Unterstützung und Begleitung mit langer Tradition
Marco Kelch stellt in Sulzbach die bewegte Geschichte und die heutige Arbeit der Paulinenpflege Winnenden vor.
Sulzbach an der Murr. Am ersten Abend der dreiteiligen Vortragsreihe „Beratung – Hilfe – Perspektive“, die der ökumenische Arbeitskreis der Seelsorgeeinheit Oberes Murrtal veranstaltet, war Marco Kelch, langjähriger Pressewart der Paulinenpflege Winnenden, in Sulzbach an der Murr zu Gast. „Ein erfüllender Abend – denn Nächstenliebe und Herzenswärme sind bei der Paulinenpflege greifbar und spürbar“, heißt es in einem Bericht über die Veranstaltung. Die Paulinenpflege ist eine diakonische Einrichtung und sucht auch Kontakt zu den Kirchengemeinden. Seit dem Gründungsjahr 1823 bis zum heutigen Tag gestaltet sie das Leben mit den und um die ihr anvertrauten Menschen unter dem Motto „Weil das Leben bunt ist“.
Marco Kelch gab einen Überblick rund um die geschichtliche Entwicklung und schloss Einblicke in die Arbeit an. Große Not herrschte in der Gründungszeit 1823 durch den Ausbruch des Vulkans Tambora und die Folgen. Dazu kam, dass alleinerziehende Frauen großer Familien aufgrund der vorausgegangenen napoleonischen Feldzüge und der folgenden Auswanderungswelle nach Amerika den Alltag alleine zu bewältigen hatten. Die Institution, die heute unter dem Namen Paulinenpflege bekannt ist, rief der hoch motivierte Pfarrer Friedrich Jakob Heim für elf Kinder ins Leben. Sie wurden damals im sogenannten Rettungshaus in Winnenden betreut. Vor dem Hintergrund der Geburt des Thronfolgers Karl von Württemberg (1823 bis 1891) erhielt die Paulinenpflege finanzielle Unterstützung.
Königin Pauline wird Namensgeberin
Die Einrichtung nahm sich damals „verwahrloster“ junger Menschen sowie Gehörloser an. Königin Pauline von Württemberg, Mutter des kleinen Karl, stimmte zu, ihren Namen für die neu gegründete Institution zu verwenden. In der Zeit von 1823 bis 1967 waren noch alle Gebäude der Paulinenpflege in der Innenstadt von Winnenden angesiedelt. 1967 wurde die Landwirtschaft nach Hertmannsweiler ausgelagert. Im Jahr 1990 kam die blaue Arche hinzu – als Einrichtung für schwerst geistig behinderte Menschen. Zu deren eigenem Schutz wurde um das großzügige Grundstück ein Zaun errichtet und somit konnte ihnen auch ein Gefühl von Freiheit vermittelt werden, da sie sich nun freier bewegen konnten. Seit 1984 können beim Berufsbildungswerk (BBW) in Winnenden etwa 30 verschiedene Berufe erlernt werden. Die jungen Menschen, die sich mit unterschiedlichen Einschränkungen der Sinne zurechtfinden müssen, kommen nach neunjähriger Schulzeit und mit ungefähr 300 Gebärdenwörtern ins BBW und lernen dort weitere berufsspezifische Fachbegriffe. Zur Einordnung: Im alltäglichen Sprachgebrauch werden zwischen 2000 und 3000 Wörter genutzt. Diese Ausbildung lässt sich auch mit einem Gesellenbrief abschließen. Der anfängliche Kostenaufwand rechnet sich laut Marco Kelch für die Gesellschaft, da im Lauf des Lebens die Steuern der Beschäftigten dies ausgleichen.
Weitere Themen
Aktuell hat die Paulinenpflege 1800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie 4000 Betreuungsplätze (verschiedene Maßnahmen). Jüngeren Datums ist ein Haus in Leutenbach, in dem sechs minderjährige Mütter mit ihren Babys begleitet werden. In
der Nachbargemeinde Oppenweiler hat die Paulinenpflege vor 20 Jahren auf der Burg Reichenberg einen Gebäudekomplex angemietet. Nach einer Umbauphase aufgrund baurechtlicher Vorgaben können jetzt wieder Menschen dort leben und betreut werden, die besonders ruhebedürftig sind.
Eine besondere Schule im Kreis befindet sich in Winnenden – die Bodenwaldschule, das älteste Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentrum für emotionale und soziale Entwicklung im Rems-Murr-Kreis.
In weiteren Einrichtungen werden sinnesbehinderte Kinder in Kleingruppen unterrichtet und betreut. Die Paulinenpflege bietet zudem inzwischen eine ambulante Therapie im Zentrum für Autismus-Kompetenz in Stuttgart an. Am Ende des Abends war klar, wie umfangreich das Angebot der Paulinenpflege heute ist. pm
Vorträge Der nächste Vortrag findet am Mittwoch, 28. Januar, um 19 Uhr im Saal
der katholischen Kirchengemeinde Sankt Paulus, Friedhofstraße 14, in Sulzbach statt. Wolfgang Sartorius spricht zum Thema: „Vom Ursprungsimpuls zur Gründung der Erlacher Höhe in die Gegenwart: Wie erleben Menschen in sozialen Notlagen Teilhabe in unserer Gesellschaft?“ Der dritte und letzte Abend ist am Mittwoch, 11. Februar, um 19 Uhr. Zu Gast ist Simone Ohland mit dem Thema „Familien, die in Krisen geraten, finden ein offenes Ohr und (Erziehungs-)Beratung“, ebenfalls im Saal der Gemeinde.
