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Auf den Flügel folgt eine junge Pianistin

Yu-Ting Huang ist im Trude-Schüle-Haus eingezogen – Taiwanesin stellt bei Hauskonzerten klassische und moderne Werke vor

Michael Heinrich, der sich um das Atelierhaus von Trude Schüle kümmert und möchte, dass es ein Ort der und für die Kunst bleibt, und Yu-Ting Huang (von links). Die 29-jährige Pianistin erfüllt das Haus nun mit Leben, gibt auch das eine oder andere Konzert. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Michael Heinrich, der sich um das Atelierhaus von Trude Schüle kümmert und möchte, dass es ein Ort der und für die Kunst bleibt, und Yu-Ting Huang (von links). Die 29-jährige Pianistin erfüllt das Haus nun mit Leben, gibt auch das eine oder andere Konzert. Foto: J. Fiedler

Von Marina Heidrich

MURRHARDT. Ein 1927 erbauter Steinway-Flügel findet seinen Weg von New York über den Atlantik nach Europa. Die 1990 geborene Pianistin Yu-Ting Huang verlässt ihre Heimat Taiwan und landet nach Aufenthalten in Paris, Luzern und Stuttgart schließlich in der schwäbischen Provinz. Im April 2016 stirbt die bekannte Malerin Trude Schüle. Drei Ereignisse, drei anscheinend vollkommen unterschiedliche Geschichten, die allerdings einen gemeinsamen Nenner haben: Murrhardt. Das Schicksal verknüpft die Geschehnisse zu einem fein gewobenen Teppich, dessen zentrales Ornament in diesem Fall die Kunst ist.

Alles beginnt mit dem Tod von Trude Schüle in ihrem Atelierhaus in Murrhardt. Michael Heinrich, ihr Adoptivsohn, möchte nicht nur das Andenken an die bekannte Malerin bewahren, er erinnert sich an die Passion der Künstlerin für Klavierwerke. Ihr Haus in der Justinus-Kerner-Straße soll fortan ein Heim für verschiedene Formen von Kunst bieten und so organisiert Michael Heinrich einen Flügel. Dass dieses Instrument ein ganz besonderes ist, stellt sich dann heraus: ein echter, in New York hergestellter Steinway, signiert von Franz Mohr. Der in Nörvenich geborene Klaviertechniker und Autor wanderte in den 1960er-Jahren in die USA aus und wurde bei der Firma Steinway bald Chef-Klaviertechniker. Der Murrhardter Steinway stammt aus der alten Serie, deren warmer Klang vor allem in den leisen Passagen sehr ausdrucksstark ist, und wurde als einer der letzten noch von Franz Mohr selbst eingerichtet.

Da steht nun also dieses außergewöhnliche Instrument in einem hellen, hohen Raum, an den Wänden hängen Bilder der leidenschaftlichen Malerin – und doch fehlt etwas. Das wunderschön anzuschauende Stillleben lebt noch nicht. Doch Michael Heinrich hat eine Idee. Er baut das oberste Stockwerk zur Wohnung aus und gibt eine Annonce an der Musikhochschule auf: Mieter gesucht. Yu-Ting Huang meldet sich als Erste, die Chemie stimmt und im Juli 2019 bezieht die junge Musikerin ihre neue Wohnung in Murrhardt. Zu dieser Zeit hat sie schon eine erfolgreiche Karriere als Pianistin gestartet. Bereits mit vier Jahren war sie vom ersten Anblick eines Klaviers fasziniert und drängte ihre Mutter, sie doch auf eine Musikschule zu schicken. Bei einer Probestunde wurde schnell klar: Das kleine Mädchen und das Tasteninstrument, das ist Liebe. Die heute 29-Jährige genoss zwar auch eine klassische Ausbildung, hat sich aber auf zeitgenössische Klaviermusik spezialisiert und pendelt zwischen Taipeh, Paris und Luzern. Und nun auch zwischen Murrhardt und dem Rest der Welt. Sie trat unter anderem in der Royal Albert Hall in London auf. Der guten Beziehung zwischen Vermieter und Mieterin ist es zu verdanken, dass Yu-Ting Huang sich schnell für eine Idee begeistert: kleine, feine Hauskonzerte im Trude-Schüle-Haus, im intimen Rahmen und mit einem ganz besonderen Flair. Und so kommen Musikliebhaber beim zweiten Hauskonzert am Sonntagvormittag in den Genuss echter Kunst.

Die Taiwanesin spielt Werke von Ravel und Bach, glänzt aber auch mit aktuellen Kompositionen des 1993 mit gerade einmal 43 Jahren verstorbenen Schweizers Christoph Delz und des 1972 geborenen Italieners Lorenzo Pagliei. Yu-Ting Huang begeistert nicht nur durch ihr Spiel, sie bringt dem Publikum die ungewöhnlichen Werke durch Erklärungen näher. Bereitwillig erläutert sie bestimmte Spieltechniken. So muss die zierliche Taiwanesin, die bereits sehr gut Deutsch spricht, bei der Komposition „Kontrast“ (Kaiyi Kao, Jahrgang 1984) immer wieder aufstehen, da hier auch das Innenleben des Flügels aktiv mit in die Spielweise einbezogen wird.

Bei einem Glas Sekt anspruchsvoller Musik lauschen, in einem ungezwungenen Ambiente – das hätte Trude Schüle gut gefallen.

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Erstellt:
5. November 2019, 06:00 Uhr

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