Südafrika
Vom Polizisten, der über den Krokodilen schwebt
An einem Seil unter einem Hubschrauber hängend zieht ein Polizeitaucher in Südafrika ein Krokodil aus einem Fluss, das einen Menschen gefressen hat.
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Johan Potgieter hängt in der Luft – unter ihm das tote Reptil.
Von Christian Putsch
Das Seil befestigt seine Frau. Sie arbeitet mit ihm, ebenfalls als Taucherin bei der Polizei. Sie prüft den Knoten, zieht ihn fest, dann geht alles schnell. Wenig später hängt Johan Potgieter unter einem Hubschrauber, unter ihm ein brauner Fluss, darin reichlich Krokodile. „Ich war nur an diesem Seil befestigt“, sagt er später im Gespräch mit unserer Zeitung. „Wenn das gerissen wäre, hätte es nur eine Richtung gegeben – nach unten.“ Er führe eine gute Ehe, betont der 55-Jährige vielsagend.
Ein Mann war bei Hochwasser mit seinem Auto von einer Brücke im Komati River gespült worden. Es gab keine Zeugen. Tagelang hatten sie nach dem Mann gesucht, mit Drohnen, zu Fuß, aus der Luft. Dann fiel ein Krokodil auf: Viereinhalb Meter lang, rund 500 Kilo schwer, lag es unbewegt auf einer kleinen Insel des Flusses. Während andere Tiere bei Annäherung des Hubschraubers ins Wasser glitten, blieb dieses liegen. Ein Zeichen für eine üppige Mahlzeit.
Boote kamen für den Einsatz nicht infrage. Die Strömung war zu stark, Felsen lagen knapp unter der Oberfläche, weiter flussabwärts warteten mehr Krokodile und Flusspferde. Also blieb nur der Hubschrauber. Ein Kollege schoss auf das Tier, es sei tot, sagte er zu Potgieter. Doch als sie zurückkehrten, lag es nicht mehr auf dem Rücken, sondern auf dem Bauch. „Da dachte ich kurz: Moment“, sagt Potgieter. „Wenn es sich gedreht hat, war es vielleicht doch noch am Leben.“
Abgelassen wird er dann auch noch am Kopf des Tieres. Der Pilot kann ihn nicht sehen, Funkkontakt besteht nicht. Wenn etwas schiefgeht, etwa ein Defekt oder eine Notlandung, bleibt nur, ihn abzuschneiden. „Dann hätte ich ein Problem gehabt“, sagt der Polizeitaucher. Er bindet das Seil um das Tier. Erst als nichts passiert, ist er sicher. „Dann wusste ich: Es ist wirklich tot.“
Im Inneren finden sie später tatsächlich menschliche Überreste, Kleidung und Schuhe. DNA-Tests sollen klären, ob es sich um den Vermissten handelt. Potgieter glaubt, dass der Mann zunächst von der Strömung erfasst wurde und danach dem Tier zum Opfer fiel. Sicher ist das nicht. Sicher ist nur, dass die Familie bald endlich Gewissheit haben könnte.
„Es gibt viele Polizisten, die jeden Tag ihr Bestes geben“
Das treibt ihn an – und rechtfertigt aus seiner Sicht auch das Töten des Krokodils. „Wenn du nichts findest, fragt sich die Familie immer: Lebt er vielleicht noch?“, sagt Potgieter. „Oder ist etwas anderes passiert?“ Er erlebt diese Ungewissheit immer wieder, es war der vierte bei Überschwemmungen Getötete allein in seiner Provinz Mpumalanga. Und nicht jeder Fall werde gemeldet, besonders in strukturschwachen Gegenden. Acht Wochen suchte er kürzlich nach einem der anderen Vermissten, kehrte immer wieder an denselben Fluss zurück, bis er die Leiche fand. „Du musst den Angehörigen in die Augen schauen und sagen können: Ich habe alles getan.“
Jetzt ist er deshalb eine Art Internet-Berühmtheit. „Ich hätte nicht gedacht, dass das so eine Reaktion auslöst“, sagt er. Vielleicht liege es daran, dass man einmal sehe, was Polizeiarbeit auch sein könne. In Südafrika steht sie oft für das Gegenteil: Korruption, Ineffizienz, Gewalt. „Viele denken inzwischen, wir arbeiten gar nicht“, sagt Potgieter. „Dabei gibt es viele Polizisten, die jeden Tag ihr Bestes geben.“
Dass er selbst derjenige war, der diesmal am Seil unterm Helikopter hing, ist kein Zufall. „Ich kann von niemandem etwas verlangen, was ich nicht selbst tun würde“, sagt Potgieter. Während seiner bislang 37 Jahren im Dienst sei das der verrückteste Einsatz gewesen. „Und hoffentlich auch der letzte dieser Art.“
