Die Sintflut
Wie wahr ist die biblische Erzählung von der Überflutung der Welt?
Viele Naturereignisse sind in die Sagen und Mythen der Völker eingegangen oder tauchen in religiösen Überlieferungen auf. Das vielleicht bekannteste Beispiel dafür ist die biblische Sintflut. Berut diese Erzählung auf historischen Tatsachen oder ist sie reine Fiktion?
© Imago/Everett Collection
Die Flut beginnt: Szene aus dem US-Historienfilm „Die Bibel“ aus dem Jahr 1966.
Von Markus Brauer
So steht es geschrieben im Buch Genesis über Noah, den zehnten Urvater nach Adam. Wegen seiner Glaubenstreue wird Noah von Gott auserwählt, durch den Bau der Arche mit seiner Familie die Sintflut zu überleben:
„Und die Sintflut war vierzig Tage auf Erden, und die Wasser wuchsen und hoben die Arche auf und trugen sie empor über die Erde. Und die Wasser nahmen überhand und wuchsen sehr auf Erden, und die Arche fuhr auf den Wassern. Und die Wasser nahmen überhand und wuchsen so sehr auf Erden, dass alle hohen Berge unter dem ganzen Himmel bedeckt wurden.“ (Die Bibel, Buch Genesis Kapitel 7, Verse 17-19).
Noah und die biblische Sintflut
Viele Naturereignisse sind in die Sagen und Mythen der Völker eingegangen oder tauchen in religiösen Überlieferungen auf. Das vielleicht bekannteste Beispiel dafür ist die Sintflut.
Der deutsche Begriff „Sintflut“ kommt nicht wie oft vermutet vom Wort „Sünde“, sondern leitet sich vom mittelhochdeutschen „sintvluot“ ab und heißt so viel wie „umfassende Überschwemmung“.
Die Sintflut wird in der Bibel als weltumspannende Überschwemmung nach einem 40 Tage dauernden Regen beschrieben. Anschließend soll das gesamte Land zehn Monate lang von Wasser bedeckt gewesen sein. Die Erde wurde zu einer Wasserwelt. Diese Flut überlebten damals nur Noah und seine Familie sowie die von ihm an Bord der Arche Noah gebrachten Tierpaare.
Es gibt viele Sintflut-Legenden
Von Fluten, die nur ein Menschenpaar überlebte, berichten auch die Mythen anderer Kulturkreise, wie die der amerikanischen Ureinwohner. In Indien ist es der Fisch Matsya, der den König zum Bau einer Arche auffordert. „Fluten, die bis zum Himmel reichen“ dokumentieren auch Sagen des chinesischen Altertums.
Daneben gibt es einen sumerischen Sintflut-Bericht über Ziusudra, den König der Stadt Schuruppak, babylonische Erzählungen über den Fluthelden Uta-napišti und die griechische Version über Deukalion und seine Frau Pyrrha.
In frühchristlichen Schriften und im Koran wird ebenfalls auf die Geschichte Bezug genommen. Eine Sintflut wird meist mit dem Zorn der Götter oder des Gott über die Verfehlung der Menschen begründet.
Uta-napišti und die Sintflut im Gilgamensch-Epos
Im Jahr 1872 stellte der britische Assyriologe George Smith auf einer Sitzung der Londoner Society of Biblical Archaeology das Bruchstück einer Tontafel vor, das man in der assyrischen Hauptstadt Ninive im Schutt des Palastes des Assyrerkönigs Assurbanipal (668-627 v. Chr.) gefunden hatte.
Das Tafelfragment, geschrieben im siebten vorchristlichen Jahrhundert, gehörte zu einer Dichtung, welche die Geschichte von der Sintflut und dem ‚Überaus-Weisen’ erzählte. Das große Epos handelt von den Abenteuern und Heldentaten Gilgameschs, dem sagenhaften König von Uruk.
In dem Tafelfragment ist zwar nicht von Noah, sondern Uta-napišti die Rede. Aber wie Noah war Uta-napišti mit seiner Familie als Einziger der alles vernichtenden Flut mit Hilfe einer nach genauen Vorgaben angefertigten Arche entkommen, in der, auf göttlichen Rat, auch Tiere das urzeitliche Weltengericht überlebt hatten.
Gibt es einen historischen Kern der Erzählungen?
Was verbirgt sich hinter all diesen Überlieferungen? Besitzen sie einen wahren, historischen Kern? Bis heute ist unklar, ob und welche realen Naturereignisse all diese Geschichten beschreiben. Die Erklärungsmodelle für die biblische Sintflut reichen von Vulkanausbrüchen über Meteoriteneinschläge und Tsunamis bis zu Klimaveränderungen.
Lange Zeit wurde der Ausbruch des Santorini-Vulkans in der Ägäis als möglicher Sintflutauslöser favorisiert. Die rund 100 Kilometer nördlich von Kreta gelegene Inselgruppe besteht heute aus der sichelförmigen Hauptinsel Thera und zwei kleinen, gegenüberliegenden Inseln. Vor knapp 4000 Jahren lag hier einer der bedeutendsten Häfen der minoischen Kultur in der Ägäis.
