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Zwangszuteilung mit eingeschlossen

Vor 75 Jahren: Erinnerungen an die Nachkriegszeit in Murrhardt (8) Die Flüchtlinge und Vertriebenen in der Walterichstadt unterzubringen, zu versorgen und zu integrieren, stellte für die Einheimischen eine außerordentliche Herausforderung dar.

Eine Originalaufnahme vor der Murrhardter Stadthalle von 1946, die als Auffang- und Durchgangslager diente. Foto: Archiv des Carl-Schweizer-Museums

Eine Originalaufnahme vor der Murrhardter Stadthalle von 1946, die als Auffang- und Durchgangslager diente. Foto: Archiv des Carl-Schweizer-Museums

Von Elisabeth Klaper

MURRHARDT. Ab dem Herbst 1945 und vor allem im Lauf des Jahres 1946 kam eine große Zahl von Flüchtlingen und Vertriebenen in die Walterichstadt. Nach Informationen der Heimatgeschichtskenner Rolf und Christian Schweizer waren es insgesamt rund 4500 Personen, unter diesen vor allem Schlesier und Sudetendeutsche, aber auch Familien aus verschiedenen südosteuropäischen Ländern.

Für die Einheimischen stellte diese starke Zuwanderung eine riesengroße Herausforderung dar. Schließlich hatten sie selbst alle Hände voll zu tun, um ihre Grundversorgung mit dem Nötigsten sicherzustellen. Zum Hintergrund: Die Flucht und Vertreibung deutscher Minderheiten aus Ost-, Mittel- und Südosteuropa begann noch während der Endphase des Zweiten Weltkriegs. Etwa zwölf Millionen Deutsche suchten eine neue Heimat. Wie viele Menschen in diesen chaotischen Ereignissen starben, ist bis heute unklar. Laut Schätzungen könnten diese bis zu zwei Millionen Opfer gefordert haben. Ein kleiner Handwagen, ein Rucksack und ein oder mehrere Koffer mit wenigen Habseligkeiten und dem Allernötigsten waren meist der ganze Besitz von Flüchtlingen und Vertriebenen. Hunger, Kälte und Krankheiten begleiteten deren oft wochen- und monatelange beschwerliche Flucht. Viele Familien wurden auseinandergerissen und waren auf der Suche nach ihren Angehörigen. Anfangs gab es sogenannte wilde Vertreibungen von Angehörigen deutscher Minderheiten, die oft mit Racheakten und Misshandlungen, teils sogar Verbrechen verbunden waren. Nach Kriegsende bis 1950 folgten sogenannte geregelte Aussiedlungen der Deutschen aus den Ostgebieten, Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei. Diese hatten die Alliierten auf der Potsdamer Konferenz im Juli 1945 beschlossen.

Ab Herbst 1945 kamen innerhalb nur eines Jahres rund 321000 Flüchtlinge und Vertriebene nach Nordwürttemberg. Um ein länger dauerndes Leben in zentralen, großen Unterkünften zu verhindern, schrieb die US-Besatzungsmacht vor, die Personen möglichst rasch und unter Beibehaltung der Familien-, nicht aber der Dorfgemeinschaft über das Land zu verteilen und dafür privaten Wohnraum der ansässigen Bevölkerung zu beschlagnahmen. Die Heimatlosen waren damit den Zufällen des behördlich organisierten Bevölkerungstransfers ausgeliefert. Sie kamen zunächst in staatliche Durchgangslager und wurden dann auf die Orte ihrer „Erstplatzierung“ verteilt. In Nordwürttemberg erfolgte diese Verteilung relativ gleichmäßig, wobei der Anteil der Zwangszuwanderer an der Gesamtbevölkerung in den Landkreisen bei fast 18 Prozent und in den Stadtkreisen bei etwa fünf Prozent lag. Die Neubürger, wie man heute sagen würde, waren leistungs- und aufstiegsorientiert: Mit viel Fleiß und Ehrgeiz arbeiteten sie daran, wieder möglichst denselben sozialen Status zu erreichen, den sie in ihrer Heimat gehabt hatten.

Die rege Bautätigkeit der Flüchtlinge und Vertriebenen, die vor allem mit dem Lastenausgleichsgesetz von 1952 einsetzte, war symptomatisch, denn das Eigenheim war auch hier soziales Leitbild und Symbol für das Ankommen in der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Allerdings entstanden durch die zum Teil konfessionellen Unterschiede zwischen einheimischer und vertriebener Bevölkerung verschiedene, kulturell bedingte Konflikte und Vorbehalte, die nur langsam abgebaut werden konnten.

Die Kommunen, in denen die Flüchtlinge und Vertriebenen ankamen, brachten diese zunächst in Auffang- und Durchgangslagern unter, dann bei Privatfamilien, soweit dies möglich war, sowie in Notquartieren. Insofern ist es verständlich, dass Zeitzeugen von ganz unterschiedlichen Erfahrungen berichten, wie sich die Einheimischen gegenüber den Fremden verhielten. Anfangs war das Zusammenleben oft schwierig, denn manche Einwohner waren unfreundlich oder gar (fremden-)feindlich, andere zeigten hingegen Mitgefühl und Hilfsbereitschaft.

Veranstaltungssäle von Gaststätten wurden zu ersten Quartieren umfunktioniert.

