Hildegard Müller
Wohlstand und Jobs – So blickt die VDA-Chefin auf den Standort Stuttgart
Hildegard Müller, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie, spricht im Interview über den Standort Stuttgart, Jobs in der Autoindustrie – und ihre Forderungen an die Politik.
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Hildegard Müller, hier bei einem Auftritt in der ARD-Sendung von Caren Miosga, war für eine Gastrede bei Dekra in Stuttgart zu Gast.
Von Rouven Spindler
Hildegard Müller, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), ist beim „Dekra Dialog“ in Stuttgart als Gastrednerin aufgetreten. Vor rund 200 Gästen aus Wirtschaft und Politik sprach sie beim Prüfkonzern unter anderem über die Transformation vom Verbrenner zur Elektromobilität und den Standort Deutschland. Anschließend stellte sie sich Fragen aus dem Saal.
Nach ihrem Gastauftritt bei Dekra fand die 58-Jährige kurzfristig Zeit für ein Interview mit unserer Zeitung – inmitten eines eng getakteten Terminkalenders. Die VDA-Präsidentin äußert sich darin etwa zum Standort Stuttgart und zeigt auf, was ihr Verband von der Politik fordert.
Frau Müller, Sie haben einen recht vollen Terminkalender. Wie oft sind Sie in der Region Stuttgart?
In diesen intensiven Zeiten versucht man, so viele Möglichkeiten zu nutzen, wie es geht. Der persönliche Austausch bleibt unersetzlich. In den starken Automobilregionen – wie unter anderem hier – bin ich relativ häufig.
Kommen Sie auf diesen Terminen vereinzelt auch mit Mitarbeitern ins Gespräch?
Mein Ziel ist immer, ein Maximum unterschiedlicher Perspektiven zu bekommen. Als ich beim Gipfeltreffen der Weltmarktführer in Schwäbisch Hall war, habe ich anschließend auch ein Unternehmen besucht. Dabei möchte ich immer herausfinden: Was sind hier die größten Herausforderungen? Was läuft gut? Wo gibt es ungenutzte Potenziale und was hindert daran? Im VDA machen wir auch regelmäßig Umfragen mit unseren Mitgliedsunternehmen, gerade auch im Zulieferbereich. Die Ergebnisse werden bei solchen Besuchen vor Ort einfach nochmal ganz konkret spürbar. Und das ist wichtig, denn wenn ich gegenüber der Politik in Berlin und Brüssel Veränderungen einfordere, muss ich die konkreten Probleme aber auch Chancen der Unternehmen kennen und verstehen. Bei manchen Politikern merkt man dann doch, dass sie weit von den Realitäten der Unternehmer entfernt sind.
Wenn Sie hierherfahren, vorbei an den Werken von Mercedes-Benz, Bosch und Porsche, was treibt Sie dann im Moment um?
Vor allem, dass wir alle stolz auf unsere Schlüsselindustrie sein können. Die Menschen hier leisten Großartiges, auch und gerade in der Transformation. Unsere Industrie hat einen unbedingten Willen, die vielfältigen Herausforderungen zu meistern und jeden Tag noch besser zu werden. Ich sehe hier die vielen Beschäftigten, die jeden Tag mit aller Leidenschaft für den Erfolg im Jetzt und in der Zukunft kämpfen. Und wir investieren gewaltige Summen in die klimaneutrale und digitale Mobilität der Zukunft. Wir haben das auf der IAA Mobility in München zuletzt gezeigt, wie innovativ unsere Branche ist. In diesem Jahr veranstalten wir die IAA Transportation für Nutzfahrzeuge in Hannover, auch da wartet wieder eine Leistungsshow der Innovationen. Und natürlich macht man sich gleichzeitig Sorgen – denn die politischen Rahmenbedingungen, die mangelnde Standortattraktivität – das macht den Unternehmen zu schaffen. Und es beeinflusst schon jetzt die Investitionsentscheidungen – die werden in der Folge immer häufiger in Deutschland gestrichen, gekürzt oder vor allem ins Ausland verlagert. Gleiches wird dann bedauerlicherweise auch mit den Arbeitsplätzen passieren. Deswegen betonen wir als Verband ja auch so laut in Richtung Berlin und Brüssel, dass das Thema Wettbewerbsfähigkeit jetzt ganz nach oben auf die Agenda gehört. Das Potenzial – nicht nur unserer Industrie – ist und bleibt einzigartig. Jetzt liegt es an der Politik, zu entfesseln, statt immer weiter zu belasten.
Sie sehen den Standort Deutschland in der Krise. Wie blicken Sie speziell auf Stuttgart?
