Die große Lust auf Horizonterweiterung

In Murrhardt kommt seit etwa 20 Jahren ein Kreis von Frauen und Männern zusammen, die eine sehr persönliche Form der Weiterbildung betreiben. Bei den Treffen werden Experten eingeladen, aber auch Mitglieder selbst halten Vorträge. „Salonkultur 2.0“, ließe sich salopp sagen.

Bevor es ran ans Thema geht, werden die Besucherinnen und Besucher von Gastgeber Heinz-Georg Kowalski (Zweiter von rechts) begrüßt und stoßen miteinander an. Foto: Stefan Bossow

© Stefan Bossow

Bevor es ran ans Thema geht, werden die Besucherinnen und Besucher von Gastgeber Heinz-Georg Kowalski (Zweiter von rechts) begrüßt und stoßen miteinander an. Foto: Stefan Bossow

Von Christine Schick

Murrhardt. Heinz-Georg Kowalski kommt zur Tür und empfängt seine ersten Gäste. Gertrud Gehring ist das erste Mal mit von der Partie, gefolgt von Elke und Jürgen Zondler sowie Pfarrer Andreas Krause, der regelmäßig aus Stuttgart anreist – alle drei sind schon seit der Gründungszeit des Literaturkreises dabei. „Meine Frau Ursula und ich haben ihn damals ins Leben gerufen“, erzählt Heinz-Georg Kowalski. Die Idee, sich über spannende Themen auszutauschen, gegenseitig geistig anzuregen und weiterzubilden, traf im Bekannten- und Freundeskreis vor etwa 20 Jahren sofort auf Resonanz und die Treffen im Haus in Murrhardt wurden schnell zu einer festen Institution. Kowalski ist sich sicher, dass es nach dem Tod seiner Frau auch in ihrem Sinne gewesen wäre, die Treffen, wie geschehen, nach der Coronapause wieder aufzunehmen. „Sie ist im Geiste heute bei uns.“

Dass der Literaturkreis auch schon scherzhaft als „Literatursalon Kowalski“ bezeichnet wurde, kommt nicht ganz von ungefähr. Ähnlich wie bei der Kultur der literarischen Salons, die sich vor allem vom 17. bis zum 20. Jahrhundert etablierten und bei denen ein zwangloser Austausch in einer geselligen Runde gleichgesinnter Geister im Mittelpunkt stand, ist den Gästen die Lust auf Horizonterweiterung anzumerken und bringt sie immer wieder zusammen. Im Herbst übrigens zum 100. Mal, wenn Manfred Osten, Kulturhistoriker und renommierter Goethe-Experte, über das Thema „Goethe und die Klimakrise“ sprechen wird.

„Was ich das wirklich Besondere finde, ist die unglaubliche Bandbreite der Themen“, sagt Gerlinde Fohrer. Sie erinnert sich an Vorträge von Schiller- und Goethe-Experten genauso gern wie an Reiseberichte oder beispielsweise einen Beitrag von Jürgen Zondler, der die Geschichte des Geldes aufgerollt hat. „Und irgendwann muss man auch selbst ran“, stellt sie fest, sprich, auch die Mitglieder sind aufgerufen, ein Thema vorzustellen, das ihnen am Herzen liegt und das sie spannend finden.

Gerlinde Fohrer brachte dem Kreis die Künstlerin Niki de Saint Phalle nah, bekannt vor allem durch ihre bunten, beleibten Frauenskulpturen, die Nanas. Den zweiten Beitrag über das Künstlerehepaar Christo, das sich vor allem durch seine Verhüllungsprojekte einen Namen machte, bereitete sie auf besondere Weise vor, indem sie vor dem Eintreffen der anderen im Kowalskischen Wohnzimmer einzelne Objekte ebenfalls kunstvoll verpackte. „Man taucht da selbst noch mal ganz anders ins Thema ein“, sagt Fohrer, gleichzeitig setze man sich als Zuhörerin mit Bereichen auseinander, mit denen man sich andernfalls kaum beschäftigt hätte.

