Unglück auf den Malediven
Wie eine Unterwasserhöhle fünf Tauchern zur Todesfalle wurde
Finnische Experten haben Hinweise gefunden, dass die auf den Malediven verunglückten italienischen Taucher wohl einen falschen Weg aus der Unterwasserhöhle nahmen.
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Eng, gefährlich, potenziell tödlich: Eingang zu einer Unterwasserhöhle auf den Malediven.
Von Markus Brauer
Mit 15 Jahren ging Andreas Kücha zum ersten Mal unter Tage. „Es war kalt und nass, tropfte von Decken und Wänden. Ich hatte erst Angst, dann kam die Neugier. Was kommt nach der nächsten Ecke? Bis heute hat mich diese Neugier nicht losgelassen“, erinnert sich der 58-jährige Heidenheimer.
Andreas Kücha ist einer erfahrensten und renommiertesten Höhlentauchforscher Deutschlands, eine der risikoreichsten und gefährlichsten Sportarten überhaupt. In einer solchen Unterwasserwelt können Panik oder der kleinste Fehler tödlich sein, warnt der 58-jährige Heidenheimer, der als einer der besten Kenner des Blauhöhlensystems auf der Schwäbischen Alb gilt. „Angst und Respekt vor einer Höhle schützen einen.“ Deshalb seien Höhlenforscher in der Regel auch sehr vorsichtige Menschen.
Drama in der Medhu Kandu Cave
Waren die fünf Taucher aus Italien, die am 14. Mai 2026 in der Medhu-Kandu-Unterwasserhöhle – auch Alimathà Cave genannt – ums Leben kamen, nicht vorsichtig genug? Die genauen Umstände dieses tragischen Unglücks sind noch nicht vollständig geklärt. Die Behörden und Spezialisten ermitteln derzeit, doch immer mehr Details des Unterwasser-Dramas kommen ans Tageslicht.
Die drei Italienerinnen und der Italiener waren am vergangenen Donnerstag (14. Mai) zusammenn mit einem Tauchlehrer zu einem Tauchgang im Vaavu-Atoll auf den Malediven aufgebrochen, um Weichkorallen zu erforschen.
Nachdem sie von der Exkursion nicht zurückkehrten, wurde die Leiche des Tauchlehrers Gianluca Benedetti noch am Tag des Verschwindens in der Nähe des Eingangs der Devana-Kandu-Höhle gefunden.
Alle Leichen sind geborgen
Die toten Körper der anderen vier wurden am Montag (18. Mai) nahe der dritten Kammer der Höhle in etwa 50 Metern Tiefe entdeckt. Die Leichen der letzten beiden Taucherinnen sind inzwischen geborgen worden.
Die toten Frauen im Alter von 22 und 31 Jahren wurden von Spezialtauchern aus dem Höhlensystem in etwa 60 Meter Meerestiefe gezogen und dann an die Meeresoberfläche gebracht. Dabei starb ein Rettungstaucher von den Malediven.
The tragedy claimed the lives of 5 Italian tourists who went missing during a dive, as well as SFC Mohamed Mahudhee of MNDF, a dedicated diver who lost his life while leading recovery operation. Read more: https://t.co/CGP04q78Tfpic.twitter.com/Gmlf7wkre8 — Maldives Foreign Watch (@foreignwatch_mv) May 21, 2026
Die Universität Genua erklärte, unter den verunglückten Tauchern seien vier Mitarbeiter oder Studenten der Bildungseinrichtung gewesen. Die Hochschule trauere um die außerordentliche Ökologie-Professorin Monica Montefalcone, deren 22 Jahre alte Tochter Giorgia Sommacal, die an der Universität studierte, sowie um die Dozentin Muriel Oddenino und den ehemaligen Studenten Federico Gualtieri, der kürzlich sein Studium der Biologie und Meeresbiologie abgeschlossen hatte.
Behörden wussten nichts vom Höhlentauchen
Das Quintett war am 14. Mai mit einem von mehreren kommerziellen Schiffen, die das Vaavu-Atoll ansteuern, zu dem folgenreichen Ausflug gestartet. Alle Gruppenmitglieder waren erfahrene Taucher.
Laut der maledivischen Regierung hatten sie eine Genehmigung für einen Tauchgang tiefer als die für Sporttaucher maximal vorgeschriebenen 30 Meter. Allerdings hätten die Behörden nicht gewusst, dass die Gruppe vorhatte, in eine Unterwasserhöhle zu tauchen.
Die Malediven sind ein kleiner Inselstaat im Indischen Ozean südwestlich von Sri Lanka. Mit ihren weißen Traumstränden, dem türkisfarbenen und azurblauen Wasser ziehen sie Urlauber aus aller Welt an. Auch für Schnorchler und Taucher ist das Archipel mit seinen hunderten Eilanden und seinen Korallenriffe ein beliebtes Ziel.
