Künstliche Intelligenz und Kirche
Wie hält es der Papst mit dem Jesus-Avatar?
Ein Videotelefonat mit einem Jesus-Avatar? Chatten mit Martin Luther? Die KI macht auch vor der Religion nicht Halt. Fluch oder Segen? Papst Leo XIV. hat seine Position schon deutlich gemacht.
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esus als woker Schönling: Eine Schweizer Kirche hatte im Jahr 2024 mit künstlicher Intelligenz einen sprechenden Jesus kreiert. Foto:
Von Markus Brauer/dpa
Die Bibel ist eindeutig: Jesus ist nach seiner Auferstehung in den Himmel aufgefahren. Basta! Erinnert wird daran am Feiertag Christi Himmelfahrt am kommenden Donnerstag (14. Mai).
Doch 2000 Jahre später kommt plötzlich die KI ins Spiel. Und lässt Jesus wieder sprechen: kostenpflichtige Videotelefonate mit einem Jesus-Avatar, Chat-Antworten vom Sohn Gottes? Halleluja!
Mit Jesus-Avatar im Beichtstuhl
Mit Jesus plaudern und ihn um Rat fragen: In einer Kapelle in der Schweiz ging das im Jahr 2024 einige Zeit – zumindest virtuell. Im Rahmen eines Kunstprojekts wurde in der katholischen Peterskapelle in Luzern mit künstlicher Intelligenz ein Jesus-Avatar – also eine künstliche Person bzw. ein grafischer Stellvertreter einer echten Person, in diesem Fall des historischen Jesus von Nazareth – kreiert, der in einem Beichtstuhl zwei Monate lang Rede und Antwort stand.
Dieser „KI-Jesus“ wurde mit Fragen trainiert und mit dem Neuen Testament „gefüttert“. Es sei aber nie um einen Ersatz für echte Beichtgespräche gegangen, sagt Marco Schmid, theologischer Mitarbeiter des Projekts.„Ich war oft überrascht, wie gut die Antworten waren“, erzählt Schmid. Manchmal habe er gedacht: „Hey, das hätte ich auch so gesagt.“
Abgedroschenes kam vom KI-Jesus aber auch: „In einer Zeit der Technologie und schnellen Veränderungen bleibt der Kern unseres Glaubens unverändert: Liebe, Hoffnung und Glaube“. Dazu meint Schmid: „Prediger sind auch oft schlecht.“
Nur eine Spielerei? Nein, es ist ernst!
Der evangelische Theologe Florian Höhne, Leiter des Lehrstuhls für Medienkommunikation, Medienethik und Digitale Theologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen, sagt: „Wie auch in anderen Bereichen kommt einem die KI hier zunächst spielerisch vor.“
Zugleich habe das Spiel auch immer eine ernste Dimension. „In diesem spielerischen Erkunden entstehen neue Religionsformen, Kommunikationsformen, die sich vielleicht in Zukunft auch durchsetzen. Deshalb lohnt es sich, genau hinzuschauen.“
Jesu Worte seien im Neuen Testament kanonisiert – also von der Kirche als maßgebenden Standard (Kanon) festgelegt. „Wenn ich nun, und sei es auch nur aus Spielerei, Jesus als Avatar anbiete, tritt eine Künstliche Intelligenz mit all ihrer Fehlerhaftigkeit in einer starken Autoritätsposition auf. Möglicherweise nehmen Menschen, die mit diesem Avatar kommunizieren, das dann für bare Münze, für wahre Jesus-Worte.“
Dies sei heikel. Denn es werde der Technik eine große religiöse Autorität eingeräumt, „die eben nicht göttliche Autorität ist“, erklärt Höhne.
Schlüsseltechnologie Künstliche Intelligenz
KI ist ein Überbegriff für unterschiedliche Maschinen und Programme, die ähnlich wie Menschen selbstständig lernen, urteilen und Probleme lösen können. Computer lernen, indem sie gewaltige Datenmengen auswerten.
Ausgefeilte Algorithmen können in Bildern, Texten oder gesprochener Sprache Muster erkennen, anhand dieser Ereignisse vorhersagen und Entscheidungen treffen.So können sie inzwischen sogar auch Emotionen in menschlichen Gesichtern erkennen, zu eigenen Emotionen, Mitgefühl und Kreativität sind sie aber (noch) nicht fähig.
„Das ist nicht die Stimme Jesu“
Ein Beispiel: Wenn jemand diesen Avatar frage, wie gelebte Homosexualität zu beurteilen sei, dann müsse eine nur mit Jesus-Worten aus der Bibel trainierte KI eigentlich sagen: Dazu wisse sie nichts, dazu habe Jesus nie etwas gesagt.
„Wenn hinter so einem Avatar aber ein Training mit eher fundamentalistisch-evangelikalen Traditionen steht, kann es auch leicht dazu kommen, dass dieser Jesus-Avatar dann eben antwortet, was heutige Prediger als Bibelauslegung antworten würden, weil er eben auch mit diesen Aussagen trainiert wurde. Und das ist hochgradig problematisch.“
Um Menschen genau dafür zu sensibilisieren, helfe eine „grundlegende Medienaufklärung darüber, welche Technik dahintersteckt“, betont der Wissenschaftler. Menschen müssten sehen: „Diese KI ist eine von Menschen gebaute und von Menschen trainierte Maschine und sie gibt nach der eigenen technischen Logik und nach ihrer Funktionsweise Antworten. Das ist nicht die Stimme Gottes, es ist nicht die Stimme Jesu und auch nicht die Stimme einer biblischen Figur oder einer historischen Figur. Es ist eine menschlich gebaute Maschine.“
Wie steht der Papst zur KI?
