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Wenn der Ball rollt, ruht oft die Vernunft

An Hygienekonzepten mangelt es den Fußballvereinen nicht, in Sachen Kontrolle und Umsetzung hapert es aber nicht selten. Fans erschweren Klubs das Leben, da sie sich ohne Aufforderung offenbar ungern an die vorgegebenen Abstandsregeln halten.

Kein Schutz und dicht an dicht. Als beim Backnanger Oberliga-Spiel in Dorfmerkingen der Ball rollte, hatte die Vorsicht in Sachen Corona bei sehr vielen Fans offensichtlich Pause. Foto: A. Hornauer

© Alexander Hornauer

Kein Schutz und dicht an dicht. Als beim Backnanger Oberliga-Spiel in Dorfmerkingen der Ball rollte, hatte die Vorsicht in Sachen Corona bei sehr vielen Fans offensichtlich Pause. Foto: A. Hornauer

Von Uwe Flegel

„Die Vereine haben mehr Aufwand, höhere Kosten und weniger Einnahmen“, lautet das Fazit von Janos Kovac nach den ersten Wochen. Der Geschäftsführer der TSG Backnang lässt allerdings trotzdem keinen Zweifel daran, dass er das in Kauf nimmt. Ansonsten seien Fußballspiele in Zeiten von Corona einfach nicht möglich. Wegen behördlicher Vorgaben, vor allem aber im Interesse der Allgemeinheit. Doch wenn der Ball rollt, dann ruht bei den Fans oft die Vernunft. Hygienekonzepte mögen gut sein, Kontrolle ist besser und vor allem offensichtlich unverzichtbar.

Rund zehn Minuten waren beim Oberliga-Heimspiel der TSG gegen die Stuttgarter Kickers gespielt, als die Ordnungshüter genug hatten. „So geht es nicht“, lautete die Ansage mit Blick auf die Fans auf den Stehplätzen. Die Polizei drohte, die Partie abbrechen zu lassen, sollten sich nicht alle 430 Besucher an die Abstandsregeln halten oder einen Mundschutz aufsetzen. Erst mithilfe von Ordnern, dem Personal eines beauftragten Sicherheitsdiensts und einer deutlichen Ansage von Stadionsprecher Alexander Hornauer bekam der Etzwiesenklub die Situation in den Griff. Rückblickend gesteht Kovac, dass an jenem Mittwochabend zunächst nicht alles optimal lief: „Wir sind davon ausgegangen, dass die Menschen einsichtig sind und sich an die Vorgaben halten.“ Aber: „Die Leute auf dem Sportplatz kennen sich, halten ein Schwätzchen und vergessen dann leicht, sich an die 1,50 Meter Abstand zu halten. Wenn man sie daran erinnert, dann wehrt sich ja keiner und es funktioniert.“ Wie gegen die Stuttgarter Kickers.

Mundschutz ist bei der TSG bisher eine Empfehlung, aber noch keine Pflicht.



Kovac hat seine Lehren aus der Partie am 2. September gezogen und sieht sich und die TSG nun besser vorbereitet. Erstens, „weil wir so viele Zuschauer wie gegen Freiberg und die Kickers in den meisten Heimspielen nicht haben“. Zweitens, weil Ordner und Sicherheitsdienst nun sensibilisiert sind. Klappt es mit der Einhaltung der Vorgaben trotzdem nicht, dann „könnte bei den Heimspielen ein Mundschutz ein Thema werden“, warnt Kovac und sagt: „Der ist bei uns bisher eine Empfehlung, aber keine Pflicht.“ Backnangs Geschäftsführer weiß aber auch, dass es nicht nur bei der TSG ohne Kontrolle anscheinend nicht geht. Im Gegenteil: Beim Oberligisten aus dem Murrtal klappt es sogar vergleichsweise gut, wie zwei Wochen nach der Kickers-Partie das TSG-Gastspiel in Dorfmerkingen zeigte. Von Sicherheitsabstand war dort fast nichts zu sehen, da konnte Sprecher Martin Schill noch so oft daran erinnern. Die Worte hörten die rund 500 Personen auf dem engen Gelände wohl, allein es fehlte an Willen und Glauben. Dicht an dicht lehnten und standen die Zuschauer. Als hätte der raue Wind das Coronavirus übers Härtsfeld hinweggeweht. Zumindest gegen Backnang setzten die Fans unweit des Klosters Neresheim eher auf Gottvertrauen und weniger auf Vorsicht.