Stuttgart ist ein Industrie-Hotspot mit einer großartigen Innovationskultur. Hier treffen hohe technische Fähigkeiten, ein ausgeprägter Wille und eine entsprechende Leistungsbereitschaft auf eine enorme Akzeptanz in der Bevölkerung. Fast jeder ist in Baden-Württemberg irgendwie in der Autoindustrie verwurzelt. Und deswegen setzen die Unternehmerinnen und Unternehmer hier auch alles daran, weiter stark am Heimatstandort zu sein. Doch sie merken ebenso, dass das wirtschaftlich immer seltener darstellbar ist. Unser Ziel muss sein, dass die Unternehmen, die wir hier haben, erhalten bleiben und dass sie sich hier weiterentwickeln können – so dass wir auch in Zukunft in dieser Region Wachstum und Wohlstand mit den entsprechenden Arbeitsplätzen haben. Das treibt mich an.
Wie blicken Sie nach vorne? Treibt Sie der Optimismus an?
Der Optimismus kommt jeden Tag, wenn ich sehe, wie leistungsfähig und kreativ die Menschen sind, wie innovativ die Unternehmen sind und wie ausgeprägt der Wille ist, den Wandel erfolgreich zu gestalten. Das Potenzial dieses Landes, die Innovationsfähigkeit, die Leistungsbereitschaft – all das ist einzigartig und versetzt uns absolut in die Lage, auch in Zukunft weltweit Maßstäbe zu setzen. Entscheidend dabei ist es, die richtigen Anreize zu setzen, unsere Stärken zu fördern und zu fordern. Deutschland verfügt über einzigartige Stärken: Fachkräfte, Innovationskraft, industrielle Kompetenz, Forschung, Mittelstand und globale Vernetzung. Und natürlich wird der Wandel uns alle Kraft kosten, es wird harte Arbeit für jeden Einzelnen. Gerade Baden-Württemberg ist ein Bundesland, das sich mit harter Arbeit nach vorne gearbeitet hat, auch nach dem zweiten Weltkrieg. Was ist hier alles entstanden? Was hat hier alles Wachstum, Wohlstand und Arbeitsplätze geschaffen? Das ist eine Kraft, die in den Menschen und in der Region steckt.
Hildegard Müller äußert sich zu Standortbedingungen
Einer Prognos-Studie aus dem Jahr 2024 zufolge, die der VDA in Auftrag gegeben hat und auf die Sie in Ihrer Rede bei Dekra eingegangen sind, könnten in Deutschland von 2019 bis 2035 durch die Transformation vom Verbrenner zur Elektromobilität rund 190.000 Jobs Autoindustrie wegfallen.
Ja, das ist richtig. Denn ein E-Auto zu bauen, dafür werden einfach weniger Arbeitskräfte benötigt als bei einem Verbrenner. Umso entscheidender ist jetzt, wo neue Arbeitsplätze entstehen. Denn unsere Industrie hat auch große Zukunftsfelder, sei es beim automatisierten oder autonomen Fahren oder auch bei der Kreislaufwirtschaft. Also muss es jetzt politische Priorität sein, die Standortbedingungen zu schaffen, die Investitionen hierzulande attraktiv machen und dazu führen, dass auch hier die neuen Arbeitsplätze entstehen. Das heißt: Neben dem Thema Klimaneutralität muss gleichzeitig alles getan werden, was Wachstum und was Arbeitsplätze in Deutschland schafft. Und daher muss ich, wie bereits erwähnt, umso mehr dafür kämpfen, dass die Standortbedingungen gut sind, damit die neuen Arbeitsplätze hier entstehen. Dafür müssen sich alle nochmal mehr anstrengen.
Bald steht in Baden-Württemberg die Landtagswahl an. Was muss die künftige Regierung aus Ihrer Sicht für die Autoindustrie tun?
Ich wünsche mir eine Regierung, die die Herausforderungen der Industrie nicht nur versteht, sondern mit konkreten Maßnahmen dabei hilft, dass der Wandel erfolgreich gemeistert werden kann. Eine Regierung, die eine starke Stimme für die Menschen und die Wirtschaft in Berlin und Brüssel ist.
Zur Person
VDA-ChefinSeit Februar 2020 ist Hildegard Müller Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie. Sie folgte vor sechs Jahren auf den früheren Ford-Deutschlandchef Bernhard Mattes.
Vorherige StationenHildegard Müller, geboren am 29. Juni 1967 in Rheine, machte bei der Dresdner Bank eine Ausbildung zur Bankkauffrau, anschließend studierte sie Betriebswirtschaftslehre. 1995 kehrte die Diplom-Kauffrau zur Dresdner Bank zurück, für die sie bis 2005 tätig war. Die erste und bislang einzige weibliche Bundesvorsitzende der Jungen Union (1998 bis 2002) saß von 2002 bis 2008 für die CDU im Deutschen Bundestag, zwischen 2005 und 2008 war sie Staatsministerin bei Kanzlerin Angela Merkel. Anschließend war sie bis Anfang 2016 Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft, im Anschluss daran dann bis 2019 Chief Operating Officer Grid & Infrastructure der innogy SE, die 2020 E.ON-Konzern aufgegangen ist.