Auch im Vatikan dürfte ein solcher KI-generierter Jesus-Avatar wohl mit Skepsis betrachtet werden. Papst Leo XIV. warnte Priester zuletzt nachdrücklich davor, Predigten für den Gottesdienst mit KI zu schreiben. Bei einem Treffen mit Geistlichen des Bistums Rom hinter verschlossenen Türen, aus dem italienische Medien zitierten, erklärte Leo, eine wahre Predigt bedeute, den Glauben zu teilen, und KI werde niemals in der Lage sein, den Glauben zu teilen.
Das Thema KI liegt Leo – seit einem Jahr im Papstamt – sehr am Herzen. Im Vatikan gibt es sogar einen eigens für dieses Thema zuständigen Berater, den Franziskanermönch Paolo Benanti, der aber schon von Leos verstorbenem Vorgänger Franziskus einberufen wurde. Immer wieder widmet sich Leo in Ansprachen und öffentlichen Auftritten der KI – und ihren möglichen Risiken.
Abgeschottet in der eigenen Blase
Während seiner jüngsten Afrika-Reise rief er Studierende dazu auf, KI kritisch zu begleiten. Diese Technologie habe immer größeren Einfluss auf geistige und soziale Entwicklungen der Menschen. Der Umgang mit KI erfordere nicht nur technische Kompetenzen, sondern auch einen humanistischen Blick darauf. Die persönliche Begegnung werde in digitalen Umgebungen immer überflüssiger. „Meine Lieben, ihr seid jedoch ganz reale Menschen!“
Manche digitalen Programme seien darauf ausgelegt, Menschen zu ersetzen oder zu manipulieren. Persönliche Begegnung solle als überflüssig erscheinen; die Verschiedenheit der Menschen aus Fleisch und Blut werde übergangen und die Beziehung auf eine funktionale Reaktion reduziert, beklagt Leo XIV.
„Wenn die virtuelle Simulation zur Norm wird, verkümmert die menschliche Urteilsfähigkeit“, mahnt der Pontifex. Damit drehten sich die Menschen immer stärker um sich selbst und verlören den Kontakt zur realen Welt. „Wir leben dann gleichsam innerhalb von Blasen, voneinander abgeschottet, wir fühlen uns von jedem bedroht, der anders ist, und wir verlernen die Begegnung und den Dialog.“
Polarisierung, Konflikte, Ängste und Gewalt durch KI
So breiteten sich Polarisierung, Konflikte, Ängste und Gewalt aus, warnt das Kirchenoberhaupt. Am Ende verändere sich sogar die Beziehung zur Wahrheit, erklärte das Kirchenoberhaupt. In der Kritik des digitalen Zeitalters müsse die Katholische Universität eine führende Rolle übernehmen. Sie bilde Menschen, die über kritische Urteilsfähigkeit verfügten und die zur Liebe und zum Dienst bereit seien, unterstreicht Leo.
Bereits zu Beginn seines Pontifikats im Mai vergangenen Jahres setzte Leo das Thema KI auf die Agenda. Er plädiert für ein gesundes Bündnis zwischen Technologie und Menschheit, das Risiken und Gefahren von KI im Blick behält.
Was sagt die Theologie zur KI?
Der Würzburger Religionspädagoge Johannes Heger sieht in der KI viel mehr als eine nüchterne Technologie. „Sie stellt in verschiedenen Bereichen eine echte Disruption dar – eine Unterbrechung, eine Erschütterung von gesellschaftlichen Zusammenhängen. Und das ist auch für den Bereich Religion bedeutsam.“
Die Theologie könne auf formaler Ebene von den zahlreichen KI-Anwendungsmöglichkeiten profitieren, erläutert Heger. „Spannender ist es aber meiner Überzeugung nach, im Sinne der Disruptionslogik substanzieller zu blicken und beispielsweise zu fragen: Was passiert eigentlich mit Religion in einer durch KI geprägten Kultur? Worauf können wir noch vertrauen in einer Welt, in der mediale Inhalte per Mausklick fernab von Wirklichkeit und Wahrheit generiert werden können?“
All diese Zusammenhänge würden „unser Selbstverständnis und Weltverständnis“ beeinflussen „und tangieren das Zusammenleben in der Gesellschaft. Und damit sind letztlich Fragen berührt, die zur DNA der Theologie dazugehören“.
Papst plant Lehrschreiben
Eine klare Linie der katholischen Kirche zum Thema KI ist wahrscheinlich bald zu erwarten: In dem ersten großen Lehrschreiben des Papstes soll es um KI gehen. Der Arbeitstitel der Enzyklika – so heißen diese richtungsweisenden lehramtlichen Schreiben der katholischen Kirche – lautet Medienberichten zufolge „Magnifica humanitas“ (Die großartige Menschheit). Sie soll eine Warnung vor möglichen negativen Folgen von KI beinhalten.
