Engagement für mehr Bildungsgerechtigkeit

Das Heinrich-von-Zügel-Gymnasium Murrhardt hat mit Arbeiterkind.de eine Kooperation besiegelt. Die Organisation unterstützt alle, die als Erste in ihrer Familie studieren. Dabei geht es um Informationen, aber auch um Menschen, die diesen Weg schon beschritten haben und Mut machen.

Gianluca Cannella, der am Heinrich-von-Zügel-Gymnasium die Berufs- und Betriebsorientierung begleitet, kommissarische Schulleiterin Annette Zickler-Maier sowie Cansu Doğan, Bundeslandkoordination Baden-Württemberg für Arbeiterkind.de, und Lisa Traub, die sich ehrenamtlich bei der Organisation engagiert (von links). Die Partnerschaft wird auch durch ein Schild am Gebäude sichtbar gemacht. Foto: Stefan Bossow

© Stefan Bossow

Gianluca Cannella, der am Heinrich-von-Zügel-Gymnasium die Berufs- und Betriebsorientierung begleitet, kommissarische Schulleiterin Annette Zickler-Maier sowie Cansu Doğan, Bundeslandkoordination Baden-Württemberg für Arbeiterkind.de, und Lisa Traub, die sich ehrenamtlich bei der Organisation engagiert (von links). Die Partnerschaft wird auch durch ein Schild am Gebäude sichtbar gemacht. Foto: Stefan Bossow

Von Christine Schick

Murrhardt. Arbeiterkind.de und das Heinrich-von-Zügel-Gymnasium kennen sich und haben schon im Vorfeld zusammengearbeitet. Die bundesweit aufgestellte Organisation informiert während der Projekttage an der Murrhardter Schule, bei denen Abiturientinnen und Abiturienten zu unterschiedlichen Aspekten des neuen, kommenden Lebensabschnitts wie Studium, erster Mietvertrag oder Auslandsaufenthalt von verschiedenen Referentinnen und Referenten gebrieft werden, berichtet die kommissarische Schulleiterin Annette Zickler-Maier. Im vergangenen Jahr hat das Lisa Traub für Arbeiterkind.de übernommen, die sich ehrenamtlich für die Organisation engagiert. Sie ist gemeinsam mit Cansu Doğan, Bundeslandkoordinatorin Baden-Württemberg für Arbeiterkind.de, nach Murrhardt gekommen, um eine dreijährige Kooperationsvereinbarung mit dem Gymnasium zu besiegeln. Im Kern geht es darum, junge Menschen zu unterstützen, die als Erste in ihrer Familie studieren beziehungsweise darüber nachdenken.

Nicht selten haben Absolventinnen und Absolventen falsche Vorstellungen und unvollständige Informationen in Bezug auf ein Studium. Beispielsweise, dass ein Stipendium nur mit einem Notendurchschnitt von 1,0 zu haben ist. „Die 1,0 wird von manchen Institutionen gefordert, aber das ist nicht bei allen der Fall“, sagt Cansu Doğan. Sie selbst hat nach ihrem Studium – Politikwissenschaften und Englisch – von einem Auslandsaufenthalt profitiert und weiß über ihr früheres, eigenes Engagement bei ArbeiterKind.de von Möglichkeiten, finanzielle Unterstützung bei einem geplanten Auslandsjahr zu erhalten.

Fehlende Information und hoher Druck

Außerdem geht es darum, Mut zu machen. Denn die Herkunft aus einer Nichtakademikerfamilie kann ein schwieriges Thema sein – aus unterschiedlichen Gründen. Cansu Doğan erzählt, dass sie auf eine migrantische Biografie zurückblickt. „Nach dem Abitur wusste ich, dass ich studieren will.“ Ihr Vater als klassischer Arbeiter und ihre Mutter als Hausfrau hatten mit der akademischen Welt keine Berührungspunkte. Zwar hieß es: „Du bist klug, du bekommst das doch hin“, erzählt sie. Gleichzeitig sei der Erwartungsdruck dadurch hoch. Gianluca Cannella, der am Gymnasium die Berufs- und Betriebsorientierung betreut, nickt. Er kennt die Organisation schon aus dem eigenen Studium. Zum einen liege die Schwierigkeit darin, dass einem zu Hause keiner erklären könne, was ein Proseminar sei oder ETCS-Punkte (europäisches Punktesystem für Studienleistungen) bedeuteten. Zum anderen gebe es besagten Druck. Bei Abschlussprüfungen könne der sich auf die Jugendlichen, aber auch die Eltern niederschlagen und diese Angst höre nach der Schule auch nicht einfach auf, sprich, die Organisation hat auch im Sinne einer emotionalen Unterstützung und eines Austauschs vor und während des Studiums einen wichtigen Stellenwert.