Nach Angaben der italienischen Ermittler war die Tauchgruppe in der Medhu-Kandu-Unterwasserhöhle mit mehreren Kammern unterwegs, die durch schmale Gänge miteinander verbunden sind. Eigentlich hätte die Gruppe mit ihrer Ausrüstung nur bis zu einer Tiefe von etwa 30 Metern tauchen dürfen.
Devana Kandu im Vaavu Atoll
Das Vaavu-Atoll liegt an der Ostküste des maledivischen Archipels und ist dessen längsten Riff. Es wird vom Süd-Male-Atoll durch den 14 Kilometer breiten Fulidhoo-Kandu-Kanal getrennt.
Das Atoll ist insgesamt 42 Kilometer lang und 55 Kilometer breit und stellt die Form eines Stiefels dar. Aufgrund seiner Unberührtheit bietet das Atoll traumhafte Tauch- und Schnorchelmöglichkeiten, einsame unbewohnte Inseln und Sandbänke.
Ein Kandu ist in Dhivehi, der Sprache der Malediven, der Name für Kanäle zwischen den Inseln, Riffen und Atollen. In ihnen herrscht durch die Gezeiten meist eine starke Strömung, da er den Wasseraustausch mit dem Inneren eines Atolls ermöglicht.
Diese Strömung trägt das im Atoll gebildete Plankton in das offene Meer und zieht so große Fische wie Makrelen-Schwärme, Adlerrochen, Mantarochen oder verschiedene Haiarten bis hin zum Walhai an.
Devana Kandu ist ein 5 bis 25 Meter tiefer Kanal südlich von Alimathaa, einer Insel des Felidhu-Atolls im Süden des Inselstaates Malediven in der Lakkadivensee des Indischen Ozeans.
In der Mitte wird er durch ein 250 Meter langes Riff geteilt. Am Außenriff befinden sich Höhlen und Überhänge, die ab 30 Metern senkrecht in die Tiefe abfallen. Dort befindet sich in 55 bis 60 Metern auch der schmale Eingang zur Medhu-Kandu-Unterwasserhöhle.
Anspruchsvolles Höhlensystem in 55 Metern Tiefe
Medhu Kandu ist kein gewöhnlicher Deep Dive. Bei dem Tauchplatz handelt es sich nicht um einen klassischen Sporttauchspot, sondern um ein technisch höchst anspruchsvolles Höhlensystem mit Eingangstiefen um 55 bis 60 Meter und einem etwa 260 Meter langem Höhlenverlauf. Innerhalb der Höhle gibt es einige Tiefenveränderungen mit Tiefen von über 60 Metern.
Die Höhle unterteilt sich in drei Kammern, wobei man den Ausgang nicht mehr sieht, wenn man sich tief im Labyrinth darin befindet. Auch gibt es einige enge Passagen innerhalb des Höhlensystems. Der Höhlengrund besteht hauptsächlich aus sandigem Untergrund.
Der frühere maledivische Militärtaucher Shafraz Naeem, der die Alimathà Cave nach eigenen Angaben selbst dutzende Male betaucht hat, beschreibt sie als hochkomplexes System mit Tunnelstrukturen, Restriktionen und erheblichem Risiko für Kaskadenprobleme unter Stressbedingungen.
Diver-Community sucht nach Ursachen
Bei den fünf Opfern handelte es sich nicht um unerfahrene Urlaubstaucher. Mehrere Mitglieder der Gruppe waren wissenschaftlich im marinen Bereich tätig und verfügten über umfangreiche Taucherfahrung. Medienberichten zufolge konnten einige der Opfer auf Taucherfahrung aus mehreren tausend Tauchgänge zurückblicken.
Innerhalb der internationalen Tauch-Community werden derzeit verschiedene Faktoren diskutiert, die zu dem Unglück geführt haben könnten:
Tiefenrausch
Stress- und Kaskadeneffekte
Strömung
Sichtverlust
Probleme mit verunreinigten Atemgasen
Was man bisher schon weiß ist, dass die Gruppe offenbar deutlich zu tief getaucht war. Laut italienischen Angaben waren die Taucher in einer Höhle mit mehreren Kammern unterwegs, die nur durch schmale Gänge miteinander verbunden sind. Eigentlich hätte die Gruppe nur bis zu einer Tiefe von etwa 30 Metern tauchen dürfen.
Venturi-Effekt: Wenn Strömung zum Sog wird
In der ungewohnten Umgebung könnte das Quintett dann dann ein besonderes physikalisches Phänomen zum Verhängnis geworden sein: Durch den sogenannten Venturi-Effekt wird Wasser – wie etwa in Unterwasserhöhlen – an engen Stellen stark beschleunigt, so dass eine starke Sogwirkung entsteht. In den Verbindungsgängen zwischen den Höhlenkammern könnte genau dieser Effekt die Taucher angesaugt und eingeschlossen haben.
