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Die Spur führt zur Ulmer Schule

Volkshochschulvortrag: Christian Schweizer bewertet den Murrhardter Ölberg als Kunstwerk

Von Petra Neumann

MURRHARDT.Der Ölberg an der Walterichskirche, der bald 500 Jahre alt wird, birgt noch viele Geheimnisse, wenngleich Christian Schweizer in seinen jüngsten Studien einige davon ans Licht bringen konnte. Seine Ergebnisse stellte er im Casino der Kreissparkasse in Murrhardt vor.

„Der Murrhardter Ölberg ist nicht nur in Süddeutschland, sondern auch in Europa die einzige, nahezu vollständig erhaltene Passionsdarstellung dieser Art aus dem 16. Jahrhundert“, betonte Christian Schweizer. In mühseliger Kleinarbeit und über das Durchforsten zahlreicher Passionsdarstellungen konnte er ikonografische Bezüge zu Werken ganz großer deutscher Meister der bildenden Kunst herstellen. Lange Zeit wurde der mehrfach restaurierte Ölberg als nette, aber unbedeutende Provinzkunst angesehen. Wie sich nach und nach herauskristallisierte aber völlig zu Unrecht.

Die Gesten der Figuren und Protagonisten, deren Interaktivität und Symbolkraft verweisen auf einen Meister, der sich intensiv mit seinen Kollegen und den religiösen Schriften auskannte. Die Rede ist von Daniel Mauch (1477 bis 1540), der in Ulm geboren wurde und als der letzte große Künstler der Ulmer Schule gilt. Damit ergeben sich Bezüge zu deren ganz großen Vertretern: Niklas Weckmann, Martin Schaffner, Jörg Syrlin der Jüngere und Michel Erhart. „Es gibt typische Werkzeugspuren, die eine Werkstatt erkennen lassen, zum Beispiel Gewandabschlüsse und Faltenführungen“, stellte der Referent fest. Christian Schweizer zeigte bei seinem Vortrag, zu dem die Volkshochschule Murrhardt eingeladen hatte, unter anderem Fotos von der Rückseite der Petrusfigur, die in dieser Perspektive gar nicht so überzeugend aussieht. Das Holz ist grob geschnitzt, Ergänzungen sind vorgenommen worden: Diese Spuren zeugen von großer Eile bei der Arbeit. Aber die Zeiten waren auch unruhig. Das von den Benediktinermönchen geführte Kloster in Murrhardt war darin wie ein Fels in der Brandung, deshalb konnte es noch zu einem so großen Auftrag kommen, erläuterte Schweizer die Hintergründe.

Wenngleich die Gewänder vielleicht zu stark restauriert und eventuelle Farbnuancen übermalt wurden, so befinden sich alle Gesichter noch in der Originalfassung. Am betenden Christus lassen sich am Haaransatz noch die von Blut durchtränkten Schweißtropfen erkennen. Immer wieder stößt der Betrachter auf solch exakte Details.

Allerdings ist der Engel mit dem Kelch etwas anders fixiert worden, sodass die Blickachse Gottvater, Engel, Teufel und Christus etwas gestört ist. „Es gibt bei allen Ölbergen eine klare Trennlinie zwischen dem Erlöser allein im Garten Gethsemane und seinen schlafenden Jüngern sowie der Verhaftungsszene. Das Motiv des liegenden Petrus’ kommt erst Ende des 15. Jahrhunderts auf“, sagte Christian Schweizer. Er weiß viel zu berichten, so von einer Schlange, die wohl verloren gegangen ist, aber von ihrer Symbolik auf die Überwindung des Bösen hinweist sowie die Wiedergeburt, diese Bedeutung tragen auch der Dompfaff und der Frosch, während die Kröte eine negative Konnotation hat. Auch Zeitgenossen werden unter den Häschern dargestellt, zum Beispiel der damalige Herzog Ulrich, der seinen besten Freund hinterrücks ermordet hatte und in jenen Jahren im Exil war, sowie Wilhelm von Fürstenberg. „Der war so schlimm, da sind die Taliban gar nichts dagegen.“ Allein, die Lust am Bösen folgt den Gesetzen der Schwerkraft, der Fall ist leicht. Dieser Verführung fiel auch Judas Iskariot anheim, der mit dem gelben Gewand des Verrats zu sehen ist, in seinen Händen hält er eine Geldkatze mit Schellen. Diese gehören zum Narrengewand und sind ein vielsagendes Attribut.

Christian Schweizer gelang es an vielen Einzelnachweisen die Einflüsse von Albrecht Dürer, Albrecht Altdorfer und Martin Schongauer nachzuweisen. Sorgfältig hatte er die Vorlagen studiert und so Übereinstimmungen in Gestik, Kleidung und Gestaltung des Hintergrunds entdeckt. „Ich hatte wirklich Glück, dass ich unter den vielen Darstellungen der Passion die richtigen gefunden habe.“ So werden auch Kopfbedeckungen und Baldachine zu entscheidenden Wegweisern bei der Entdeckung wichtiger Zusammenhänge.

Die Spur führt zur Ulmer Schule

© Jörg Fiedler

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Erstellt:
1. Oktober 2019, 06:00 Uhr

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