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Zukunftsgestaltung braucht Prognosen

Interview Dozent und Autor Friedhelm Schneidewind beleuchtet bei einem Volkshochschulvortrag in Murrhardt das Thema Megatrends. Trotz seiner Kritik an wirtschaftlich motivierten Ansätzen sagt er auch: Entwicklungen zu erkennen, stärkt die eigenen Handlungsmöglichkeiten.

Friedhelm Schneidewind. Foto: privat

Friedhelm Schneidewind. Foto: privat

Eine Ihrer Grundüberlegungen ist ja, dass Megatrends einerseits einer Entwicklung auf der Spur sind, weil sie schon erahnbar ist, andererseits vieles der Vorhersagen nicht zutrifft. Was spricht dafür, die Finger von solchen Prognosen zu lassen und sich auf die Gegenwart zu konzentrieren, was dafür, es doch zu wagen?

Es ist wirklich so: Entweder eine Entwicklung liegt schon in der Luft oder der allergrößte Teil der Prognosen bewahrheitet sich nicht. Da ist es egal, ob ich das Megatrend nenne oder im belletristischen Bereich beispielsweise bei Utopien schaue. Daran wird sich vermutlich nie etwas ändern, weil uns die Mittel fehlen, auf vielen Gebieten sehr genaue Zukunftsvorhersagen zu treffen. Ich muss dabei zwei Bereiche unterscheiden: der Begriff des Megatrends, der im Zusammenhang wirtschaftlicher oder politischer Interessen verwendet wird, um Entwicklungen gezielt zu steuern, oder ein Megatrend als eine bedeutende Entwicklung, die auf seriöser Forschung beruht.

Ließe sich das an einem Beispiel erläutern?

Mir fallen sogar zwei sehr aktuelle ein. Die Entwicklung rund um den Klimawandel als Megatrend zu bezeichnen, ist eigentlich schon untertrieben. Die Mitglieder des Club of Rome warnen seit Jahrzehnten vor dem Kollaps der Erde. Ihr Buch „Grenzen des Wachstums“, das vor 50 Jahren erschien, ist in Zeiten der Klimakrise nach wie vor aktuell. Anfang der Woche sind vom Klimarat Daten veröffentlicht worden, die das bestätigten, als seriös festzustellen sind und mit denen man sich beschäftigen sollte. Das andere Beispiel ist, dass nun im Zuge des Kriegs in der Ukraine nicht nur Vorhersagen, sondern auch Friedensziele beziehungsweise ganze Friedensordnungen verworfen werden. Das zeigt das Problem, dass Zukunftsszenarien schnell passé sein können, weil politisch Handelnde etwas machen oder etwas passiert, mit dem man nicht gerechnet hat, wie das Auftauchen einer Pandemie. Aber trotz alledem – wenn ich die Zukunft gestalten will, komme ich gar nicht darum herum, mich mit seriös erstellten Prognosen zu beschäftigen in dem Wissen, wie problematisch sie sind. Aber das Beispiel unseres Gesundheitsministers Karl Lauterbach zeigt auch, wie man richtigliegen kann: Er hat den Höhepunkt der aktuellen Pandemiewelle mit Mitte Februar recht gut vorhergesagt. Das heißt: Wenn ich Gesellschaft gestalten und als Mensch wirkmächtig bleiben will, muss ich mich mit der Gegenwart auseinandersetzen und mir Gedanken um die Zukunft machen.

Zukunftsszenarien haben viel von Wunschdenken. Lässt sich an einem weiteren Beispiel umreißen, wer da wünscht und wer mit seinen Hoffnungen und Bedürfnissen nicht berücksichtigt ist?

