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Aufbruch- statt Krisenstimmung

Paulinenpflege bereitet sich auf die Öffnung ihrer Werkstätten für behinderte Menschen in Murrhardt, Backnang und Winnenden vor.

Das Erste, was Mitarbeiter machen, wenn sie kommen, ist, sich die Hände zu desinfizieren.

Das Erste, was Mitarbeiter machen, wenn sie kommen, ist, sich die Hände zu desinfizieren.

MURRHARDT (mk). Schon beim ersten Eindruck ist einiges neu, wenn man die Werkstatt Murrhardt der Paulinenpflege Winnenden betritt: Zum einen ist es ziemlich ruhig und dann steht unübersehbar ein großer Desinfektionsspender am Eingang. Während sich dort Sozialdienstmitarbeiterin Annette zu Jeddeloh die Hände desinfiziert, erklärt sie: „Wir dürfen derzeit nur eine Notbetreuung in unserer Werkstatt für behinderte Menschen machen, das heißt, es sind höchstens ein Viertel der normalen Belegung mit Klienten erlaubt, daher geht es momentan bei uns etwas leiser zu als vor Corona.“ Statt der über 100 Menschen mit Behinderung sind jetzt ungefähr 25 in den einzelnen Arbeitsgruppen.

Für sie beginnt der Arbeitstag in diesen Coronazeiten genau am Desinfektionsspender: „Wir haben ganz klare Regeln. Die Beschäftigten kommen mit ihren eigenen Masken, legen diese ab, desinfizieren ihre Hände und dann liegt hier für jede beziehungsweise jeden eine neue sogenannte Hausmaske bereit“, sagt Annette zu Jeddeloh und zeigt auf ein Körbchen, das an der Rückseite des Spenders angebracht ist. Drin liegen Mund-Nase-Schutzmasken jeweils einzeln in ein Tütchen verpackt. Die werden in der Werkstatt sogar in einer kleinen Textilarbeitsgruppe selbst genäht – Modell „Schwäbischer Wald“.

Um die neuen Hygiene- und Abstandsvorschriften einhalten zu können, haben die Mitarbeiter in den letzten Wochen vieles umgebaut und umgestellt. Die Gänge werden größtenteils zu Einbahnstraßen – so dürfen die Beschäftigten in einem Treppenhaus nur hoch- und im anderen nur runtergehen. So kommt jeder mit größtmöglichem Abstand in seine Arbeitsgruppe. Die einzelnen Arbeitsplätze und Maschinen sind nun so weit auseinandergerückt worden, dass immer mindestens 1,5 Meter Abstand von Mensch zu Mensch bestehen. Zum Arbeiten kann dann die Maske abgenommen werden und muss nur beim Verlassen des Arbeitsplatzes wieder aufgesetzt werden, zum Beispiel auf dem Weg zum Mittagessen. „Da nicht alle unserer Klienten die magischen anderthalb Meter einschätzen können, sagen wir immer: Es passt, wenn zwei Leute mit ausgestreckten Armen sich gegenüberstehen können, ohne sich zu berühren“, erklärt Sozialpädagogin Annette zu Jeddeloh die goldene Regel.

Wenn zwei sich mit ausgestreckten Armen gegenüberstehen und nicht berühren, passt der Abstand.

Zudem wird jede Maschine nur von einem Beschäftigten benutzt, genauso gibt es nur noch personalisierte Werkzeuge. Werden diese weitergegeben, müssen sie zwischendurch erst desinfiziert werden. Dies könnte dann zum Beispiel passieren, wenn es nach einer weiteren Öffnung der Werkstatt für behinderte Menschen eventuell auch Schichtarbeit geben könnte. Das ist aber noch Zukunftsmusik. Die jetzige Regelung aus der Coronaverordnung gilt noch bis mindestens 23. Mai. Und bis dahin wird die kleine Notbetreuungsgruppe auch ein bisschen zu einer Multiplikatoreneinheit in Sachen Abstand und Hygiene ausgebildet. „Unsere Menschen mit Behinderung, die jetzt gerade in der Werkstatt arbeiten, sind schon richtige Abstands-Hygiene-Profis. Wir hoffen, dass dies dann auch auf eine größere Gruppe überspringt, wenn wir wieder mehr Beschäftigte arbeiten lassen dürfen,“ so der optimistische Zukunftsblick von Annette zu Jeddeloh. Bis dahin werden im Sozialdienst auch schon wichtige Daten bei den daheim gebliebenen Menschen mit Behinderung abgefragt, beispielsweise wer zur Risikogruppe gehört. Teilweise zu Hause sind derzeit auch noch die Klienten aus dem Berufsbildungsbereich. Acht Teilnehmer werden regelmäßig mit Aufgaben und Aufträgen versorgt. Und natürlich ist hier auch der persönliche Kontakt auf Abstand wichtig, um die Befindlichkeit der Menschen mit Behinderung im Homeoffice abzufragen.

Ganz ähnlich wie in Murrhardt bereiten sich auch die anderen Standorte der „Backnanger Werkstätten“ in Winnenden und Backnang auf die neue Normalität vor. Dort sind insgesamt noch weitere knapp 50 Beschäftigte in der Notbetreuung. Vielleicht kann sich der eine oder andere Kollege dort auch ein paar kreative Kniffe von Murrhardt abschauen, damit das Abstandhalten immer wieder ins Bewusstsein der Menschen mit Behinderung rückt. Und so ist neben dem Ausgang auf den Pausenbänken hinter der Werkstatt zum Beispiel pro Bank eine Gemüsekiste auf der Sitzfläche befestigt, sodass auf jeder Bank nur noch ein Mensch sitzen kann. Damit ist auch ein gesundes Pausieren im Freien möglich.

Auch das zeigt, dass die Mitarbeiter in Murrhardt die neuen Richtlinien mit viel Engagement und Erfindungsreichtum in die Praxis umsetzen. Statt Krisen- ist hier eher eine Aufbruchsstimmung zu spüren.

In der Werkstatt Murrhardt werden in einer Textilarbeitsgruppe eigene Schutzmasken genäht. Das Modell hat den Namen „Schwäbischer Wald“ bekommen. Fotos: Paulinenpflege Winnenden

In der Werkstatt Murrhardt werden in einer Textilarbeitsgruppe eigene Schutzmasken genäht. Das Modell hat den Namen „Schwäbischer Wald“ bekommen. Fotos: Paulinenpflege Winnenden

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Erstellt:
15. Mai 2020, 06:00 Uhr

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