Bundesnetzagentur zum Füllstand der Gasspeicher
80 % bis zum Winter nicht realistisch
Die deutschen Gasspeicher sind derzeit nur zu 56 Prozent gefüllt. Das ursprüngliche Ziel von 80 Prozent bis Anfang November dürfte nicht mehr erreicht werden.
© Hauke-Christian Dittrich/dpa
Reichen die Füllstände für den Winter?
Von Lukas Böhl
Der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, hält den aktuellen Speicherstand dennoch nicht für ein unmittelbares Risiko für die Versorgungssicherheit.
„Inzwischen sind sich alle Expertinnen und Experten einig: Diese 80 Prozent sind schon technisch fast nicht mehr zu schaffen und auch nicht realistisch“, sagte Müller in einem Interview mit Phoenix. In den Speichern befänden sich derzeit rund 138 Terawattstunden Gas. Das sei bereits mehr als im gesamten vergangenen Winter aus den Speichern entnommen worden sei.
Dennoch müssten die Speicher in den kommenden Wochen weiter befüllt werden. Müller verwies darauf, dass noch Kapazitäten vorhanden seien und die Monate September und Oktober genutzt werden sollten, um zusätzliche Mengen einzuspeichern.
Speicher nicht mehr allein entscheidend
Nach Einschätzung des Präsidenten der Bundesnetzagentur ist der Füllstand der Speicher inzwischen jedoch nur noch ein Teil der deutschen Gasversorgung. Deutschland habe seine Importmöglichkeiten in den vergangenen Jahren deutlich erweitert.
Neben Gaslieferungen aus Norwegen könne Deutschland Gas über Belgien, die Niederlande und Frankreich beziehen. Hinzu kämen vier Flüssiggasterminals, über die LNG importiert werden könne. Damit stünden inzwischen zusätzliche Möglichkeiten zur Verfügung, auch während des Winters laufend Gas nach Deutschland zu bringen.
Müller betonte deshalb, dass derzeit kein grundsätzliches Problem bei der verfügbaren Gasmenge bestehe. „Wir haben weltweit kein Mengenproblem, wir haben eine Preis-Herausforderung“, sagte er.
Gas sei verfügbar, allerdings zu vergleichsweise hohen Preisen. Das beeinflusse sowohl das Verhalten der Händler als auch den Verbrauch der Haushalte.
Bundesnetzagentur sieht Händler in der Verantwortung
Für die Befüllung der Speicher seien in erster Linie die privaten Gashändler verantwortlich, betonte Müller. Der Staat gebe zwar Rahmenbedingungen vor und beobachte die Situation genau, solle aber nicht dauerhaft die wirtschaftlichen Risiken der Unternehmen übernehmen.
Sollten Händler darauf setzen, dass die Gaspreise noch deutlich fallen, und deshalb zu wenig Vorsorge treffen, müssten sie gegebenenfalls während des Winters zusätzliche Mengen einkaufen. Müller machte deutlich, dass dies dann möglicherweise zu höheren Preisen geschehen müsse.
Die Bundesnetzagentur sehe allerdings, dass die Händler bereits reagiert hätten. Seit einem Tiefstand von rund 20 Prozent seien die Speicher auf knapp 56 Prozent gefüllt worden. Zufriedenstellend sei der aktuelle Stand dennoch nicht.
Berichte, wonach der bundeseigene Gasimporteur zusätzliche Mengen einkaufen soll, wollte Müller weder bestätigen noch dementieren. Grundsätzlich begrüße die Bundesnetzagentur aber, wenn deutsche und europäische Gashändler weiteres Gas beschafften.
Ein staatliches Eingreifen wäre nach seinen Angaben erst für eine tatsächliche Notlage vorgesehen. Entsprechende Instrumente könnten greifen, wenn eine Alarm- oder Notfallstufe ausgerufen werde und ein reales Mengenproblem bei der Versorgung bestehe.
Deutschland stärker von LNG abhängig
Auch die Struktur der deutschen Gasimporte hat sich deutlich verändert. Nach Müllers Angaben stammen inzwischen 44 Prozent der Importe aus Norwegen und 24 Prozent aus den Niederlanden. Bis 2022 hatte Russland noch mehr als die Hälfte der deutschen Gasimporte geliefert.
Norwegen bezeichnete Müller als wichtigen und verlässlichen Partner. Ein großer Teil der übrigen europäischen Gasversorgung komme inzwischen direkt oder indirekt aus Flüssiggas. Auch Länder wie die Niederlande und Belgien importierten erhebliche LNG-Mengen über ihre Terminals und leiteten Gas anschließend weiter.
Eine wichtige Rolle spielen dabei die USA, die ihre LNG-Exportkapazitäten in den vergangenen Jahren stark ausgebaut haben. Müller sprach sich auch hier für eine möglichst breite Diversifizierung aus. Gespräche gebe es unter anderem mit möglichen Lieferanten aus Afrika und Kanada.
Strategische Gasreserve ab 2027
Die Bundesregierung plant zudem den Aufbau einer staatlichen strategischen Gasreserve ab 2027. Müller begrüßte das Vorhaben und sprach sich für eine zügige Umsetzung aus.
Eine solche Reserve solle allerdings nicht dazu dienen, normale Schwankungen oder besonders kalte Winter auszugleichen. Sie sei vielmehr für außergewöhnliche Ereignisse gedacht, die die Versorgungssicherheit gefährden könnten.
Für den kommenden Winter setzt die Bundesnetzagentur damit weiterhin vor allem auf zusätzliche Einspeicherungen, laufende Importe und die Vorsorge der privaten Gasunternehmen. Das Speicherziel von 80 Prozent gilt dagegen inzwischen als kaum noch erreichbar.
