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Wahlmotivation ließ zu wünschen übrig

Vor 75 Jahren: Erinnerungen an die Nachkriegszeit in Murrhardt (16 und Schluss) Im Herbst 1945 gab es erste politische Veranstaltungen, 1946 konnten die Bürger erstmals wieder frei und demokratisch auf Gemeinde-, Kreis- und Landesebene wählen.

Wer zieht als erster demokratisch gewählter Bürgermeister nach dem Ende der NS-Diktatur ins Murrhardter Rathaus ein? Diese Frage wurde am 18.März 1946 beantwortet, als Georg Krißler einstimmig gewählt wurde. Foto: MZ-Archiv/Digitalisierung A. Kozilik

Wer zieht als erster demokratisch gewählter Bürgermeister nach dem Ende der NS-Diktatur ins Murrhardter Rathaus ein? Diese Frage wurde am 18. März 1946 beantwortet, als Georg Krißler einstimmig gewählt wurde. Foto: MZ-Archiv/Digitalisierung A. Kozilik

Von Elisabeth Klaper

MURRHARDT. Im Spätherbst 1945 begann die praktische Basisaufbauarbeit für das neue demokratische Staatswesen auf Gemeinde-, Kreis- und Landesebene. Denn 1946 wurden auch die Bürger der Walterichstadt gleich viermal an die Wahlurnen gerufen: Sie hatten in der ersten Jahreshälfte die Gemeinde- und Kreisräte zu bestimmen, in der zweiten Jahreshälfte die Abgeordneten der Verfassungsgebenden Landesversammlung und des Landtags.

Allerdings gab es große Unterschiede in der Resonanz der Bevölkerung zwischen politischen Versammlungen und Informationsveranstaltungen einerseits und den Wahlen andererseits. So war das Interesse an den Versammlungen verschiedener Parteien zunächst groß. Veranstalter waren politische Organisationen mit langer Tradition wie die SPD und die KPD, die während der nationalsozialistischen Diktatur verboten waren und deren Mitglieder verfolgt wurden.

Hinzu kamen neue, wie die aus konservativen Vorläufern sich bildende CDU und die aus liberalen Gruppierungen entstehende FDP. Indes war offenbar die Wertschätzung der Möglichkeit, nach Ende der NS-Diktatur endlich wieder frei wählen zu können, und die Bereitschaft, dieses Wahlrecht auch aktiv zu nutzen, bei den Einheimischen und Zugezogenen nicht bei jeder Wahl gleich stark ausgeprägt. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass viele der Wahlberechtigten sich noch in oft schwierigen Situationen befanden und erst einmal die Probleme der elementaren Grundversorgung mit Unterkunft, Ernährung und Arbeit zu bewältigen hatten.

Die Kommunisten betreiben viel Werbung, erhalten aber keinen Sitz.

Dies lässt sich aus den detaillierten Aufzeichnungen von Eugen Gürr in der „Murrhardter Chronik 1945/46“ erschließen. Anfang Dezember 1945 fand die erste, gut besuchte politische Versammlung nach Kriegsende im Schwanensaal statt, veranstaltet von der SPD. Referent Karl Krautter aus Backnang sprach „über alle wichtigen Themen und Probleme“, wie Wahl und Demokratie, Jugend und Alter. Im Januar 1946 folgten weitere gut besuchte politische Versammlungen. So am 12. Januar im Engelsaal eine der Christlichen Volkspartei (CVP), Vorläuferin der CDU, und am 13. Januar von der Demokratischen Volkspartei (DVP), Vorläuferin der FDP, im Schwanensaal. Am 27. Januar war Gemeinderatswahl, Chronist Gürr berichtet: „Nach dem Besuch der Versammlungen (der politischen Parteien) konnte man keine Voraussage über den Wahlausgang machen, vollends jetzt nach 13 Jahren (NS-Diktatur und Krieg). Nach der Propaganda hätten die Kommunisten die meisten Sitze erringen müssen. Denn sie operierten am meisten mit dem Wort Demokratie. Die drei anderen Parteien SPD, DVP, CVP betonen schon im Namen den Willensinhalt Demos gleich Volk. Die Wahl verlief in aller Ordnung. Die Kommissionen taten gut ihre Pflicht. Hauptsächlich nach dem Mittagessen setzte der Anmarsch der meisten Wähler ein. Frauen 60 Prozent, Männer 40 Prozent. Der letzte Schlussstrich des Ergebnisses wurde (...) am 28. Januar früh um 3 Uhr gemacht. (...) Das Wahlergebnis: Stimmberechtigt waren etwa 3000 Personen, gewählt haben 2592, also 86,5 Prozent. Die meisten Stimmen erhielten die DVP (5 Sitze) und CVP (6 Sitze, darunter vier von den Teilorten) sowie die SPD (3 Sitze).“ Die Gemeinderäte waren von Beruf Gastwirte, Handwerker, Geschäftsleute, Arbeiter und Landwirte. Die Kommunisten bekamen keinen Sitz, und unter den Kandidaten war keine Frau.

Am 18. März fand im Rathaussaal derweil eine besondere Gemeinderatssitzung statt: Dabei wählten die Gemeinderäte unter dem Vorsitz von Regierungsrat August Sladek vom Landratsamt den Bürgermeister. „Wie vorauszusehen, wurde der bisher eingesetzte Bürgermeister Georg Krißler einstimmig auf die nächsten zwei Jahre zum Bürgermeister gewählt“, stellte der Chronist fest. Am 28. April war Kreistagswahl, wobei es sich jedoch ungünstig auf die Wahlbeteiligung auswirkte, dass die drei gewählten Gemeinderäte Albert Elser und Heinrich Horn aus der Kernstadt sowie Eugen Jung aus Vorderwestermurr von der US-Militärregierung nicht zugelassen worden waren. Sie hatten während der NS-Zeit verschiedene öffentliche oder Vereinsämter inne und/oder gehörten NS-Organisationen an, darum mussten sie sich erst einem Entnazifizierungsverfahren stellen.

Vor der Kreistagswahl hielten CDU, SPD und KPD Wahlversammlungen ab und arbeiteten auch mit Flugblättern. Der Wahltag selbst verlief ruhig: Von 3205 Wahlberechtigten stimmten 1913 ab, das entsprach 60 Prozent. Gewählt wurden Bürgermeister Georg Krißler (SPD) und Sparkassenleiter Karl Rößle (DVP). Im Kreistag saßen 15 Abgeordnete der CDU, 5 der SPD, 4 Parteilose sowie je einer von der DVP und KPD. Der Besuch der Wahlversammlungen und die Beteiligung an der Wahl zur „Verfassungsgebenden Landesversammlung Württemberg-Baden“ am 30. Juni waren jedoch verglichen mit den beiden vorherigen Urnengängen nur mäßig.

Von den wahlberechtigten Einwohnern der Walterichstadt gaben nur 48 Prozent ihre Stimme ab, was Gürr als „mangelhaft“ bezeichnete, doch blieben die Gründe dafür unklar. Die CDU bekam die meisten Stimmen (516), 504 erhielt die SPD, 502 die DVP und 122 die KPD. Am 24. November folgte noch die Wahl des Landtags. Große Besucherresonanz fanden einige Wählerversammlungen mit guten Rednern, indes gab es keine Diskussionen, höchstens Anfragen. Die Wahlbeteiligung betrug in Murrhardt ebenso wie zuvor bei der Kreistagswahl 60 Prozent, dabei gewann die DVP 675 Stimmen, gefolgt von der CDU mit 623 und der SPD mit 617.

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Erstellt:
14. Oktober 2020, 06:00 Uhr

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