Verschollene Seite des antiken Gelehrten
Wie ein Forscher eine historische Archimedes-Abschrift wiederentdeckte
Ein Kunsthistoriker hat eine verloren geglaubte Seite des berühmten Archimedes-Palimpsests wiedergefunden – einer rund 1100 Jahre alten Abschrift von Lehrtexten des berühmten antiken Gelehrten Archimedes.
© © Blois, Musée des Beaux-Arts, Inv. 73.7.52. Photography IRHT-CNRS
Unter dieser christlichen Illustration verbirgt sich eine byzantinische Abschrift eines Lehrtextes von Archimedes. Diese Seite des Archimedes-Palimpsests wurde erst jetzt wiedergefunden.
Von Markus Brauer/AFP
Ein französischer Historiker hat eine verloren geglaubte Seite des berühmten Archimedes-Palimpsests in einer Bibliothek in der mittelfranzösischen Stadt Blois entdeckt.
„Ich hatte nicht damit gerechnet, auf eine griechische Handschrift zu stoßen, und schon gar nicht ein Palimpsest mit einem wissenschaftlichen Text aus dem 10. Jahrhundert“, sagt der Historiker Victor Gysembergh vom französischen Forschungszentrum CNRS.
- Zur Info: Ein Palimpsest ist ein Pergament aus Tierhaut, dessen ursprünglicher Text abgeschabt und überschrieben wurde. Dies war im Mittelalter üblich, da das Schreibmaterial sehr kostbar war.
Archimedes - einer der bedeutendsten antiken Gelehrten
Archimedes war einer der bedeutendsten Gelehrten der Antike. Ihm verdanken wir grundlegende mathematische Prinzipien wie die Flächenberechnung von Kreisen, physikalische Gesetze wie das Hebelgesetz und das archimedische Prinzip, aber auch praktische technische Erfindungen wie die archimedische Schraube oder Brennlinsen.
Viele seiner Werke wurden immer wieder kopiert und blieben so in Abschriften erhalten, andere sind nur durch Zitate durch spätere Gelehrte bekannt.
„Die Abhandlungen von Archimedes wurden im 10. Jahrhundert kopiert“, erklärt Gysembergh, dessen Arbeit in der „Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik“ veröffentlicht worden ist. „Im 12. und 13. Jahrhundert wurden die Texte dann mit Gebetstexten überschrieben.“
Wie das Schriftstück entdeckt wurde
Das Palimpsest wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Konstantinopel entdeckt. Jahre später wurden die erhaltenen Seiten abfotografiert. Während des Ersten Weltkriegs verlor sich die Spur des historischen Dokumentes. Es tauchte erst 1996 in Frankreich im Rahmen einer Versteigerung einer privaten Sammlung wieder auf. Drei der 177 Seiten fehlten jedoch.
Die jetzt gefundene Seite zeigt – stark verblasst – einen Text aus Archimedes‘ Werk „Über Kugel und Zylinder“. Gysembergh fand eine der drei fehlenden Seiten im Musée des Beaux-Arts in Blois wieder.
Er sei auf Blois gekommen, weil dort ein Teil der Bibliothek der französischen Könige aufbewahrt werde, berichtet er. „Ich interessiere mich für Palimpseste, weil sich damit verloren geglaubte Texte der Antike wiederentdecken lassen.“
Erkennbar zwei übereinander geschriebene Texte
Gysembergh entdeckte das Dokument in einer Online-Datenbank für Manuskripte. Er verglich den Text mit den ebenfalls online zugänglichen Fotos. „Wenn es mehrere handschriftliche Kopien desselben Textes gibt, schleichen sich immer Fehler ein. Aber hier ist der Schriftstil exakt derselbe, jeder einzelne Buchstabe ist genau derselbe.“
Das wiedergefundene Pergament enthält auf der einen Seite erkennbar zwei übereinander geschriebene Texte. Auf der anderen Seite ist eine Illustration eines Heiligen zu sehen, unter der sich vermutlich ebenfalls Abschnitte der Niederschrift von Archimedes befinden. „Es handelt sich um die Abhandlung ‚Über Kugel und Zylinder’“, erläutert der Forscher.
Der Fund nähre die Hoffnung, nun auch die beiden letzten fehlenden Seiten wiederzufinden, sagte der Forscher. Institutionen und private Sammler, die vergleichbare Manuskripte hätten, sollten diese genau prüfen.
Wie das Archimedes-Palimpsest entstand
Um Archimedes‘ Werke zu erhalten, begann der Mathematiker und Erbauer der Hagia Sofia, Isidor von Milet, vor 1500 Jahren in Konstantinopel damit, Abschriften aller damals erhaltenen Manuskripte anzufertigen und in Codies zu sammeln.
Einer davon, Codex C, enthielt die geometrischen Lehrtexte des Archimedes. Als Konstantinopel im Jahr 1204 von Kreuzfahrern weitgehend zerstört wurde, verschwanden die Codices – auch Codex C.
Doch diese byzantinische Abschrift von Archimedes Werk wurde nicht zerstört, sie tauchte wenig später in Jerusalem wieder auf, allerdings nicht intakt. Mönche hatten die Schrift von vielen dieser Pergamentseiten abgeschabt, um das damals wertvolle Schreibmaterial wiederzuverwenden.
Sie überschrieben die stark verblassten antiken Lehrtexte mit christlichen Texten, dieses Palimpsest wurde dann vom griechischen Patriarchat in Jerusalem bis in die Neuzeit aufbewahrt. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckte man seinen wahren Wert.
1906 wurden alle Seiten des Archimedes-Palimpsests abfotografiert und dadurch dokumentiert. Anschließend wechselte das wertvolle Manuskript mehrfach Ort und Besitzer, bis es in den 1990er Jahren in die USA gelangte. Doch bei diesen Wirren gingen drei Seiten verloren.
Verschollenes Blatt 123 des Archimedes-Palimpsests
Bei der jetzt aufgefundener Seite handelt es sich um das verschollene Blatt 123 des Archimedes-Palimpsests. Die in Konstantinopel erstellte Abschrift dieses antiken Archimedes-Lehrwerks „Über Kugel und Zylinder“ mitsamt Diagrammen ist zwar stark verblasst, aber noch lesbar. Die Rückseite dieses Blatts ist von einer christlichen Illustration aus der Neuzeit überdeckt, die Daniel in der Löwengrube zeigt, wie Gysembergh berichtet.
Nachdem die verlorene Seite nun wiedergefunden ist, plant Gysembergh, diesen verdeckten Teil von Archimedes‘ Text mittels multispektraler Bildgebung und Röntgen-Synchrotron-Analysen zu untersuchen. Diese Verfahren könnten den ursprünglichen, unter der Illustration verborgenen Text wieder sichtbar machen.