Um die große Zahl der Flüchtlinge und Vertriebenen unterzubringen, waren auch in der Walterichstadt drastische Maßnahmen erforderlich: So mussten viele Einwohner in der Kernstadt und den Teilorten Zimmer abgeben und Wohnungen teilen. Weiter richtete man laut Christian Schweizer auch in manchen Veranstaltungssälen von Gaststätten Quartiere ein. Folglich herrschten in vielen Häusern, von denen zahlreiche sowieso deutlich kleiner waren als heute, äußerst beengte Verhältnisse. Hinzu kamen völlig unzureichende sanitäre Einrichtungen: Oft mussten sich zahlreiche Personen eine Küche und eine Toilette teilen, und in manchen alten Häusern gab es damals noch weder Bad noch Dusche. Eugen Gürr berichtet in seiner „Murrhardter Chronik 1945/46“, dass am 23. Oktober etwa 300 „ostdeutsche Flüchtlinge“ (aus Oberschlesien), „jetzt Besitz- und Heimatlose“, auf Lastwagen ankamen. „Sie wurden (in Gaststätten) verpflegt und sind alle schon untergebracht und einquartiert. Es ist natürlich eine große Sorge, sie in Heimat, Wohnung, Ernährung und Arbeit zu bringen.“ In den folgenden Monaten wurden mehrfach Spenden von Wäsche, Bekleidung, Betten und anderen wichtigen Utensilien für die sogenannten Ostflüchtlinge gesammelt.

Ende Februar 1946 kamen 320 Flüchtlinge aus Ungarn mit Lastwagen an. Gürr schreibt: „In der Stadthalle müssen sie (...) mit einfachem Massenquartier zufrieden sein. Es ist hier Verteil- und Durchgangslager. Für sie wurde um Spenden an Kleidung und Wäsche ausgerufen, die auf der Polizeiwache abgegeben wurden und immer noch in befriedigender Menge eingingen. Die Gäste hatten Gepäck bei sich, soviel als zu transportieren möglich war. (...) So werden sie hierbleiben, bis ärztliche Versorgung geschehen ist“. Später schreibt er: „In der Stadthalle sind andauernd Ostflüchtlinge, immer wieder neue.“ – „Jeweils 300“ brachte man zunächst dort unter, doch mussten sie baldmöglichst „in Murrhardter Haushalten einquartiert werden“. Dazu wurde „eine Wohnungskommission gebildet, dabei auch ein Nichteinheimischer als Unparteiischer. Die Kommission hat die schwierige Aufgabe, die Zimmer und Wohnbelegung der Einheimischen zu registrieren. (...) Da auch arbeitsfähige Männer darunter sind, wird das Arbeitsamt kommen und sie je nach Beruf in bäuerliche und industrielle Gemeinden einteilen.“

Als 1946 immer mehr Flüchtlinge und Vertriebene ankamen, suchte man ab August nur noch „Unterbringungsraum, nicht mehr Wohnraum“. Es wurde immer schwieriger, den Personen ein Dach über dem Kopf zu verschaffen. So musste im Oktober 1946 der Wohnungs- und Flüchtlingskommissar in jedem Haus nachsehen, um die Neuangekommenen wenn nötig auch zwangsweise zuzuteilen und unterzubringen. „Das Durchgangslager in der Stadthalle ist gedrängt voller besetzter Lagerstätten“, beschreibt Gürr die prekäre Situation. Rund 2000 Flüchtlinge und Vertriebene fanden dort nach und nach ihre erste Unterkunft.

Mehrfach fanden Sammelaktionen statt, bei denen die Einheimischen aufgerufen waren, Lebensmittel, Kleidung, Wäsche, Schuhe, Hausrat und andere wichtige Utensilien für die Neubürger zu spenden. In der Kantine der Lederfabrik Schweizer und der Stadthallenküche wurde täglich für etwa 600 Flüchtlinge und Vertriebene gekocht. Das Essen bestand aus kleinen Portionen: Zum Frühstück gab es Kaffeeersatz und eine dünne Scheibe Brot, zum Mittagessen diverse Gemüse- und Kartoffelgerichte, zum Abendessen Suppe, Kartoffeln, ab und zu auch etwas Wurst. Nur am Sonntag kamen morgens Butter und Honig, mittags ein wenig Fleisch dazu.

Im Dezember 1946 bat Bürgermeister Georg Krißler die Einwohner, „man soll es als Ehrensache ansehen und spenden: Nahrung, Kleidung und so weiter zu einer Weihnachtsfreude für unsere Neubürger. Bekanntschaft und Zusammenarbeit sind da, sodass einige ihre Weihnachtsgeschenke selbst ihren Ostflüchtlingen geben wollen.“

„Alle Durchgangslager müssen bis Jahresende geräumt sein, also müssen die dort noch hausenden Flüchtlinge und Vertriebenen rasch untergebracht werden. Das trifft das Städtle wieder am meisten. Es heißt, Amerikaner hätte man in einzelnen Fällen gebraucht, um einen Raum zu beschlagnahmen“, verdeutlicht Gürr in der „Murrhardter Chronik“, wie groß der Mangel an Wohnraum war.

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Erstellt:
12. September 2020, 06:00 Uhr

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