Ein Verhalten, das BKZ-Fotograf Tobias Sellmaier Woche für Woche bei Spielen von der Regional- bis zur Kreisliga immer mal wieder sieht. Die Unterschiede in Sachen Einhaltung der Vorgaben seien ungefähr so groß wie das sportliche Niveau zwischen vierter und zehnter Liga. Perfekt lief es zum Beispiel im Regionalliga-Duell Hoffenheim II gegen Großaspach. Dort waren die Sitzschalen auf der Tribüne gar mit 1,50 Meter Abstand montiert. Zudem war jede zweite Reihe abgedeckt und nicht benutzbar. Wer aufs Gelände wollte, musste den Mund-Nasen-Schutz aufbehalten, bis der Sitzplatz eingenommen war. Sobald der verlassen wurde, musste die Maske wieder angelegt werden. Mehrere Ordner kontrollierten alles penibelst. Sellmaier weiß, dass Hoffenheim ganz andere Möglichkeiten und Kapazitäten hat als kleinere Klubs, doch er sagt auch: „Manche machen es sich schon arg einfach.“ Dabei spielt die Spielklasse nicht unbedingt eine Rolle: „Ich war schon bei Kreisliga-Spielen, da hat alles funktioniert.“ Es gebe aber eben auch Spiele mit nicht mal 100 Besuchern, bei denen die Fans trotzdem ohne Schutz direkt beieinander stehen, „ohne dass jemand eingreift“. Kontrolle und Erfassung der Kontaktdaten sei ebenfalls eine eigene Sache. Die habe bei einem Verein aus einem zwei Meter großen Plakat bestanden, mit dem die Besucher aufgefordert worden seien, sich doch in die Liste einzutragen, sagt Sellmaier und fügt an: „Beides übrigens in der Bezirks- und nicht in der Kreisliga.“

Zwischen penibler Kontrolle und einem Verhalten, als ob es Corona nicht gibt.



Die Erzählungen unseres Mitarbeiters gleichen den Erfahrungen, die auch Thomas Deters gemacht hat. Großaspachs Vorstandsmitglied weiß, dass Regionalligisten wie Hoffenheim oder Großaspach aufgrund der Infrastruktur Vorteile haben: „Bei unseren Heimspielen übernehmen zehn bis 15 Ordner eines Sicherheitsdiensts die Kontrolle und wir stellen zusätzlich ungefähr dieselbe Anzahl an Ehrenamtlichen selbst.“ Auch die Erfassung der Kontaktdaten sei einfacher, „da wir übers Online-Buchungssystem nur personalisierte Tickets rausgeben.“ Sollte eine Eintrittskarte weitergegeben werden, „muss derjenige, der sie bekommen hat, direkt an der Kasse seine Daten hinterlassen“. Kontrolliert wird alles mithilfe der Vorlage des Personalausweises. Und: Die Maske darf auch in Aspach erst am eigenen Sitzplatz abgelegt werden.

Ein Aufwand, den kleinere Klubs nicht treiben können. Zumal sie ohnehin den Nachteil haben, oft nur über Stehplätze zu verfügen. Die sind wesentlich schwieriger zu kontrollieren als Sitzplätze. Deters hat aber auch miterlebt, wie unterschiedlich die Klubs darauf achten, dass Vorgaben umgesetzt werden. Positives Beispiel ist das SG-Pokalspiel beim Landesligisten Türkspor Neckarsulm. „Die Umsetzung dort war brutal gut.“ 30 bis 40 Ordner sorgten dafür, dass in Sachen Abstand, Mundschutz und Kontaktdaten alles klappt. Oberligist Freiberg habe es kurz drauf ebenfalls gut im Griff gehabt. Doch es gibt eben offenbar auch die andere Seite. Die Frage, wie es bei Aspachs Auftritt beim Landesligisten Sindringen-Ernsbach funktionierte, beantwortet Deters so: „Dazu möchte ich mich nicht äußern.“ Sehr wahrscheinlich, weil die Erstrundenpartie der SG ein weiteres Beispiel dafür ist, dass die Vernunft Pause machte, als der Ball ins Rollen kam.

Vorbildlich in der Umsetzung: Die TSG Hoffenheim. Spielern und Fans war dank guter Vorarbeit der korrekte Abstand vorgegeben. Foto: T. Sellmaier

Vorbildlich in der Umsetzung: Die TSG Hoffenheim. Spielern und Fans war dank guter Vorarbeit der korrekte Abstand vorgegeben. Foto: T. Sellmaier

Land gibt vor, WFV empfiehlt

Vom WFV gibt es Empfehlungen, was die Klubs tun müssen, damit gespielt werden kann. „Die Vorgaben ergeben sich aus der Corona-Verordnung Sport der Landesregierung“, erklärt Pressesprecher Heiner Baumeister und sagt: „Wir helfen den Vereinen außerdem mit Handlungsempfehlungen.“

Ob die Vorgaben der Landesregierung eingehalten werden, sei nicht Sache des WFV, sondern der zuständigen Ordnungsämter vor Ort, so Baumeister. Die Schiedsrichter haben keine Anweisung oder einen Auftrag, bei einem Fehlverhalten der Fans in Sachen Abstandsregeln einzugreifen.

In Großaspach, Backnang und bei anderen Vereinen unterhalb der Dritten Liga sind im Ländle momentan bis zu 500 Anwesende im Stadion erlaubt. „Wir erarbeiten gerade Konzepte, die uns 750 sowie 1000 Zuschauer ermöglichen“, berichtet SG-Vorstandsmitglied Thomas Deters.

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Erstellt:
25. September 2020, 06:00 Uhr

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