Wer kam nach den Römern?

Wie Europas Gesellschaften im Frühmittealter entstanden

Ist unsere Vorstellung von der Völkerwanderung in der Antike falsch? Statt Invasionen germanischer Stämme ereignete sich offenkundig eine langsame Durchmischung der Bevölkerung im heutigen Süddeutschland. Das zeigen genetische Untersuchungen.

Rund 1400 Jahre alter Schädel einer Frau während der Freilegung ihres Grabes im heutigen Ergoldsbach. Aus einem winzigen Knochenstück des Schädels haben Paläogenetiker der JGU das komplette Erbgut der Verstorbenen rekonstruiert.

© Kreisarchäologie Landshut/Richter

Rund 1400 Jahre alter Schädel einer Frau während der Freilegung ihres Grabes im heutigen Ergoldsbach. Aus einem winzigen Knochenstück des Schädels haben Paläogenetiker der JGU das komplette Erbgut der Verstorbenen rekonstruiert.

Von Markus Brauer

Viele der heutigen Dörfer und Städte in Mitteleuropa gehen auf Siedlungen zurück, die nach dem Zusammenbruch des Weströmischen Reichs entstanden, oft auf ehemaligem römischem Gebiet oder in unmittelbarer Nähe des Limes, der einstigen Reichsgrenze.

Seit dem 19. Jahrhundert ist diese Epoche zunächst mit umherziehenden größeren germanischen Völkern in Verbindung gebracht worden. Die historische Forschung hat sich jedoch längst von der Vorstellung eines Germanentums und einer „Völkerwanderung“ verabschiedet.

Burials from over a millennia ago are revealing how people lived in part of the Roman Empire after it fell. https://t.co/dtTNiFL4ih — Live Science (@LiveScience) April 29, 2026

Einblicke in eine Zeit tiefgreifender Veränderungen

Ein internationales Forscherteam unter Leitung des Anthropologen und Populationsgenetikers Joachim Burger von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz hat die Genome von Menschen aus dem ehemaligen römischen Grenzraum zwischen 400 und 700 n. Chr. in Süddeutschland untersucht.

Die Analyse liefert überraschend detaillierte Einblicke in eine Zeit tiefgreifender Veränderungen. Ihre Ergebnisse sind jetzt in der Fachzeitschrift „Nature“ erschienen.

Im Fokus der Untersuchung standen die Genome von Skeletten, die in sogenannten Reihengräberfeldern – Friedhöfen, die ab der Mitte des 5. Jahrhunderts in Nordgallien, West- und Süddeutschland bis nach Ungarn weitverbreitet waren – gefunden wurden.

Zwei Bevölkerungsgruppen im römischen Grenzgebiet

Insgesamt analysierte das Team 258 Genome aus den heutigen Bundesländern Bayern und Hessen und stellte sie einem Vergleichsdatensatz von rund 2900 antiken, frühmittelalterlichen und modernen Genomen aus Nord- und Süddeutschland gegenüber.

Die Ergebnisse zeigen, dass bereits in der spätrömischen Phase – also noch vor dem Zusammenbruch der römischen Herrschaft – auf Friedhöfen im heutigen Süddeutschland, etwa in Altheim bei Landshut oder in Büttelborn bei Darmstadt, Menschen bestattet wurden, deren genetische Herkunft im nördlichen Europa lag.

„Das ist ein überraschender Befund. Auf den ersten Blick scheint er das etablierte Bild einer groß angelegten germanischen Wanderung zu bestätigen, doch unsere weiterführenden Analysen ergeben ein völlig anderes Bild“, erklärt Jens Blöcher, Populationsgenetiker an der JGU.

Wie es Fremden im römischen Reich erging

Leonardo Vallini, ebenfalls Populationsgenetiker an der JGU, ergänzt: Menschen aus dem Norden seien bereits lange vor dem Ende des Weströmischen Reiches in kleinen Gruppen nach Süden gezogen und hätten dort schrittweise den römischen Lebensstil übernommen. „Viele von ihnen lebten offenbar getrennt von der übrigen Bevölkerung, vermutlich als Landarbeiter. Sie heirateten weitgehend unter sich und behielten somit die genetische Signatur ihrer Vorfahren.“

Diese soziale Trennung könnte auf römische Regelungen zurückgehen: Fremden Gruppen wurde Land oft unter Auflagen, etwa Heiratsbeschränkungen, zugewiesen, um Integration zu steuern und gleichzeitig Kontrolle auszuüben.