Davon hat auch Lisa Traub aus Schwäbisch Hall profitiert. Sie hat nach ihrem Hauptschulabschluss die mittlere Reife sowie eine Ausbildung gemacht und ist dann aufs Abendgymnasium gegangen. Über ihren Arbeitgeber, die Firma Kärcher in Winnenden, hatte sie die Möglichkeit, in ein duales Studium – Betriebswirtschaftslehre und Dienstleistungsmanagement/Logistik – einzusteigen. Als sie nach Unterstützungsmöglichkeiten suchte, stieß sie auf die Organisation. Mittlerweile engagiert sie sich selbst ehrenamtlich bei Arbeiterkind.de. Zwar könne sie weniger zum klassischen Universitätsstudium Auskunft geben, aber eben von dem an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Stuttgart berichten. „Nicht jede oder jeder wird in diese Richtung gehen, aber wir qualifizieren unsere Schülerinnen und Schüler ja für ein Hochschulstudium“, sagt Annette Zickler-Maier.

Zuversicht und Vorbilder

Gianluca Cannella stellt bei den Gesprächen rund um die Berufs- und Betriebsorientierung immer wieder fest, dass die Schülerinnen und Schüler oft nicht wissen, wohin es beruflich gehen soll. Außerdem würden die Anforderungen beispielsweise für ein Jura- oder Medizinstudium oft als unglaublich hoch wahrgenommen. Viele wüssten nicht, dass der Numerus clausus aber selbst in diesen Fächern variiere und nicht immer 1,0 sei. Hinzu komme, dass sich nicht wenige kaum vorstellen könnten, von zu Hause wegzugehen und in eine fremde Stadt zu ziehen. Insofern hält er es für wichtig, dass Engagierte angesichts der Herausforderungen sagen können: „Schau, mich gibt es trotzdem noch.“ Einer, wenn nicht gar der größte Anspruch sei es, Jugendliche auf das Leben, insbesondere das Berufsleben vorzubereiten und ihnen Hilfestellungen zu bieten, ihr Leben aktiv zu gestalten. „Diese Unterstützung spielt vor allem bei Kindern und Jugendlichen aus Familien ohne akademische Vorbilder eine zentrale Rolle“, sagt er. Gerade dort fehlten oftmals Bezugspersonen, die die Jugendlichen bei der Wahl und während des Studiums unterstützten.

Von 100 Kindern aus nicht akademischen Familien studieren 27, bei Akademikerkindern sind es 79

Möglichkeiten Die gemeinnützige Organisation Arbeiterkind.de hat neben der Partnerschaft mit dem Heinrich-von-Zügel-Gymnasium auch eine Kooperation mit der Salier-Realschule Waiblingen geschlossen. Ziel ist es, junge Menschen an der Schule, der Universität und beim Berufseinstieg zu unterstützen. Die spendenfinanzierte Organisation kann auf das Engagement von Tausenden Ehrenamtlichen in bundesweit 80 lokalen Gruppen bauen. In Baden-Württemberg ist Arbeiterkind.de mit elf lokalen Gruppen aktiv. Die Engagierten sind selbst Studierende der ersten Generationen und können so Schülerinnen und Schüler auf Augenhöhe erreichen. Sie erzählen an Schulen ihre eigene Bildungsgeschichte und ermutigen durch das persönliche Beispiel – das ist das Erfolgsrezept von Arbeiterkind.de. Darüber hinaus stehen Schülerinnen und Schülern das deutschlandweite Netzwerk sowie der Kontakt zu den Ehrenamtlichen vor Ort – in diesem Fall in Stuttgart – zur weiteren Information und Begleitung zur Verfügung.

Hintergrund Die Bildungslaufbahn ist in Deutschland immer noch eng mit dem Elternhaus verknüpft: Von 100 Kindern aus nicht akademischen Familien nehmen nur 27 ein Studium auf, obwohl doppelt so viele das Abitur machen. Von 100 Akademikerkindern studieren dagegen 79. Deshalb ermutigt Arbeiterkind.de seit 2008 Schülerinnen und Schüler aus Elternhäusern ohne akademische Tradition zum Studium und begleitet sie vom Einstieg bis zum Studienabschluss und Berufseinstieg. Der Erfolg des Ansatzes von Arbeiterkind.de wurde in einer Langzeitstudie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung belegt. Danach entscheiden sich gerade Kinder aus Nichtakademikerfamilien nach einer Informationsveranstaltung in der Schule häufiger für ein Studium. Jedes Jahr erreicht Arbeiterkind.de bundesweit rund 7000 Schülerinnen und Schüler bei Informationsveranstaltungen. Weitere Infos über die Arbeit finden sich im Netz unter www.arbeiterkind.de.

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Erstellt:
4. April 2023, 06:00 Uhr

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