Wie Unmut entsteht
Wie die Bahn, so das Land
Der Staatskonzern verärgert Nutzer – eine Folge jahrzehntelanger Versäumnisse, so unsere Korrespondentin Dorothee Torebko.
© Felix Kästle/dpa
Die Bahn verärgert viele ihrer Kunden – ein Symptom für unser Land?
Von Dorothee Torebko
Ein Beispiel aus Berlin: Um 17.26 Uhr ist der Regionalzug voll – und hat Verspätung. Zwei Minuten zum Umsteigen, um den Schienenersatzverkehr zu erwischen. Die Pendler sprinten. Doch der Bus ist weg, der nächste kommt erst in 25 Minuten. „Das kann doch nicht wahr sein“, grummelt ein Fahrgast. Ein anderer schimpft: „Warum klappt hier nie was?“
Solche Szenen waren für unzählige Pendler fast ein Jahr lang Alltag. Statt 35 Minuten brauchten sie über eine Stunde Fahrzeit zur Arbeit, häufig noch länger. Grund war die Sanierung der Strecke Hamburg–Berlin. Seit Sonntag ist die bisher längste Vollsperrung der Bahn-Geschichte beendet. Doch auch in anderen Städten haben viele Pendler oft das Gefühl: Hier klappt nie was.
Frust, Wut und Resignation sind zu ständigen Begleitern vieler Bahnkunden geworden. Diese Gefühle schlagen durch auf den gesellschaftlichen Diskurs. Wenn der Hausbauer monatelang auf die Genehmigung seines Bauantrags warten muss – dann hält er die Bundesrepublik für ein Bürokratiemonster. Der Arzttermin ist erst in einem halben Jahr? Typisch, denken sich viele Kassenpatienten, die sich als Gelackmeierte fühlen. Das Schwimmbad schließt wegen Geldmangels? Tja, aber für vielerlei, was Mehrheiten für unnütz halten, ist Geld da . . .
Solche vereinfachten Analysen sind Futter für die Demokratiefeinde im Land. Sie greifen sie dankbar auf und schüren Frust, Neid und Ärger. Menschen gegeneinander aufhetzen und anprangern, was alles falsch läuft: Das kann die AfD besser als jede andere Partei. Lösungen für dringliche und komplizierte Probleme bietet sie jedoch nicht.
Wie man die Deutsche Bahn wieder in die Spur bringt – da ist die AfD zum Beispiel blank. Nörgeln ist einfacher. Der Schienenkonzern vereint freilich vieles, was in diesem Land schiefläuft. Die Bahn und vor allem der Bund haben über Jahrzehnte zu wenig in die Infrastruktur investiert und eher auf kurzfristige Ziele gesetzt – und nun bekommen die Fahrgäste die Quittung mit einer langen Periode der Dysfunktionalität. Aus solchen Zuständen kann die AfD ihren Honig saugen.
Wie aber kommt die Bahn wieder in Fahrt? Vor über 30 Jahren wurde sie bei der Bahnreform auf Börsenziele und Wirtschaftlichkeit getrimmt, gingen Prestigeobjekte und der Fokus auf Rendite vor notwendige Investitionen in die Infrastruktur. Der milliardenschwere Investitionsstau wächst von Jahr zu Jahr. Jetzt arbeitet die DB mühsam am Wohlfühlfaktor. Wenn es schon mit der Pünktlichkeit nicht klappt, dann sollen die Passagiere es zumindest schön haben. Die Bahnhöfe werden aufgehübscht, die Züge häufiger geputzt, es sind mehr Sicherheitsleute unterwegs. Auch Zugtoiletten sollen öfter funktionieren, genauso wie Kaffeemaschinen in Bordbistros. Laut Fahrgastverbänden kommt die Initiative gut an – auch wenn es hier und da hapert.
An der Pünktlichkeit arbeitet das Staatsunternehmen ebenfalls. Die umfangreichen Sanierungen der wichtigsten Schienenwege sind zwar nervig und bringen die Kundschaft in Rage, sollen aber nach Abschluss der Bauarbeiten mehr Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit ermöglichen. Darüber hinaus investiert die Bundesregierung kräftig. Bald soll es auch eine langfristige Finanzierungsmöglichkeit für Schienenprojekte geben, was das Bauen erleichtern soll.
Das alles sind keine großen Sprünge, und es wird noch viele frustrierte und genervte Fahrgäste geben. Doch jahrzehntelange Fehler lassen sich nicht mit einem Federstrich korrigieren. Man muss Geduld haben. Denn einfache Lösungen, wie sie Rechtspopulisten versprechen, gibt es bei der Deutschen Bahn nicht.