Ermittler vermuten außerdem, dass die Taucher in den engen Passagen durch aufgewirbeltes Sediment die Orientierung verloren haben könnten. Die Höhlenpassagen gelten wegen der geringen Sichtweite als extrem gefährlich. Alfonso Bolognini, Präsident der italienischen Gesellschaft für Unterwasser- und Überdruckmedizin, erklärte nach Sichtung eines Plans der Devana-Kundu-Höhle: „Dort entsteht ein gewaltiger Venturi-Effekt.“
Bolognini mutmaßt, dass die Taucher bei einer Erkundungstour in den Sog gerieten und in die Höhle gezogen wurden. „Nach dem Einsaugen konnten zwei Dinge passieren. Entweder wurden alle eingesaugt, oder einer wurde eingesaugt und die anderen versuchten, ihn zu retten.
Womöglich seien sie „in Panik“ geraten und „völlig desorientiert“ gewesen. Auf der Suche nach einem Ausweg sei ihnen die Luft ausgegangen.
Passage ohne Ausweg
Finnische Experten der Tauchsicherheits-Organisation DAN Europe, welche vier der Leichen fanden und bei der Bergung halfen, sind jetzt auf eine weitere wahrscheinliche Ursache für das Unglück gestoßen, wie sie in der italienischen Zeitung „La Repubblica“ berichteten. Demnach könnten die italienischen Taucher versehentlich den falschen Ausweg aus einer Unterwasserhöhle gewählt haben.
#BREAKING The DAN Europe Finnish team points to a “sand wall illusion” combined with silt-outs as the probable trap:• The cave has a large first chamber with a sandy bottom.• A ~30m corridor leads to a second chamber, separated by a sandbank.• On the way in, the sandbank… — Maldives Security Desk (@mvsdesk) May 21, 2026
Die Tauchretter fanden die die vier Leichen in einem Korridor mit einer Sackgasse innerhalb des Höhlenkomplexes, wie Laura Marroni, die Geschäftsführerin von DAN Europe, in „La Repubblica“ erläutert. „Von dort gab es keinen Ausweg.“ Bereits zuvor hatten die maledivischen Behörden berichtet, dass alle vier Körper „eng beieinander“ lagen, als sie entdeckt wurden.
Die finnischen Diver fanden heraus, dass die Devana-Kandu-Höhle mit einer großen, hellen Halle mit sandigem Sediment beginnt und in einem Korridor endet. „Die Sichtverhältnisse sind mit künstlicher Beleuchtung ausgezeichnet“, betont Marroni. Der Gang ist demzufolge rund 30 Meter lang, drei Meter breit und führt zu einer zweiten Kammer in der Höhle, einem großen, runden Raum ohne Tageslicht.
Auch Shafraz Naeem bestätigt, dass Licht nur in die erste Kammer eindringe. „Man kann die gesamte Höhle nicht sehen, wenn man keine sehr gute Beleuchtung hat.“
Sandbank wird zur Todesfalle
Die finnischen Tauchexperten vermuten nun, dass eine bestimmte Sandbank der Gruppe zur Todesfalle geworden sein könnte. Sie entdeckten sie zwischen dem Gang und der zweiten Kammer der Höhle. Über die Sandbank können man zwar problemlos in die zweite Kammer gelangen, konstatiert Marroni. Doch wenn man sich umdreht, um wieder hinauszutauchen, wirke die Bank „fast wie eine Wand, die den Gang verdeckt“.
Links von dieser Sandbank sei ein weiterer Gang gewesen. „Die Leichen der Taucher wurden alle darin gefunden, als hätten sie ihn mit dem richtigen verwechselt“, so Marroni weiter. Wenn die Italiener diesen linken Weg genommen hätten, wäre es „sehr schwierig gewesen, zurückzukehren, insbesondere angesichts der begrenzten Luftvorräte“.
Panik bricht aus
Den Angaben der Ermittler zufolge nutzten die Italiener Standard-Sauerstoff-Flaschen. In einer Tiefe von 60 Metern hatten sie also nur wenig Zeit hatten, um die zweite Höhle zu erkunden. Marroni: „Wir sprechen von etwa zehn Minuten, vielleicht sogar weniger.“
Hinzukommende Panik hätte die Situation schließlich eskalieren lassen. „Zu erkennen, dass der Weg der falsche ist, und wenig Luft zu haben, vielleicht nachdem man hin und her getaucht ist, ist erschreckend. Dann atmet man schneller und der Luftvorrat schwindet.“
Eine offizielle Erklärung zu der Ursache des Unglücks in rund 50 Metern Tiefe gibt es bisher nicht. Erst die Obduktion der Leichen soll weitere Erkenntnisse über die Todesursache bringen. Zudem bargen die finnischen Taucher die technische Ausrüstung der Italiener, darunter GoPro-Kameras, von denen sich die Behörden ebenfalls ein besseres Verständnis für das Geschehen unter Wasser versprechen. (mit AFP/dpa-Agenturmaterial)