Das lässt sich im ökonomischen Bereich gut zeigen, wenn man sich Megatrends anschaut, die schlichtweg behauptet werden. Beispielsweise spiegelt sich das auf dem Börsenparkett und im Wert von Aktien wider, die als prinzipiell steigend dargestellt werden. So wurde beispielsweise die staatliche Rentenversicherung zerstört und die private Vorsorge aufgebaut mit quasi gesetzten Trends. Ich erinnere an Riester und Ähnliches. Dahinter stehen nicht nur Wünsche, sondern ganz knallharte Interessen. Meist werden die Bedürfnisse der „normalen“ Bürgerinnen und Bürger sowie finanziell nicht so gut gestellter Menschen dabei außer Acht gelassen und es geht um die Interessen der sogenannten Leistungsträger beziehungsweise die Verantwortlichen täuschen vor, dass sie die Bedürfnisse der „einfachen Menschen“ im Blick haben.

Inwieweit entspricht der Logik der Megatrendforschung nicht auch die Idee einer ständigen Weiterentwicklung und Steigerung und ist insofern kontraproduktiv für einen nicht aggressiven Umgang mit Mensch und Natur, den wir mehr als dringend brauchen?

Es kommt darauf an, wie Megatrendforschung betrieben wird. Für die Mehrheit trifft es zu, dass sich in ihr auch die Philosophie eines ständigen Wachstums wiederfindet. Diese Art von Forschung ist in diesem Sinne ganz sicher kontraproduktiv. Aber wenn ich sie ernsthaft betreibe und einen Trend entdecke, der zeigt, wo es hingeht, wie zum Beispiel beim Bericht des Weltklimarats oder schon früher wie beim Club of Rome, ist das wertvoll. Die Forschungen halten dann Erkenntnisse bereit, wenn es darum geht, wie wir aus dieser Entwicklung ausbrechen können. Insofern kommt es auf den generellen Ansatz an. Will ich Trends finden oder sogar schaffen, die das Wachstum fördern und immer weiter steigern, oder betreibe ich eine Forschung, um auch warnen zu können? Ich muss den Trend schließlich erkennen, um zu wissen, welche Handlungsoptionen es gibt.

Den Klimawandel und ihre Warner haben Sie schon thematisiert. Wie schnell begegnet man Forscherinnen und Forschern von Megatrends, die sich mit Schreckensszenarien wie Krieg, Umweltzerstörung und Klimawandel beschäftigen? Ist das eher die Ausnahme?

Ich würde die drei Kategorien nicht auf eine Ebene stellen. Krieg betrifft eine wenn auch große Gruppe von Menschen, der Klimawandel bedroht Lebewesen in noch viel umfassenderem Umfang, den Planeten als Ganzes, sieht man mal von einem drohenden Atomkrieg ab. Meine Einschätzung ist aber, wenn man seriöse Forschung betreibt, kommt man an diesen Entwicklungen, ja erschreckenden Risiken und Megatrends, letztlich nicht vorbei. Es geht ja darum: Wie kann man der Mehrheit der Menschheit ein besseres Leben verschaffen beziehungsweise sie vielleicht sogar retten oder zumindest die Zerstörung der Zivilisation abwenden? Leider sind wir da aktuell auf einem ziemlich schlechten Weg.

Sie beschäftigen sich schon sehr lange mit Megatrends und großen Zukunftsentwicklungen. Was haben Sie für sich ganz persönlich daraus gezogen?

Ich habe für mich eine Art Stufenmodell entwickelt. Da gibt es ein weit entferntes Ziel, das man wie eine Art Leuchtturm beschreiben könnte. Das sind letztlich die Megatrends, die ich sehe, in Form von Entwicklungen, die sich abzeichnen. Sie gehören für mich auf die Ebene der mittel- bis langfristigen Planungen. In Bezug auf kurz- und mittelfristige Ziele spielen andere Aspekte eine Rolle. Das wird auch im Vortrag Thema sein, nämlich die Möglichkeit, Dinge zu konkretisieren. Ein Trend nützt mir nichts, wenn sich die Erkenntnisse nicht in mein Handeln umsetzen lassen. Dahinter steht auch die Idee, dass es wertvoll sein kann, wenn ich als Autor vor einem bestimmten Hintergrund warnen kann. Insofern sind Megatrends für mich eine Art Folie, auf der ich zum einen für mich plane und zum anderen in der nächsten Zeit auch etwas konkret umzusetzen kann – mit besagtem Leuchtturm vor Augen, der für kleinere Schritte auch in strategischer Hinsicht Orientierung bietet.

