Viele Auswanderer waren Farmer oder Handwerker

Beim jüngsten Geschichtstreff erläutert der Geschichtsvereinsvorsitzende Andreas Kozlik seine Forschungen über Personen, die zwischen 1830 und 1939 von Murrhardt und Umgebung in die USA auswanderten, und zeichnet beispielhafte Lebenswege nach.

Eine Ansicht der Stadt Bremerhaven im Jahr 1845, von wo aus Auswandererschiffe losfuhren. Foto: Historisches Museum Bremerhaven

Eine Ansicht der Stadt Bremerhaven im Jahr 1845, von wo aus Auswandererschiffe losfuhren. Foto: Historisches Museum Bremerhaven

Von Elisabeth Klaper

Murrhardt. Großes Interesse fand der Vortrag zur Auswanderung von der Walterichstadt und Umgebung nach Amerika beim jüngsten Geschichtstreff im Carl-Schweizer-Museum. Andreas Kozlik erforscht diese seit Langem: Er hat eine Datenbank mit Informationen über fast 2000 Personen erstellt, die zwischen 1830 und 1939 in die USA emigrierten. Der Geschichtsvereinsvorsitzende informierte über die Gründe und den Ablauf der Auswanderung.

Die meisten verließen die Heimat aufgrund von wirtschaftlichen Schwierigkeiten: „Es gab viel mehr Handwerker als man brauchte.“ Oder sie hatten familiäre Probleme: „Viele Söhne, deren Väter sie wegen Streitigkeiten enterbten.“ Väter unehelicher Kinder drückten sich vor den Versorgungspflichten, junge Männer vor dem Militärdienst, andere flohen vor Bestrafung. In Württemberg gab es klare rechtliche Regeln: Auswanderer durften keine anhängigen Gerichtsverfahren haben, mussten schuldenfrei sein, auf ihr Bürgerrecht und Sozialversorgungsansprüche verzichten. Daher behandelten die Behörden Rückkehrer wie Ausländer, erklärte Kozlik.

Alle hofften darauf, ihre persönliche Situation zu verbessern, einige folgten bereits emigrierten Verwandten und kamen anfangs bei diesen unter, um das Risiko des Scheiterns zu verringern. Etwa die Hälfte der Auswanderer „ging einfach“, die andere auf legalem Weg. Man stellte einen Antrag, kaufte eine Schiffspassage beim Auswanderungsagenten und Schlossermeister Ferdinand Nägele und machte sich auf den beschwerlichen Weg, vor dem Bau der Murrbahn zu Fuß oder per Kutsche. Erstes Ziel war Heilbronn: Auf dem Neckar fuhr man per Boot nach Mannheim, auf dem Rhein per Kahn zu einem Atlantikhafen, anfangs Le Havre oder Antwerpen, später Bremerhaven oder Hamburg.

Schicksale von 1000 Menschen ermittelt

Auswandererschiffe hatten ein Mitteldeck, wo möglichst viele Personen eingepfercht waren und sich selbst verpflegen mussten. Anfangs dauerte die Atlantiküberquerung etwa 14 Tage und verkürzte sich später durch technischen Fortschritt auf wenige Tage. Nach der Ankunft, meist in New York, registrierten die US-Behörden die Auswanderer. Gefürchtet war die medizinische Untersuchung, denn Kranke und Menschen mit Behinderungen schickte man postwendend wieder zurück. Auch dank Informationen von Nachkommen aus den USA konnte der Historiker bisher die Einzelschicksale von rund 1000 Ausgewanderten ermitteln.

„Für viele Familien der US-Mittel- und Oberschicht ist Genealogie ein Hobby: Ihnen ist es wichtig, zu erfahren, wo ihre Vorfahren herkommen“, so Kozlik. Seine Hauptquellen sind im Stadtarchiv vorhandene Teilungsakten, Kirchenbücher und standesamtliche Unterlagen aus Deutschland und den USA, Passagierlisten der Schiffe, Einwandererregistrierungs- und Volkszählungslisten, die in den USA alle zehn Jahre erstellt wurden. Diese sind fast komplett erhalten, samt Geburts- und Familiendaten, Einwanderungsjahren und Berufen, die bis 1950 zugänglich sind.

Ankunft von Auswanderern in New York 1896. Foto: www.planet-wissen.de

Ankunft von Auswanderern in New York 1896. Foto: www.planet-wissen.de

Selten bewahrte die Verwaltung Briefe Ausgewanderter mit Informationen über Verwandte in Erbschaftsakten auf. Eine gute Informationsquelle ist die Internetseite „Find a Grave“: Viele Gräber bleiben in den USA erhalten. Kozlik fand so etwa 300 Gräber von aus Murrhardt stammenden Personen, die ihre Vor- und Nachnamen teils zur leichteren Aussprache amerikanisierten: Geistdörfer wurde zu „Christopher“ oder „Henrike“ (Rike) zu „Rachel“. Die meisten wanderten in wirtschaftlich schlechten Zeiten aus, so in den 1850er- oder 1880er-Jahren und im Krisenjahr 1923.

Viele deutsche Siedlungen im Osten

Ein Großteil war zwischen 15 und 35 Jahre jung, erschreckend viele Jugendliche schickte man allein oder mit Geschwistern nach Amerika, möglichst zu Verwandten. Ziele waren meist die Staaten an der Ostküste mit vielen deutschen Siedlungen oder der mittlere Westen. Viele Ausgewanderte bauten sich erfolgreich eigene Existenzen auf als Farmer, wie Friedrich Geistdörfer in Saskatchewan (Kanada). Dabei war er noch ein Kind, als seine Eltern zwei Jahre nach der Ankunft an Cholera starben. Andere arbeiteten als Handwerker und eröffneten eigene Geschäfte, wie Gottfried Gottlieb Elser, Auto- und Möbel-Kunstpolsterer in Kansas City. Manche gründeten Unternehmen, so Gottlieb Bühler aus Hinterbüchelberg eine Möbelfirma in Allentown, Pennsylvania. Bekannt wurde Henrietta Nesbitt, Tochter von Ernst Kugler aus Fornsbach: Die Vertraute von Eleanor Roosevelt, der Frau des US-Präsidenten Franklin Delano Roosevelt, war Haushälterin im Weißen Haus. Dort krempelte sie die Organisation um und war für ihre sparsame „Kochkunst“ berüchtigt. „Wer ins Weiße Haus zum Essen eingeladen wurde, bekam den Rat, vorher zu essen, da die Bewirtung so sparsam war“, erzählte der Historiker.

Einige landeten aber auch in Armenhäusern oder gar Gefängnissen und manche Männer, die vor der Einberufung geflohen waren, mussten Militärdienst im Amerikanischen Bürgerkrieg oder im Ersten Weltkrieg leisten. 95 Ausgewanderte kehrten zurück, darunter Frauen, die als Kindermädchen oder Serviererinnen tätig waren und in der alten Heimat im Altersheim starben.

Datenbank Die nach Familiennamen geordnete Datenbank zur Auswanderung aus Murrhardt und Umgebung ist im Internet unter www.andreas-kozlik.de/murrhardt-amerika.html zu finden.

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Erstellt:
24. Juni 2023, 06:00 Uhr

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