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Eine Lanze für Demokratie und Menschenrechte

Landtagspräsidentin Muhterem Aras macht beim Besuch in der Walterichschule klar, wie wertvoll der Schatz des Grundgesetzes ist

Michael Schneider, Moritz Stolz und Annalena Schaller im Gespräch mit Landtagspräsidentin Muhterem Aras (von links). Die Schüler hatten viele Fragen für den Besuch vorbereitet. Foto: E. Klaper

© Elisabeth Klaper

Michael Schneider, Moritz Stolz und Annalena Schaller im Gespräch mit Landtagspräsidentin Muhterem Aras (von links). Die Schüler hatten viele Fragen für den Besuch vorbereitet. Foto: E. Klaper

Von Elisabeth Klaper

MURRHARDT. „Landtagspräsidentin ist das schönste Amt, das man in diesem Land haben kann“, betont Muhterem Aras. Sie gibt Siebt-, Acht- und Neuntklässlern der Murrhardter Walterichschule einen Crashkurs zu den Aufgaben und zur Arbeit des Landesparlaments. Zudem steht sie den Jugendlichen Rede und Antwort. Sie haben eine Fülle von Fragen zu schulischen, politischen und persönlichen Themen im Gepäck.

Biljana Ristic, Klassenlehrerin der 9a, hat den Besuch der Landtagspräsidentin organisiert, erklärt Rektorin Martina Mayer. Ristic habe den persönlichen, direkten Kontakt der Schüler zu Muhterem Aras ermöglicht, indem sie sich bei der Aktion „Schulbesuch vom Landtag“ beworben hat.

Dieses Angebot sei vor dem Hintergrund der Landtagssanierung entstanden und werde wegen der großen Nachfrage fortgeführt, erläuterte Muhterem Aras. Die 53-Jährige stellte sich ihrem jungen Publikum kurz vor. Sie stammt aus Ostanatolien, hat kurdische Wurzeln und ist Alevitin. „Meine Muttersprache und Religion waren verboten“, dies sei auch der Grund dafür, warum ihr die Demokratie, Menschenrechte und Freiheit so am Herzen liegen. „Mein Vater war Gastarbeiter, auf Wunsch meiner Mutter kam ich als Zwölfjährige mit unserer Familie nach Deutschland, sprach kein Wort Deutsch, lernte es aber schnell, auch dank Stützkursen und Lehrern, die mir halfen.“ Damals sei sie nie ausgegrenzt und angefeindet worden. Sie habe viel gelernt und es geschafft, nach dem Hauptschulabschluss das Abitur zu machen, Wirtschaftswissenschaften zu studieren und selbstständige Steuerberaterin zu werden.

Anfang der 1990er-Jahre, als Rechtsradikale Anschläge auf Migranten verübten, „habe ich mich zum ersten Mal fremd gefühlt und Angst gehabt“. Da habe sie sich entschieden, selbst Verantwortung zu übernehmen für Freiheit und Demokratie, und sei 1993 in die Partei Bündnis 90/Die Grünen eingetreten wegen deren Einsatz für Menschenrechte, Minderheiten und Gleichberechtigung.

Nachdem sie zwölf Jahre im Stuttgarter Gemeinderat saß, kam sie 2011 in den baden-württembergischen Landtag und wurde im Mai 2016 zur ersten Landtagspräsidentin gewählt. Sie leite die Debatten im Landtag und sorge dafür, dass die Abgeordneten die Geschäftsordnung einhalten. Dies sei eine ihrer schwierigsten Aufgaben, da ein sehr rauer Ton herrsche, sodass sie Abgeordnete mit Ordnungsrufen ermahnen oder schon einzelne ausschließen musste. Weiter vertrete sie den Landtag im In- und Ausland und werbe für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte: „Wir müssen uns bewusst sein, welchen Schatz wir mit dem Grundgesetz haben.“

Als Landtagspräsidentin muss Muhterem Aras bei Debatten manchmal auch durchgreifen

Von Schülersprecherin Aylin Lacin ermutigt, nutzen etliche Jugendliche im Nägelesaal die Gelegenheit, Muhterem Aras zu befragen. Zum Mittagsunterricht stellt sie klar, dass dieser ebenso wie die Ganztagesschule wichtig sei, und motiviert die Mädchen und Jungen: „Legt euch in der Schule ins Zeug, sie soll euch eine gute Ausbildung, Wissen und Werte vermitteln und so befähigen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, das kann man nicht alles in den Vormittag reinpacken.“ Auf die „super Frage“, woher sie wisse, dass sie das Richtige tue, verdeutlichte Muhterem Aras: „Ich höre mich um, was für die Bürger wichtig ist, und kann mir keine schönere Aufgabe vorstellen, als für unsere Werte zu werben.“

Sie ermutigt die Jugendlichen dazu, sich ehrenamtlich und politisch zu engagieren, da sie so einiges bewegen und bewirken könnten. „Ich will nicht über die Religion definiert werden“, auch sei sie nicht die einzige muslimische Frau im Landtag, sondern Alevitin. Ein wichtiges Anliegen sei ihr die Religionsfreiheit, Toleranz und Respekt für deren Ausübung, wozu auch gehöre, dass es keine Bekleidungsvorschriften gebe. „Alle Weltreligionen haben wunderbare Werte, die uns mehr vereinen als trennen.“ Und: „Keine Religion der Welt steht über dem Grundgesetz“, unterstreicht die 53-Jährige. „Jeder Einzelne ist aufgefordert, einen Beitrag dafür zu leisten, dass das weltoffene Deutschland erhalten bleibt. Jeder sollte so handeln, dass das im Grundgesetz verankerte Widerstandsrecht nie nötig wird.“ Dazu gelte es Zivilcourage zu zeigen, Mobbing, Fremdenfeindlichkeit und Ähnliches nicht hinzunehmen sowie sich für Artikel 1 des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ starkzumachen, betonte die Landtagspräsidentin zum Thema, wie der Frieden in Deutschland erhalten bleiben kann.

Auf Fragen zu aktuellen Umwelt- und Klimaschutzthemen antwortet sie: Die riesigen Mengen an Plastikmüll seien eine große Herausforderung, darum brauche man strengere politische Regelungen. Aber: „Jeder muss selbst etwas tun, um den Plastikmüll zu reduzieren.“ Das Elektroauto sei „nicht das einzig Richtige“, es gelte, auch andere Technologien zu erforschen, um eine umweltfreundliche Mobilität zu gestalten, überdies könne die deutsche Automobilindustrie mehr, als sie bisher tue.

Offen beantwortet Muhterem Aras auch einige persönliche Fragen: Ihr Vorbild sei ihre Mutter, die sie anspornte, zu lernen und Karriere zu machen, ihr Traumberuf war Anwältin. Seit 33 Jahren sei sie glücklich verheiratet, und ihr Mann sei Angestellter in ihrer Steuerberatungskanzlei. Sie arbeite rund 70 Stunden pro Woche und habe nur wenig Freizeit. Ihre Lieblingsfreizeitbeschäftigungen seien Ausschlafen und Waldspaziergänge. Auch sei es ihr sehr wichtig, die Sommerferien und Weihnachten mit der Familie zu verbringen.

Mit lautstarkem Beifall danken die Jugendlichen der Landtagspräsidentin, der Aylin Lacin zur Erinnerung zwei kleine, in der Schülerfirma selbst gefertigte Geschenke überreicht.

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Erstellt:
29. November 2019, 06:00 Uhr

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