Dringende Reformen
Wie veränderungsbereit sind die Deutschen?
Die Ostdeutschen bewerten die Wiedervereinigung zunehmend kritischer. Der Deutschland-Monitor beschreibt, warum das so sein könnte.
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Je höher das Einkommen, desto größer ist auch die Reformbereitschaft dr Bürger.
Von Markus Brauer/KNA
Die Deutschen sind durchaus nicht veränderungsmüde. Das geht aus dem „Deutschland-Monitor 2025“ hervor, den die Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland, Staatsministerin Elisabeth Kaiser (SPD), am Donnerstag (19. Februar) in Berlin vorstellt.
- Laut Umfrage sieht sich ein knappes Viertel der Befragten (23 Prozent) offen für gesellschaftlichen Wandel und nimmt ihn als Chance wahr.
- Gut die Hälfte der Befragten (52 Prozent) steht dem Wandel ambivalent gegenüber.
- Ein Viertel (26 Prozent) äußert sich kritisch und verbindet Veränderungen primär mit Risiken.
- Dabei zeigen sich kaum Ost-West-Unterschiede. Die Studie wurde vom Zentrum für Sozialforschung Halle, der Universität Jena sowie dem Leibnitz-Institut GESIS erstellt.
Handlungs(un)fähiger Staat
Allerdings stehen Menschen, die über ein höheres Einkommen und Bildungsniveau verfügen, sowie jene, die von einer positiven Entwicklung für sich selbst beziehungsweise für Deutschland ausgehen, auch gesellschaftlichen Veränderungen deutlich positiver gegenüber.
Veränderungen werden zudem eher akzeptiert, wenn der Staat als handlungsfähig und gestaltend empfunden wird und seine Entscheidungen nachvollziehbar und transparent kommuniziert werden.
Kaiser erklärte dazu, sichere Arbeitsplätze und faire Löhne durch wirtschaftliches Wachstum, gute Bildung und ein starker Sozialstaat seien die Basis, um die Unterstützung der Menschen zu gewinnen. „In Zeiten multipler Krisen und Herausforderungen muss Politik Sicherheit und Gestaltungswillen ausstrahlen.“
Populistische und diktaturaffine Einstellungen
Deutliche Unterschiede bei der Veränderungsbereitschaft zeigen sich beim Vergleich von strukturstarken und strukturschwachen Landkreisen in Ost und West:
Während die Einstellungen der Menschen in den strukturstarken und -schwachen Regionen Westdeutschlands ebenso wie in den strukturstarken Regionen in Ostdeutschland sehr ähnlich seien, sei in den strukturschwachen Regionen in Ostdeutschland die Veränderungsskepsis überdurchschnittlich groß. Demokratiezufriedenheit, Vertrauen in Institutionen oder der geschätzte eigene Einfluss auf die Politik seien besonders gering. „Auch populistische und diktaturaffine Einstellungen sind dort weiterverbreitet.“
Als Grund für diese Haltung sehen die Studienautoren das in diesen Regionen stärker verbreitete Gefühl, individuell und kollektiv benachteiligt zu sein, eine größere Angst vor Statusverlust sowie Gefühle des Abgehängt-Seins.
Einen möglichen Handlungsansatz sehen die Verfasser des Deutschland-Monitors darin, für gleichwertige Lebensverhältnisse zu sorgen und ostdeutschen Biografien mehr Sichtbarkeit zu verleihen.
Ostdeutsche sehen Bilanz der Wiedervereinigung kritischer
Die persönliche Bilanz der Wiedervereinigung fällt laut Umfrage mehrheitlich positiv aus. Aber der Anteil der Menschen in Ostdeutschland, die eher Nachteile der Wiedervereinigung für Ostdeutschland sehen, sei zuletzt deutlich gestiegen: von 26 Prozent im Jahr 2023 auf 37 Prozent im Jahr 2025.
Dies zeige, dass weiterhin spezifisch ostdeutsche Herausforderungen existierten und Sorgen und Ängste der 90er Jahre Teil des kollektiven ostdeutschen Gedächtnisses seien.
Der Deutschland-Monitor besteht aus einer bundesweiten Repräsentativerhebung (4005 Interviews) sowie einer regionalen Vertiefungsstudie in derzeit zwölf strukturstarken und -schwachen Landkreisen beziehungsweise kreisfreien Städten in Ost- und Westdeutschland (insgesamt 4.018 Interviews) und Fokusgruppen zur qualitativen Vertiefung der Befunde.
