen-Orgel in der Stadtkirche setzte, gab er eine Einführung in die Werke. Foto: Stefan Bossow

© Stefan Bossow

Bevor sich Gerhard Paulus an die Mühleisen-Orgel in der Stadtkirche setzte, gab er eine Einführung in die Werke. Foto: Stefan Bossow

Von Petra Neumann

Murrhardt. „Ich habe Ihnen kein sommerlich leichtes Programm mitgebracht“, lautete der erste Satz der Einführung von Gerhard Paulus beim 39. Konzert des Internationalen Orgelzyklus in der Stadtkirche. Der Kirchenmusikdirektor aus Winnenden hatte Spätwerke von Bach, Brahms und Liszt mitgebracht, die sich mit transzendenten Themen beschäftigen.

„Johann Sebastian Bach war schon als junger Musiker für seine virtuosen Orgelwerke bekannt. Doch als er in der Thomaskirche zu Leipzig wirkte, war er nicht als Organist engagiert worden. Die fünfstimmige Fuge wurde wohl erst später mit dem Präludium zusammengefügt. Sie ist wie eine Rede gehalten und ein sehr dicht durchwobenes Werk“, erläuterte der Musiker. Tatsächlich macht die Interpretation von Präludium und Fuge c-Moll BWV 564 von Gerhard Paulus daraus ein strenges Werk. Seine Lesart spricht von Geboten, von Ordnung, die die Grundlage eines Zusammenlebens sind.

Allein schon der Auftakt entführt die Zuhörerinnen und Zuhörer in ein Reich der Regeln, die aber so intelligent sind, dass sie im weiteren Verlauf Modulationen zulassen. Diese erzeugen eine wellenhaft anmutende Strömung, welche folgerichtig den Logos in eine lebendige Schöpfung transferieren, die wiederum immer wieder neue Wege geht.

Bachs Komposition „Christ unser Herr zum Jordan kam“ BWV 684 ist eine musikalische Umsetzung der tatsächlichen Reise zum Jordan und ihrer Bedeutung im geistlichen Sinne. Ihr haftet ein bewegtes Moment an, so als wollte sie die tatsächliche Wanderung des Herrn beschreiben, aber auch zugleich den geistlichen Aspekt der Taufe, da sie der Auftakt von Christi Wirken war. Es ist ein vorgezeichneter Weg, der stringent verfolgt werden musste. Das virtuose Spiel von Gerhard Paulus ließ das Publikum richtiggehend an diesem Geschehen teilhaben.

„Johannes Brahms beschäftigte sich in Zuge der Bach-Rezeption des 18. Jahrhunderts sehr intensiv mit Bach. Das zeigt sich schon in dem Titel ,Präludium und Fuge g-Moll WoO 10‘, doch ist die Musik durchaus von der Romantik beeinflusst“, führte Gerhard Paulus weiter aus. Tatsächlich ist die Musik trotz der barocken Struktur viel leichter, so als schwebe sie über der Erdenschwere. So erklingen sphärische Sequenzen, die zu wirbeln scheinen und den Raum mit ihrem Lebensfluidum erfüllen, als wären sie trotz der Molltonalität reine Himmelsgebilde. Die drei Choralvorspiele op posth. 122 „O Gott, du frommer Gott“, „Schmücke dich, o liebe Seele“ und „Herzlich tut mich verlangen“ sind verschieden in ihrem Charakter. Während das erste Vorspiel getragen ist, den Aspekt von Ehrfurcht und Demut vermittelt, ist das zweite sehr innig, strebt doch die Seele ihrer ureigenen, nicht irdischen Heimat zu, die voller Frieden und Geborgenheit ist. Dem letzten Stück hingegen entströmen dunkle, warme Klänge, die in sich gefasst und gewiss zugleich sind. Es liegt der Moment des Trosts darin, das Wissen um den Herzschlag des Seins.

Franz Liszt war mit „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen, Variationen über einen Basso continuo aus der gleichnamigen Bach-Kantate BWV 12“ vertreten und er greift in die Vollen, um diese intensiven Gemütszustände in Noten zu fassen. Das Werk ist ein Wechselspiel der Empfindungen, die von einem Extrem zum anderen schwingen. Da wechseln sich Urgewalten mit zarten, eher ätherischen Tönen in einem fulminanten Klangfacettenreichtum ab.

Gerhard Paulus ließ das musikalische Subjekt jede Möglichkeit menschlicher Emotionalität erleben. Eine wirklich beeindruckende Interpretation, die wie bei den anderen Werken sehr berührte und wieder ein Höhepunkt dieser Konzertreihe war.

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Erstellt:
4. Juli 2024, 06:00 Uhr

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