Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Verbeugung vor dem Grashalm

Beim Kunstgespräch stellt Kirstin Krack Emanuele Coccias „Philosophie der Pflanzen“ vor – Ansatz spiegelt neue Denkrichtung

Einerseits ist es ein drastischer Perspektivwechsel, andererseits gibt es eine Reihe aktuell diskutierter Ansätze, die in eine ähnliche Richtung weisen: Emanuele Coccia hat sich in seinem Essay „Philosophie der Pflanzen“ mit dem beschäftigt, was die Welt von Gras, Blume und Baum im Innersten ausmacht. Kirstin Krack führte beim Kunstgespräch in seine Gedanken ein und bereicherte damit die Ausstellung „Landart – Spuren der Natur“ um eine weitere Facette.

Margit Körner alias Mäg Körner (links) und Gabriele Rösch haben zum Abschluss noch mal durch die Ausstellung geführt. Archivfoto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Margit Körner alias Mäg Körner (links) und Gabriele Rösch haben zum Abschluss noch mal durch die Ausstellung geführt. Archivfoto: J. Fiedler

Von Christine Schick

MURRHARDT.„Landart – Spuren der Natur“ hat Arbeiten von Margit Körner gezeigt, ging aber mit einem umfangreichen Rahmenprogramm weit über eine übliche Ausstellung hinaus. Es wurden exemplarisch Blühbeete angelegt, es gab einen Aktionstag rund um den Naturschutz sowie Kunstgespräche zur Entstehung der Richtung und Vertretern. Vor Abschluss der Ausstellung und auch des Formats Kunstgespräch stellte die Philosophin und Ethnologin Kirstin Krack Emanuele Coccias „Philosophie der Pflanzen“ vor.

Das Essay von 2016 möchte zu einem Perspektivwechsel anregen und sich in die Pflanzenwelt vertiefen. Diese gleichberechtigte Sicht auf alle Lebewesen ist nicht ganz selbstverständlich. „Für Coccia ist die Debatte der Veganer oder Vegetarier im Grunde nicht zielführend, er fragt, weshalb man die eine Gruppe schont, um die andere zu opfern“, sagte Kirstin Krack. Die Grundidee: Ob beim Essen von Pflanzen oder Fleisch – es handelt es sich immer darum, Material in den eigenen Stoffwechsel einzubauen, das wieder – spätestens mit dem Tod – gewandelt wird. Die Pflanze mit ihrem festen Standort braucht Erde, Himmel und Sonne sowie Insekten, um sich auszudehnen. Sie ist der Umwelt extrem ausgesetzt, wobei die Oberfläche wichtiger als das Volumen ist. Diese Fähigkeit, mit der Welt zu verschmelzen, aus Licht, Luft und Wasser Substanz aufzubauen, macht sie zu einem Zwitter aus Kosmos und Erbauer. „Die Pflanzen haben die Atmosphäre aufgebaut, sind lange da, bevor der Mensch die Bühne betritt“, sagte die Referentin. „Subjekt und Objekt verschmelzen.“ Nicht weit ist der Weg zum Ansatz der Biologin Lynn Margulis, die nicht so sehr vom Kampf, sondern vielmehr von der Kooperation als wichtigem Entwicklungsprinzip ausging. Vernetzung, Verschmelzung und Symbiose sind Aspekte, die auch in aktuellen Bestsellern wie den Büchern von Peter Wohlleben eine zentrale Rolle spielen, merkte Kuratorin Gabriele Rösch an. „Jetzt im Stadium der Bedrohung registrieren wir, dass wir Teil der Natur sind.“

Der Ansatz hat auch für weitere Lebensbereiche Relevanz. Er würde bedeuten, beispielsweise in der Wissenschaft stärker den Austausch und nicht so sehr die Spezialisierung zu suchen, die mit der Industrialisierung Einzug hält und mit der Digitalisierung noch weiter verstärkt wird. In der Lesart Kirstin Kracks vollzieht Emanuele Coccia auch einen ganz grundsätzlichen Perspektivwechsel, sieht in der Pflanzenwelt durch Reaktion und Kommunikation (bei Musik oder Angriff von außen) und mit der Fähigkeit zwischen sich und der Umwelt zu unterscheiden den Hinweis für Bewusstsein. Fazit: Zu einem umfassenden Verständnis des Lebendigen gehört auch die Welt der Pflanzen.

Gabriele Rösch stellte in der anschließenden Diskussionsrunde die Frage, was sich möglicherweise an Lösungsansätzen für die drängende Umweltproblematik bietet. Es kristallisierte sich heraus, dass die Perspektive mit ihren Aspekten der Vernetzung und Vermischung zwar viele Unschärfen mit sich bringt, gleichsam aber eine Grundhaltung transportiert und anbietet, die Keim von Lösungsansätzen sein könnte. „Uns fehlt mittlerweile einfach die Bodenhaftung“, so eine Stimme aus dem Publikum, „Werden und Vergehen gehört dazu.“ Essen wieder im umfassenden Sinn zu genießen, das Wissen von Naturvölkern als wertvoll zu respektieren bis hin zu bewusster Wertschätzungen waren einige Ideen dazu. „Die Frage ist vielleicht auch, wie wir der Natur anders begegnen können“, sagte Kirstin Krack. Der Biologe und Philosoph Andreas Weber schlage dazu beispielsweise vor, auf seinem Weg auch ein Eichhörnchen zu begrüßen. Für die Pflanzenwelt hieße das, sich dann auch mal vor dem Grashalm zu verneigen.

Gabriele Rösch ergänzte, dass diese Haltung einen grundlegenden Kulturwandel bedeute – von einem des Konkurrenzkampfs zu einem der Kooperation und einem Bewusstsein, Teil der Natur zu sein.

Emanuele Coccia: Die Wurzeln der Welt. Eine Philosophie der Pflanzen. Carl-Hanser-Verlag, 2018, 20 Euro. ISBN: 978-3-446-25834-1.

Verbeugung vor dem Grashalm

© Jörg Fiedler

Info
Finissage und die Samen

Die sehr gut besuchte Ausstellung „Landart – Spuren der Natur“ von Mäg Körner ist mit einer Finissage zu Ende gegangen. Das beinahe halbjährige Kunstprojekt mit Ausstellungsbereich in der Städtischen Kunstsammlung und Pflanzbeeten davor war zugleich ein Gemeinschaftsvorhaben vieler Institutionen, wie Kuratorin Gabriele Rösch in Erinnerung ruft. Schautafeln im gemeinsamen Foyer der Stadtbücherei und Kunstsammlung zeigen im Oktober die einzelnen Projektschritte sowie Arbeiten der Kinderkunstaktion der Riebesam-Stiftung und der Stadtbücherei.

Ein großer Stadtplan markiert die neuen Wirkungsorte der Pflanzensamentüten, die im Rahmen von „Landart – Spuren der Natur“ verteilt wurden. Das Kunstprojekt wird – so der Wunsch der Künstlerin – in den Gärten im kommenden Jahr durch blühende Beete fortgeführt.

Zum Artikel

Erstellt:
5. Oktober 2019, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Lesen Sie jetzt!

Murrhardt und Umgebung

Kompass im Mediendschungel

Jahresbericht der Stadtbücherei für 2017/18: Gemeinderat hebt Bedeutung der Leseförderung hervor – Notwendigkeit der Renovierung