Was liegt Ihnen sonst noch am Herzen?

Ich möchte bei meinem Vortrag diese Komplexität der verschiedenen Ebenen beleuchten, also vom Megatrend bis zur relativ kurzfristigen Handlungsfähigkeit und Überlegung, was kann man damit anfangen inklusive der Stärken und Schwächen der Methoden. Die Frage ist, inwieweit lässt sich mit diesem Rüstzeug versuchen, selbst Einfluss zu nehmen. Das heißt, es geht um den theoretischen Hintergrund, aber eben auch darum, was kann die Zuhörerin und der Zuhörer für sich und vielleicht auch fürs eigene Handeln mitnehmen.

Das Gespräch führte Christine Schick

Megatrends: Globalisierung, Digitalisierung, Gentechnologie und demografischer Wandel

Der Dozent Friedhelm Schneidewind, Jahrgang 1958, lebt als Autor, Journalist, Musiker und Dozent in der Erwachsenenbildung in Mannheim. Er veröffentlichte zahlreiche Geschichten und Artikel, ein Theaterstück, einen Roman, Anthologien, acht Lexika und mehrere Sachbücher, unter anderem zu Mythologie, Wissenschaftsgeschichte und Ethik. Als Mitglied der Sektion „Future Life“ der Phantastischen Bibliothek Wetzlar, der „Gesellschaft für Fantastikforschung“ und des „Deutschen Fachjournalistenverbands“ forscht und publiziert der studierte Biologe seit Jahren zu Fragen der nahen und fernen Zukunft, zu Zukunftstrends und -szenarien sowie zum Zusammenhang zwischen Wissenschaft und Science-Fiction. Er „gehört zu den profiliertesten Experten für Fantasy-Literatur“ (Mannheimer Morgen 2012) und gilt als „Vorreiter in der Fantasy-Forschung“ (Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung 2012).

Der Vortrag Unter der Überschrift „Megatrends“ zeigt Friedhelm Schneidewind die Stärken und Schwächen der Trendforschung auf. Sein Vortrag am Donnerstag, 10. März, um 19 Uhr im Gasthof „Zum Engel“ am Murrhardter Marktplatz eröffnet den Semesterschwerpunkt der Volkshochschule Murrhardt „vernetzte Gesellschaft“. Aktuell diskutierte Megatrends – Globalisierung, Digitalisierung, Gentechnologie, demografischer Wandel – werden kritisch beleuchtet, nicht nur bezüglich ihrer Prognosefähigkeit, sondern auch der Möglichkeiten, damit politisch und gesellschaftlich Einfluss zu nehmen. Seitdem der im April 2021 verstorbene Trend- und Zukunftsforscher John Naisbitt 1982 mit seinem Bestseller „Megatrends“ diesen Begriff bekannt machte, werden immer wieder neue Megatrends ausgerufen. Naisbitt prophezeite vor 40 Jahren eine Transition von der Industrie- zur Informationsgesellschaft und lag damit wie oft bei seinen Vorhersagen nur teilweise richtig. Der Eintritt kostet acht Euro. Es gelten die aktuellen Hygienevorschriften.

Anmeldung Die Volkshochschule nimmt Anmeldungen unter https://vhs-murrhardt.de oder per E-Mail an info@vhs-murrhardt.de entgegen. Weitere Infos unter Telefon 07192/9358-0.

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Erstellt:
2. März 2022, 06:00 Uhr

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