Doch die Insel befand sich direkt über einem aktiven Vulkan. Er gehört zu einem vulkanischen Inselbogen, der sich an der Nahtstelle von afrikanischem und eurasischem Kontinent bildete und immer wieder ausgebrochen ist.
Vulkanausbruch von Santorini
Im Jahr 1628 v. Chr. kündigten Erdbeben eine weitere Eruption an. Der Vulkan stieß Gase, Asche und Bimsstein aus. Die Aschewolken zogen bis nach Kreta und Troja und erreichten Teile des Nahen Ostens. Dann drang Meerwasser in den Vulkanschlot ein und die Energie entlud sich in einer gewaltigen Explosion.
Dampf, Lava und Gestein schossen in die Höhe und rasten als pyroklastische Ströme die Hänge hinab. Staub und Aerosole der Eruption wurden hoch in die Atmosphäre geschleudert und verdunkelten den Himmel.
Die enorme Energie der Eruption löste einen verheerenden Tsunami aus. Die Flutwellen sollen an der Nordküste Kretas mit bis zu zwölf Meter Höhe aufgelaufen sein und könnten auch andere Küsten etwa im Nahen Osten erreicht haben. Die Erlebnisse dieser „Flut“, so eine Theorie, seien dann in die Geschichte der Kreter, Griechen und des vorderen Orients eingeflossen.
Sintflut und Gilgamensch-Epos
Im Jahr 2021 fanden Archäologen bei Ausgrabungen in einer bronzezeitlichen Hafenstadt an der Westküste der Türkei die Gebeine eines Mannes, der bei dem Tsunami von einer einstürzenden Mauer erschlagen worden war.
Dieser und andere Funde belegen, dass der Ausbruch des Thera-Vulkans (heute Santorini) vor gut 3600 Jahren tatsächlich einen schweren Tsunami verursachte. Sie berichteten darüber im Fachmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences“.
Allerdings erklärt dies nicht, warum die Babylonier in ihrem Gilgamesch-Epos schon 200 Jahre zuvor eine Sintflut schilderten, zumal sie keine Mittelmeer-Anrainer waren. Eine frühe Fassung des Epos entstand wahrscheinlich in der altbabylonischen Zeit (1800 bis 1595 v. Chr.).
Tsunami an der Küste Nordisraels
Zwei Jahre zuvor waren andere Forscher auf eine weiteres Ereignis gestoßen, dass die Erzählungen von der Sintflut beeinflusst haben könnte. Vor knapp 10.000 Jahren traf ein schwerer Tsunami die Küste Nordisraels. Die Flutwellen waren bis zu 40 Meter hoch und Wassermassen drangen mehr als 1,5 Kilometer landeinwärts vor.
Dieser Tsunami ist damit der stärkste je in dieser Region registrierte, wie die Archäologen 2020 im Fachmagazin „PLOS ONE“ berichteten. Ursache dieser prähistorischen Katastrophe war vermutlich ein Erdbeben, das eine unterseeische Rutschung auslöste.
Das östliche Mittelmeer ist eine tektonisch hoch aktive Region. Hier häufen sich Vulkane und seismisch aktive Verwerfungen, weshalb auch Tsunamis relativ häufig sind. In den vergangenen 6000 Jahren hat es im Schnitt alle 160 Jahre eine solche Flutwelle mit lokalen oder regionalen Folgen im Mittelmeer gegeben.
Überschwemmung der Siedlung Tel Dor
Nach Ansicht der Archäologen muss sich die Mega-Flut vor 9250 bis 9900 Jahren ereignet haben und die Küsten im heutigen Norden Israels großflächig überschwemmt haben. Der Tsunami von Tel Dor ist der früheste bisher nachgewiesene Tsunami im östlichen Mittelmeer und gleichzeitig auch der schwerste.
Der Mega-Tsunami könnte erklären, warum in den archäologischen Funden dieser Küstenregion eine Lücke von mehreren tausend Jahren klafft. Obwohl man weiß, dass es in dieser Region erste Siedlungen der halbsesshaften Natufien-Kultur gab, schien der flache, fruchtbare Küstenstreifen seltsamerweise unbewohnt. Jetzt wird klar, dass viele Spuren dieser ersten Siedler vermutlich vom Tsunami weggespült wurden.
Aus früheren Studien war bekannt, dass es vor knapp 10.000 Jahren ein starkes Erdbeben im unweit von Tel Dor der Küste gelegenen Karmel-Gebirge gegeben haben muss. Ursache dafür ist eine Verwerfung, die von der Plattengrenze im Toten Meer abzweigt. Die Forscher halten es für wahrscheinlich, dass die Erschütterungen dieses Bebens eine unterseeische Rutschung vor der Küste ausgelöst hatten. (mit KNA-Agenturmaterial)
