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Zwischen Trümmern und Neuanfang

Ende des Zweiten Weltkriegs jährt sich zum 75. Mal – Erinnerungen an die Lage in Murrhardt, Fornsbach und Kirchenkirnberg

Der 8. Mai ist Anlass, sich an das Ende des Zweiten Weltkriegs und der Herrschaft der Nationalsozialisten zu erinnern. Die Kapitulation der deutschen Wehrmacht jährt sich heute zum 75. Mal. In Murrhardt und den damals noch selbstständigen Gemeinden Fornsbach und Kirchenkirnberg standen die Menschen oftmals vor den Trümmern ihrer Existenz, gleichzeitig war ein Neubeginn nicht mehr weit: Bereits am 20. Mai fand die Landrätekonferenz in Murrhardt statt, die damals als erstes Sprießen der Demokratie im Südwesten gewertet wurde.

Nach dem Luftangriff zum Kriegsende steht nur noch das Gerippe der Kirchenkirnberger Kirche. Archivfoto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Nach dem Luftangriff zum Kriegsende steht nur noch das Gerippe der Kirchenkirnberger Kirche. Archivfoto: J. Fiedler

Von Christine Schick

MURRHARDT. Anlässlich des 40. Jahrestags sagte Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner viel beachteten Rede im Bundestag: „Der 8. Mai ist für uns Deutsche kein Tag zum Feiern. Die Menschen, die ihn bewusst erlebt haben, denken an ganz persönliche und damit ganz unterschiedliche Erfahrungen zurück. Der eine kehrte heim, der andere wurde heimatlos. Dieser wurde befreit, für jenen begann die Gefangenschaft. Viele waren einfach nur dafür dankbar, dass Bombennächte und Angst vorüber und sie mit dem Leben davongekommen waren. Andere empfanden Schmerz über die vollständige Niederlage des eigenen Vaterlandes. Verbittert standen Deutsche vor zerrissenen Illusionen, dankbar waren andere Deutsche für den geschenkten neuen Anfang. (...) Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten. Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte. Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen.“

Auch in Murrhardt, Fornsbach und Kirchenkirnberg – so könnte man skizzenhaft umreißen – dürften diese gegensätzlichen Erfahrungen nah beieinandergelegen haben. Rund einen Monat bevor der kommissarische Backnanger Landrat und ehemalige Bürgermeister Albert Rienhardt ein Treffen der nordwürttembergischen Landräte in Murrhardt anregte, das der amerikanische Militärgouverneur Oberst William W. Dawson ermöglichte und das als erstes Aufkeimen einer neuen Demokratie im Südwesten gilt, rückten die Alliierten in die Region vor. Am 18. April erfolgte ein Jagdbomberangriff auf Fornsbach und Kirchenkirnberg, einen Tag später wurden Sulzbach an der Murr, Murrhardt, Fornsbach und Fichtenberg besetzt.

Der Schwäbische Wald war aufgrund von Militärstützpunkten in der Umgebung für die Wehrmacht 1945 ein wichtiges Gelände, das als Rückzugsgebiet für den Aufbau einer neuen Verteidigungslinie vorgesehen war, wie Christian Schweizer in einem Vortrag bei der Volkshochschule Murrhardt vor einigen Jahren erläuterte. Aus diesem Grund vermuteten die Alliierten starken Widerstand durch deutsche Verbände im Raum Murrhardt. Dass dann ein Teil der 198. Infanteriedivision sowie der 17. SS-Panzergrenadierdivision „Götz von Berlichingen“ dort unterwegs war, war der Grund, Fornsbach schwer zu bombardieren. Wolfgang Samtner schreibt in seinem Beitrag über Fornsbach im Band „Murrhardt – Vergangenheit und Gegenwart. 1945 – Das Ende des Krieges in den ehemaligen Gemeinden Murrhardt, Fornsbach und Kirchenkirnberg“: „Im Gasthaus Lamm waren SS-Offiziere einquartiert. Die Wirtin grub ihr vor den heranrückenden Truppen vorsorglich verstecktes Silber und Weißzeug wieder aus, um sie angemessen bewirten zu können. (...) Berichtet wurde auch, dass ein Standgericht zur Abschreckung von Deserteuren am Waldsee untergebracht war. Ein dafür zuständiger Offizier erzählte in einem Fornsbacher Wirtshaus, dass aber bis zu diesem Zeitpunkt noch niemand erschossen worden sei.“ Weitere Punkte waren die Einrichtung eines Hauptverbandsplatzes sowie einer Feldbäckerei, die erahnen lassen, wie stark Fornsbach in den letzten Wochen vor dem Luftangriff in das Frontgeschehen einbezogen war. Er zerstörte am 18. April den größten Teil des Dorfes – Rathaus, Kirche, Pfarrhaus, Schule, 55 Wohnhäuser und 32 Scheunen. Sechs Menschen wurden getötet.

