Immobilien

Wohnungsnot in Griechenland birgt politischen Zündstoff

Nach Berechnungen von Eurostat müssen die Menschen in Griechenland einen größeren Teil ihres Einkommens für das Wohnen aufbringen als in jedem anderen EU-Staat.

Dass beispielsweise in Athen inzwischen fast 14 000 Wohnungen über Portale wie Airbnb vermietet werden, verstärkt die Wohnungsnot noch.

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Dass beispielsweise in Athen inzwischen fast 14 000 Wohnungen über Portale wie Airbnb vermietet werden, verstärkt die Wohnungsnot noch.

Von Gerd Höhler

Der soziale Notstand birgt erhebliches innenpolitisches Konfliktpotenzial. Makroökonomisch präsentiert sich Griechenland in guter Verfassung. In den vergangenen zwei Jahren erwirtschaftete das einstige Krisenland Haushaltsüberschüsse, das Wirtschaftswachstum liegt seit vier Jahren fast doppelt so hoch wie im EU-Durchschnitt. Zwar ist Griechenland weiterhin das am höchsten verschuldete Land der Union, doch baut es seine Schulden schneller ab als jeder andere Mitgliedstaat. Vom früheren Sorgenkind hat sich das Land zum Musterschüler gewandelt. Im Alltag vieler Menschen kommt davon jedoch wenig an. Sie spüren immer noch die Folgen der Staatsschuldenkrise und der harten Sparprogramme der 2010er Jahre.

In den Krisenjahren verloren die privaten Haushalte im Schnitt 40 Prozent ihres verfügbaren Einkommens. Während die Realeinkommen im EU-Durchschnitt in den vergangenen 20 Jahren um 22 Prozent stiegen, sanken sie in Griechenland um fünf Prozent. Die Kaufkraft liegt heute nur noch bei rund 70 Prozent des EU-Mittelwerts.

Landesweit fehlen 212 000 Wohnungen

Eines der drängendsten Probleme ist die Wohnungsnot. Nach einer Studie der Piraeus Bank fehlen landesweit 212 000 Wohnungen. Die Ursache liegt vor allem im Einbruch der Bautätigkeit während der Krise: Entstanden im Großraum Athen zwischen 2001 und 2010 noch 304 000 neue Wohnungen, waren es von 2011 bis 2020 nur 48 600. Der Mangel treibt die Mieten nach oben. In der Hauptstadtregion Attika stiegen sie laut dem Maklerportal Spitogatos in den vergangenen fünf Jahren um durchschnittlich 35 Prozent.

Seit 2017 verteuerten sich zudem die Immobilienpreise in Athen nach Angaben der Zentralbank um 92 Prozent. Wohneigentum ist für viele Familien kaum mehr erreichbar. Eine 100 Quadratmeter große Neubauwohnung kostet in Athen rund 400 000 Euro – das entspricht etwa 32 Arbeitsjahren. Selbst bei 20 Prozent Eigenkapital und einer Finanzierung über 30 Jahre ergibt sich eine monatliche Belastung von rund 1450 Euro, so viel wie der durchschnittliche Bruttolohn.

Nach Eurostat-Daten geben die Menschen im EU-Durchschnitt knapp 20 Prozent ihres Einkommens für das Wohnen aus. In Griechenland sind es 35 Prozent, in Großstädten sogar über 40 Prozent. Die Lage verschärft sich weiter: Die Mieten stiegen zuletzt mehr als doppelt so schnell wie die Einkommen.

Paradox ist, dass trotz der Wohnungsnot zahlreiche Wohnungen leer stehen. Allein in der Region Attika werden über 500 000 Wohnungen als unbewohnt gemeldet. Gründe sind Renovierungsbedarf, ungeklärte Eigentumsverhältnisse, schlechte Erfahrungen mit Mietern – oder die lukrativere Kurzzeitvermietung an Touristen. In Athen werden inzwischen fast 14 000 Wohnungen über Portale wie Airbnb vermietet.

Wie ernst die Lage ist, zeigt eine Umfrage von Polling Europa: EU-weit halten 66 Prozent der Befragten die Wohnungsnot für ein gravierendes Problem, in Griechenland sind es 80 Prozent – der höchste Wert in der EU. Die griechische Regierung versucht gegenzusteuern. Neue Kurzzeitvermietungen werden in Athen seit 2025 nicht mehr genehmigt. Eigentümer leer stehender Wohnungen sollen mit Steuervorteilen zur Vermietung bewegt, Renovierungen staatlich gefördert werden. Wer Wohnungen dennoch leer stehen lässt, muss künftig höhere Grundsteuern zahlen. Diese Maßnahmen kündigte Premierminister Kyriakos Mitsotakis im Dezember vergangenen Jahres an. Ob sie greifen, bleibt offen.

Im Frühjahr 2027 stehen Parlamentswahlen an

Politisch wird die Wohnungsnot für Premierminister Mitsotakis zunehmend zur Belastung. Spätestens im Frühjahr 2027 stehen Parlamentswahlen an, vorgezogene Wahlen in diesem Jahr gelten jedoch als möglich. In Umfragen ist die Unzufriedenheit groß: 72 Prozent der Befragten sind mit der Regierung unzufrieden. Zwar liegt Mitsotakis’ Partei Nea Dimokratia weiterhin vorn, erreicht aber nur noch rund 30 Prozent – deutlich weniger als bei der Wahl 2023. Links- und rechtspopulistische Splitterparteien bekommen immer mehr Zulauf. Griechenland droht nach der nächsten Wahl die schwierigste Regierungsbildung seit der Rückkehr zur Demokratie 1974

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Erstellt:
16. Januar 2026, 13:10 Uhr

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