Das Forscherteam hat zudem zum ersten Mal die Bevölkerung eines römischen Kastells in Süddeutschland genetisch typisiert. Bei dieser römischen Zivil- und Militärbevölkerung handelte es sich um eine genetisch sehr heterogene Gesellschaft, die über Jahrhunderte Einflüsse aus ganz Europa und sogar aus Asien aufgenommen hatte.

Bevölkerungsgruppen verschmolzen rasch miteinander

Joachim Burger, beschreibt den Wandel, der ab 470 n. Chr. einsetzte, als einen entscheidenden Wendepunkt: Mit dem Zusammenbruch der weströmischen Staatsstrukturen nahm die Unsicherheit zu und damit auch die Mobilität der Bevölkerung.

Die Menschen, die zuvor in Städten, Gutshöfen oder Militärsiedlungen gelebt hatten, zogen infolge des Verlusts ihrer vertrauten römischen Ordnung ins Umland, wo sie auf Gruppen mit nordeuropäischen Wurzeln trafen. Beide Gruppen bildeten rasch neue Gemeinschaften und bestatteten ihre Toten fortan gemeinsam auf Reihengräberfeldern.

Burger fügt hinzu: „Es gibt also eine gewisse Kontinuität der Bevölkerungsteile aus der Spätantike, doch nun verschmelzen zuvor getrennte Gruppen miteinander.“

Altes Bild einer germanischen Völkerwanderung ist überholt

Die neuen Befunde zeichnen nun ein Bild regionaler Mobilität und friedlicher Integration. „Unsere Ergebnisse bestätigen mit völlig neuen, naturwissenschaftlichen Daten, dass das traditionelle Bild einer germanischen Völkerwanderung mit großen, geschlossen wandernden Verbänden für unseren Untersuchungsraum schlichtweg falsch ist. Die genomischen Daten deuten vielmehr auf Bewegungen kleinerer Gruppen hin“, erklärt Steffen Patzold, Mediävist an der Eberhard Karls Universität Tübingen.

Ursprung der europäischen Familie

Aus den Genomdaten konnten die Forscher Stammbäume rekonstruieren und zeigen, wie sich in dieser demografisch turbulenten Zeit neue Familienverbände bildeten und gemeinsame Nachkommen entstanden. „Dass die beiden Gruppen so schnell begannen, untereinander zu heiraten und Kinder zu zeugen, deutet auf einen gemeinsamen kulturellen Hintergrund hin“, erläutert Burger.

„Dieses verbindende Element kann nur die spätrömische Kultur gewesen sein.“ Die beiden genetisch unterscheidbaren Bevölkerungsgruppen waren bereits durch das Zusammenleben im spätrömischen Imperium kulturell vernetzt, lange vor dem politischen Ende des Reiches.

Spätrömische Sozialnormen ins Frühmittelalter tradiert

Die analysierten Stammbäume offenbaren zudem präzise Rückschlüsse auf die Familienstrukturen jener Epoche: Die Haushalte bestanden überwiegend aus Kernfamilien, nicht aus weitverzweigten Clans. Ehen wurden monogam geschlossen, Verwandtenheiraten waren explizit ausgeschlossen, und die Abstammungslinien wurden sowohl über Töchter als auch über Söhne fortgeführt.

„Diese Strukturen entsprechen Mustern, die wir bereits aus spätantiken Quellen kennen“, betont Patzold. „Sie belegen, wie nachhaltig spätrömische Sozialnormen ins Frühmittelalter hinübergerettet wurden und das gesellschaftliche Leben prägten. Genau in dieser Übergangsphase manifestierte sich das europäische Familiensystem, ein Modell, das bis in die Neuzeit hinein weite Teile des Kontinents prägen sollte.“

Genetische Wurzeln der Süddeutschen

Ab dem 7. Jahrhundert entwickelte sich aus diesen Prozessen eine Bevölkerung, die genetisch bereits der des heutigen Süddeutschlands sehr nahekommt. Dabei gewann der ursprünglich aus dem Norden stammende Anteil zunehmend an Bedeutung. Gemeinsam prägten beide Gruppen die genetische Grundstruktur der Region.

„Hier lässt sich deutlich beobachten, wie aus den Umbrüchen der Spätantike allmählich die mitteleuropäische Bevölkerung hervorgeht, deren Grundzüge wir noch heute erkennen“, resümiert Burger.

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Erstellt:
30. April 2026, 13:48 Uhr
Aktualisiert:
30. April 2026, 14:10 Uhr

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