NSDAP-Ortsgruppenleiter Kienzle ließ noch Panzersperren errichten

In Kirchenkirnberg war es eine deutsche Truppenkolonne, die sich im Spielwald versteckte, später im Dorf Unterschlupf suchte und den NSDAP-Ortsgruppenleiter Ludwig Kienzle auf den Plan rief. Eberhard Bohn schreibt in seinem Kapitel „Es ist genug...“ des Murrhardter Bands über das Kriegsende: Kienzle „hatte jeden Maßstab verloren und die Verteidigung von Kirchenkirnberg auf seine Weise in die Hand genommen. Um das ganze Dorf mussten Panzersperren gebaut und Schützengräben ausgehoben werden. Wie sich später herausstellte, waren gerade diese Hindernisse Auslöser der amerikanischen Fliegerangriffe auf Kirchenkirnberg. Sie mussten ja annehmen, dass hier Widerstand geleistet wurde.“ Als sich die Lage zuspitzte, verließen die Volkssturmleute ihre Panzersperren und rannten nach Hause. Der Beschuss aus der Luft dauerte zwei Stunden und kostete sieben Zivilisten und vermutlich sechs Soldaten das Leben.

Beim Vormarsch der Amerikaner auf Murrhardt waren die Lederfabrik Schweizer sowie das Gebiet zwischen Eisenbahnbrücke, Siegelsberger Straße und Graben besonders betroffen. Als die amerikanischen und wenig später auch französischen Truppen in Murrhardt einmarschierten, trafen sie auch auf geschmückte Schaufenster zum Geburtstag Adolf Hitlers am 20. April.

Titus Simon hat für den bereits genannten Band Zeitzeugen interviewt („Wie Murrhardter und Murrhardterinnen das Kriegsende erlebten“). Luise Neumann berichtet: „Ich erinnere mich an gut aussehende und vor allem wohlgenährte Männer. Einige Soldaten sprachen Deutsch. Zwei ehemalige russische Kriegsgefangene, die uns schon während des Krieges hin und wieder Holz gespalten und dafür Esswaren erhalten hatten, brachten uns einen großen Block selbstgefertigter Seife.“ Einige Tage später, unter den französischen Truppen, kam es zu Plünderungen und auch Vergewaltigungen.

Insgesamt zählten Murrhardt, Fornsbach und Kirchenkirnberg vielleicht zusammen 6000 Einwohner. Aufgenommen werden mussten zum Kriegsende an die 2500 Flüchtlinge. Insofern ging es bei der Landrätekonferenz in der Sonne-Post auch um sehr konkrete Themen – neben dem Wiederaufbau der Häuser, Wohnungen, Scheunen und Ställe sowie Instandsetzung von Straßen und Brücken waren dies die Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten, die Auszahlung von Gehältern und Renten, aber auch die Absetzung von Bürgermeistern, die Mitglied der NSADP waren. Die amerikanischen Beobachter der Konferenz waren jedenfalls positiv überrascht, wie demokratisch es unter den 25 Teilnehmern zuging. Ein erstes Zeichen für einen Wiederbeginn eines demokratischen Lebens im Südwesten war gesetzt.

Info

Gedenken: Das Ende des Zweiten Weltkriegs jährt sich heute, 8. Mai, zum 75. Mal. Aus diesem Grund wird am Murrhardter Rathaus sowie in Fornsbach und Kirchenkirnberg die Deutschlandfahne gehisst. Für viele Menschen ging an diesem Tag der Krieg zumindest kalendarisch zu Ende, erinnert die Stadt Murrhardt in einer Pressenotiz. An diesem Datum wird in vielen Ländern an die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht und damit des Endes des Zweiten Weltkriegs in Europa und der Befreiung von den Schrecken und menschenverachtenden Taten des Nationalsozialismus gedacht.

Erinnern: Für Millionen von Menschen überall auf der Welt brachte dieser Krieg Verwüstung und Tod. Besonders hart trafen die letzten Kriegstage 1945 auch die Bevölkerung in Fornsbach und Kirchenkirnberg. „Beide Dörfer erlebten am 18. April ein Inferno in Form eines Bombenangriffs, bei dem nicht nur sechs Menschen in Fornsbach und dreizehn Menschen, darunter zwei Kinder, in Kirchenkirnberg starben, sondern jeweils auch ein Großteil beider Dörfer und unter anderem beide Kirchen völlig zerstört wurden. So war auch für die Bürgerinnen und Bürger von Fornsbach und Kirchenkirnberg der Krieg in seiner Grausamkeit und Sinnlosigkeit spürbar“, so die Stadt. In Murrhardt war der Granatenbeschuss mit Zerstörungen rund um den Graben verbunden. Größere Schäden in der Innenstadt konnten Überlieferungen zufolge durch einige mutige Murrhardter Bürger, die den heranrückenden Truppen entgegenfuhren und sich dem Widerstand gegen die alliierten Truppen verweigerten, vermieden werden. „Der 8. Mai heute soll die Menschen auch daran erinnern, dass es in Europa mit diesen 75 Jahren seither die längste Friedensphase aller Zeiten gegeben hat. Diesen Frieden gilt es weiter zu bewahren“, sagt Bürgermeister Armin Mößner. Dies gelte es sich immer wieder selbst, aber auch ins kollektive Gedächtnis der Bevölkerung zu rufen.

Bewahren: Als ein wesentlicher Grund für die lange Friedenszeit gilt das Zusammenwachsen der europäischen Staaten. Gerade heute in diesen wieder schwierigen Zeiten heißt es, diesen Zusammenhalt zu bewahren und zu fördern. Aus diesem Grund bleibt die Beflaggung am 9. Mai ergänzt durch die Europafahne bestehen. Der Europatag, der an diesem Datum begangen wird, ist Fest und Ermahnung zugleich, in einem vereinigten Europa den Frieden zu bewahren, so Mößner.

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Erstellt:
8. Mai 2020, 06:00 Uhr

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