Studie: Künstler in Berlin
Zu viele Künstler oder zu wenig Geld?
Für Künstler gilt Berlin als Mekka. Die Realität ist keineswegs so schillernd. Sollte das Kunstsystem nicht endlich umdenken?
© bbk Berlin
Die Studie des bbk Berlin hat ergeben, dass die wenigsten Berliner Kunstschaffenden infnazielle Unterstützung bekommen.
Von Adrienne Braun
Im Kapitalismus ist es klar geregelt: Man bietet ein Produkt oder eine Leistung an, für das man Geld bekommt, sofern sich ein Interessent beziehungsweise Käufer findet. Auf dem Kunstmarkt führt das mitunter zu irrwitzigen Preisen – und das keineswegs nur bei bedeutenden Gemälden aus früheren Jahrhunderten. Auch für zeitgenössische Künstler werden mitunter horrende Summen bezahlt – ob es 91 Millionen Dollar für eine Skulptur von Jeff Koons war oder 2018 rund 80 Millionen Euro für ein Gemälde von David Hockney.
Die vielen jungen Leute, die sich Jahr für Jahr an den Kunstakademien bewerben, rechnen vermutlich nicht damit, eines Tages zu den wenigen Stars des Betriebs zu gehören, die sich dumm und dämlich verdienen, aber meist machen sie sich auch nicht bewusst, wie kläglich sie später finanziell dastehen werden.
Der Bund Bildender Künstler (kurz bbk) in Berlin hat jetzt eine empirische Untersuchung herausgebracht zu den Lebens- und Arbeitsbedingungen von Künstlerinnen und Künstlern in Berlin – schließlich ist die Hauptstadt bis heute der Ort, von dem sich die Kreativen die besten Karrierechancen erhoffen. Die Zahl der Kunstschaffenden in Berlin wird auf rund 10 000 geschätzt – womit die Hauptstadt die höchste Künstlerdichte aller deutschen Städte hat. Gleichzeitig gehört Berlin zu den Städten mit den meisten Galerien- und Kultureinrichtungen in Europa.
Es überrascht nicht, dass die meisten Künstler in Berlin nicht die große Karriere erwartet, sondern die Zukunft in der Regel anders ausschaut. Die Untersuchung hat klar ergeben: Ihr Arbeitseinkommen aus künstlerischer Tätigkeit liegt im Durchschnitt bei gerade mal 6000 Euro pro Jahr. Die Hälfte der Befragten verdient deutlich weniger, der Mittelwert wird nur nach oben getrieben, weil einige zumindest auf knapp 10 000 Euro pro Jahr kommen. Aber auch das liegt weit unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle von rund 17 000 jährlich.
Aus Sicht dieser Künstlerinnen und Künstler ist da verständlich, dass sie sich hier mehr Unterstützung erhoffen würden, um sich intensiver der Kunst widmen zu können – zumal sie überzeugt sind, einen wichtigen Beitrag zu „gesellschaftlicher Toleranz und Offenheit“ zu leisten. Nur fünf Prozent sagen, dass es sie aus Leidenschaft zur Kunst treibt, nein, ein wichtiges Anliegen ist es für sie, „Wissen und Werte“ zu fördern.
Die Antwort auf ihre finanziell desolate Situation ist deshalb deutlich: Die meisten der befragten Berliner Künstlerinnen und Künstler wären gern besser abgesichert und wünschten sich ein Grundeinkommen von 1500 bis 2000 Euro pro Monat und auch eine Lohnfortzahlung bei Krankheit. Auch die Idee einer staatlichen Förderung für den Nachwuchs wurde häufig genannt: Wären Absolventen zumindest die ersten fünf Jahren nach dem Studium finanziell abgesichert, würde der Berufseinstieg besser gelingen. Die Chancen, dass solche neuen Modelle eingeführt werden, sind derzeit sehr schlecht – und schon jetzt erhalten die wenigsten der Künstler überhaupt eine Förderung: Es waren nicht einmal 13 Prozent, die in irgendeiner Weise von der öffentlichen Hand unterstützt wurden.
Auf dem Kunstmarkt sieht es nicht besser aus: Nur rund 15 Prozent werden von einer Galerie vertreten, und nur ein Fünftel aller Berliner Künstler ist auf Kunstmessen vertreten. Deshalb geht auch mehr als die Hälfte einer „weiteren Erwerbstätigkeit nach“, wie es in der Studie heißt.
Eigentlich sollte man sich also sehr gut überlegen, ob man die eigenen künstlerischen Ambitionen zwingend zum Beruf machen muss. Denn die Zahlen der Berliner Studie sind doppelt ernüchternd, weil sie zeigen, wie wenig Gegenmaßnahmen in den vergangenen Jahren gefruchtet haben. Denn es wurden diverse Einrichtungen geschaffen, um die Künstlerinnen und Künstler besser auf die Zeit nach dem Studium vorzubereiten – mit Workshops, individuellen Coachings, Hilfestellungen zur Existenzgründung und Kontakten zu Branchen- und Berufsverbänden.
Trotzdem ist offenkundig, dass die 24 staatlichen Kunsthochschulen und Kunstakademien plus die privaten Hochschulen viel zu viele Künstler ausbilden. Das tun sie aber keineswegs, weil unter den tausenden Bewerbern jährlich so viele große Talente sind, sondern weil die Zahl der Studierenden die Existenz der Akademien legitimiert: Sie sind eine wichtige Währung im Konkurrenzkampf untereinander und bei der Vergabe öffentlicher Mittel.
So bildet man durchaus auch junge Leute aus, die von diesem Beruf nie werden leben können, aber ein System am Laufen halten, das dringend verändert werden müsste. Auf der einen Seite sind Kunsterzieher Mangelware, weil man als schnöder Lehrer im eitlen Kunstbetrieb kaum mehr Chancen hat. Im Ausstellungs- und Museumsbetrieb werden Kuratoren und Wissenschaftler bezahlt, Restauratoren und Vermittler – während die Künstler in der Regel Material, Rahmen, Transport zahlen müssen und vom Eintrittspreis nichts abbekommen. Deshalb war es eine sehr gute Entscheidung, dass die Stadt Stuttgart im aktuellen Haushalt zwar an vielen Stellen Mittel für die Kultur gekürzt hat, einen Posten aber nicht: 105 000 Euro für Ausstellungshonorare, damit an denen, deren Werke offensichtlich gut genug sind, gezeigt zu werden, nicht nur andere verdienen.
Schillerndes Berlin, harter Alltag
SituationDer bbk Berlin hat ermittelt, wie und wovon Kunstschaffende in Berlin leben. Die Befragung wurde vom 17. Dezember 2025 bis 31. Januar 2026 durchgeführt und bezog sich auf die ökonomische Situation, soziale Absicherung und professionelle Rahmennbedingungen, aber auch Themen wie Machtmissbrauch und Zensur. . Insgesamt nahmen 1292 Personen teil.
StudieDie empirische Untersuchung „Prekäre Hauptstadt, kreative Existenzen“ ist online einsehbar über www.bbk-berlin.de.