Jürgen Zondler nickt. Auch er schätzt die Bandbreite und Vielfalt der Vorträge. Selbst hat er beispielsweise Venedig oder das Verhältnis des globalen Südens zur westlichen Welt zum Thema gemacht, und erinnert sich an medizinische Beiträge von Gitta Luther-Frömel und Hans-Ulrich Luther, die viele Jahre eine Arztpraxis in Murrhardt betrieben haben. „Jeder kann sozusagen seine Expertise einbringen.“ „Das muss aber für Laien verständlich sein“, sagt Gitta Luther-Frömel mit Blick auf Vorträge rund um Diabetes im Alter, Ernährung und Bewegung oder Schmerz und alternative Behandlungsansätze. „Wenn man sich beispielsweise die Zeit nimmt, eine Salbe für sich herzustellen, hat das auch eine psychologische Komponente im Sinne von Selbstfürsorge und Achtsamkeit.“

Andreas Krause, der als katholischer Pfarrer vor einigen Jahren von Murrhardt auf eine Stelle nach Stuttgart gewechselt hat, lässt es sich nicht nehmen, immer noch beim Literaturkreis dabei zu sein. Geschickt, dass die Treffen in der Regel an einem Montag stattfinden, an dem Pfarrer nach dem Sonntagsdienst oft einen freien Tag haben. Waren die Kontakte, die er im Kreis gepflegt hat, früher Teil der Kirchengemeinde, genießt er heute nun die Vertrautheit und die bekannten Gesichter. Dass er sich später noch an den Flügel setzen wird, gehört dabei auch zu den Fixpunkten der Abende und steht einer Salonkultur gut zu Gesicht.

Die Tatsache, dass der allererste Vortrag über das Turiner Grabtuch gehalten wurde, verlockt Martin Stierand dazu, solch eine ernste Themenwahl gleich zu Beginn mit einer gewissen Ironie zu betrachten, nicht zuletzt, weil er den humorvollen Umgang miteinander außerordentlich schätzt. „Ich liebe auch die Rituale“, sagt er mit Blick auf den Ablauf, zum dem der Empfang, später das gemeinsame Platznehmen im Wohnzimmer zum Vortrag, Diskussionen und ein Ausklang gehören. „Schön ist, dass die digitale Welt ein Stück weit draußen bleibt“, sagt er und zeigt auf die teils beachtlichen Bücherstapel in der guten Stube.

Neu dazugestoßen ist Michaela Köhler, mit der Heinz-Georg Kowalski ins Gespräch kam, als die beiden anlässlich des letzten Narzissenstraußes im Supermarktkübelchen einen humorvollen kleinen Schlagabtausch hatten, nach dem Kowalski die geschenkten Blumen in der Hand hielt – und als Zugabe eine mythologische Einordnung von Narzissen bekam.

Schließlich folgt auf den geselligen Warm-up der zentrale Part des Abends – ein Vortrag über Finnland, den Kowalskis Schulfreund Otfried Bisplinghoff hält. Extra aus Unna angereist, zeichnet er ein Porträt des Landes, das er intensiv bereist und das ihn mit seinem Gastgeber verbindet. Dazu muss man wissen, dass Heinz-Georg Kowalskis zweite Heimat ein Haus und Anwesen in Finnland in der Nähe von Kerimäki ist, das zur Stadt Savonlinna im Südosten gehört. Wichtige Eckdaten und Einordnungen werden durch Anekdoten und Erlebnisse ergänzt, veranschaulicht durch viele Dias. So erfahren die Gäste, dass beim Erreichen des Polarkreises auf dem Schiff der Polarteufel auftauchen kann, der einem zum Scherz Eiswürfel in den Kragen packt, dass sich während Mittsommer eine Wanderung um Mitternacht bei Tageslicht machen lässt und auf der Straße in nördlichen Gefilden kein Mensch mehr unterwegs ist, einem dafür aber Rentiere und Elche begegnen können.

Um sein Publikum interaktiv bei der Stange zu halten, hat Otfried Bisplinghoff auch ein kleines Quiz vorbereitet, bei dem sich mitraten lässt. So erfährt man beispielsweise, dass die finnische Landesgrenze zu Russland rund 1300 Kilometer umfasst, die Hauptstadt Helsinki nur etwa 635000 Einwohnerinnen und Einwohner hat und 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler im Land Abitur machen. Es entsteht ein erstes Bild des nordischen Landes mit seinen vielen Besonderheiten wie der Sprache, einer vergleichsweise späten Besiedlung oder der Tatsache, dass die klassische Musik große Bedeutung hat. „Fast jeder Ort hat ein Opernhaus“, sagt Bisplinghoff. Davon profitiert auch Kowalski, der es als Opernliebhaber nicht weit zu den Opernfestspielen von Savonlinna hat. Der Referent stellt sich ganz in den Dienst der übergeordneten Maxime: eine Horizonterweiterung im umfassenden Sinne.

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Erstellt:
5. Juli 2024, 06:00 Uhr

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