Bahnen ziehen im Badetempel auf den Bahnhofsgleisen

Wie lässt sich das Gleisareal am Hauptbahnhof gestalten, sobald es stillgelegt ist – ganz ohne neue Baustoffe? Architekturstudierende der Uni Stuttgart haben Visionen, die träumen lassen.

Von Lisa Kutterruf

Stuttgart - Bald schon dürfte sie wieder über Stuttgart hereinbrechen: sommerliche Hitze. „Und was kann man dann machen – außer zum Palast der Republik zu gehen?“, fragt Gereon Schumacher knitz, um die Antwort gleich selbst zu geben: ab ins Gleisbad, das Naturbad über dem neuen Hauptbahnhof, wo Bahngleise zu Badebecken geflutet und Bahnsteige zu begrünten Badestegen gestaltet wurden. Wo sattgrüne Pflanzen von roten Fußgängerbrücken ranken und Menschen auf Luftmatratzen im Wasser dösen. Und wo in der kalten Jahreszeit Sauna, Eisbaden und Wintermarkt locken.

Gleisareal als Treffpunkt für alle in Stuttgart

Zurück in der Wirklichkeit scheint die Inbetriebnahme von Stuttgart 21 fern – und ein Naturbad gibt es nicht. Ginge es nach Gereon Schumacher und Finn Hoffmeister, Kommilitonen im Fachbereich Architektur an der Universität Stuttgart, sollte man die Bauteile des alten Stuttgarter Kopfbahnhofs aber genau dafür wiederverwenden.

Mit 20 anderen Studierenden des Lehrstuhls Klimaangepasstes Bauen und Entwerfen und unter der Leitung ihrer Professorin Annika Seifert haben sie sich im vergangenen Wintersemester überlegt, wie sich die Bauteile des Kopfbahnhofs auf dem Grundstück der alten Gleishallen in Zukunft nutzen ließen, um ein Gewächshaus als sogenannten Dritten Ort zu gestalten, als Treffpunkt für alle und ohne Konsumzwang.

Das Gleisbad ist dabei nur eines von elf absolut sehenswerten Konzepten, die in Zweierteams entstanden sind. Meltem Ergen und Lena Kurzel etwa haben eine Art Regalsystem konzipiert: ein urbanes Gewächshaus mit Holzboxen, die wahlweise als Cafés, Restaurants oder Werkstätten fungieren. Auch Annalena Ahlert und Malte Striese arbeiten in ihrem Entwurf mit vielseitig nutzbaren Holzboxen, umgeben von einem Entdeckungspfad durch einen begrünten Stützenwald, in dem sich dichte und lichte Bereiche – wie im echten Wald – abwechseln.

Während der eine Entwurf die Sehnsucht vieler Stuttgarterinnen und Stuttgarter nach öffentlichen Badegewässern bedient, nimmt ein anderer die Bewegung  an Land in den Fokus: Vitus Schneider und Somadina Marxsen haben zwei Pyramiden konzipiert: eine ruhige, leise Pyramide mit Greenhouse und eine zweite, laute für Indoor-Sportarten.

Für das Gleisareal des heutigen Stuttgarter Kopfbahnhofs, genannt A 3, hat die Stadt jüngst ein Werkstattverfahren beendet. Ziel war, verschiedene Vorschläge, die wiederum aus einem Ideenwettbewerb hervorgegangen waren, zusammenzubringen. Die Stadt zeichnete die Teams Atelier Le Balto mit Studio VlayStreeruwitz sowie HaasCookZemmrich Studio 2050 mit HenningLarsen und Transsolar für ihre Konzepte aus, die laut Stadt einen Fokus auf mehr Grün, Aufenthaltsqualität und langfristige Weiterentwicklung des Ortes legen. Das Ergebnis soll in eine Machbarkeitsstudie münden.

„Das ist nicht nur Spinnerei, das sind Ideen, die – in Überarbeitung – umsetzbar wären.“ Annika Seifert, Professorin der Uni Stuttgart

Das Team der Uni Stuttgart hofft nun, mit den eigenen Entwürfen Impulse geben zu können „als Arbeitsstand – mit der Aufforderung zum Weiterdiskutieren“, wie Annika Seifert sagt: „Das ist nicht nur Spinnerei, das sind Ideen, die – in Überarbeitung – umsetzbar wären.“

Die Ausstellung „Wild Assembly“ läuft noch bis zum 17. April 2026 im BDA Wechselraum im Innenhof des Zeppelin-Carrés in der Friedrichstraße 5, Stuttgart. Öffnungszeiten sind Dienstag bis Freitag von 15 bis 18 Uhr. Am 17. April bieten die Studierenden zudem eine Walking Tour an. Zum Abschluss der Finissage sind ab 18.30 Uhr Vorträge und eine Diskussion geplant

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Erstellt:
10. April 2026, 22:06 Uhr
Aktualisiert:
10. April 2026, 23:53 Uhr

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