Extrazeit für Lern- und Lebensthemen

Das Heinrich-von-Zügel-Gymnasium Murrhardt hat für die Siebt- und Achtklässler ein Coachingprogramm entwickelt. Ein Team von 14 Lehrerinnen und Lehrern begleitet die Einzelnen. Für die Jugendlichen gibt es fünf Treffen im Schuljahr. Was besprochen wird, entscheiden sie selbst.

Leon, Dominik, Marie und Benno (vorne von links) berichten, wie sie das Coaching für sich genutzt haben. Bei dem Treffen mit den Lehrerinnen Theresa Bilharz, Yvonne Kühn und Stefanie Rudnick (hinten von links) am Heinrich-von-Zügel-Gymnasium erläutert die Runde auch die Gesprächshilfen – Bilder, Zeichen und Skalen. Foto: Christine Schick

Leon, Dominik, Marie und Benno (vorne von links) berichten, wie sie das Coaching für sich genutzt haben. Bei dem Treffen mit den Lehrerinnen Theresa Bilharz, Yvonne Kühn und Stefanie Rudnick (hinten von links) am Heinrich-von-Zügel-Gymnasium erläutert die Runde auch die Gesprächshilfen – Bilder, Zeichen und Skalen. Foto: Christine Schick

Von Christine Schick

Murrhardt. Benno gibt zu, dass er zu seinem ersten Coachinggespräch nicht mit wehenden Fahnen gegangen ist und ein bisschen aufgeregt war. Im Nachhinein sieht der Achtklässler die Treffen unter vier Augen aber positiv. „Im Einzelgespräch traut man sich, mehr zu sagen, und ich fand die Tipps, die ich bekommen habe, gut.“ Eines seiner Themen damals: wie er noch besser in die Klassengemeinschaft hineinfinden kann. Auch Marie war anfangs ein wenig nervös, weil die Form des Treffens noch ungewohnt war. Im Gespräch kristallisiert sich heraus, dass sie sich beim Coaching anschauen will, wie sie sich in Bezug auf ihre Noten entwickelt. „Manchmal entsteht das Thema aber auch aus dem Moment oder der Situation heraus“, sagt sie. Nicht zuletzt, weil es im Alltag mal gut und mal nicht so gut läuft. Und die Achtklässlerin stellt fest, dass es für diesen Austausch schon Vertrauen braucht.

Für die beiden Siebtklässler Leon und Dominik ist das Coaching noch vergleichsweise frisch. „Ich war erleichtert, dass das Gespräch bei meiner Klassenlehrerin Frau Bilharz stattgefunden hat“, sagt Dominik. Dass er das Treffen zu Hause per Video absolvieren konnte, ist ein weiterer Pluspunkt. Generell könne man positive und negative Themen ansprechen, ob das die Schule oder Privates anbelangt. Er hat sich zunächst einmal Tipps rund ums Vokabellernen abgeholt. Leon nutzt das Coaching ebenfalls für ein schulisches Thema: „Mein Ziel war, mich mehr in Mathe zu melden.“ Die Ideen, die er in den Gesprächen an die Hand bekommt, haben ihm geholfen.

Individuelle Unterstützung

Die Schilderungen der Jugendlichen geben schon einen ganz guten Eindruck davon, was alles Thema beim Lerncoaching sein kann. Generell sind fünf Treffen pro Schuljahr angesetzt, Zeit ist jeweils eine halbe Stunde. Was besprochen wird, sollen die Jugendlichen selbst bestimmen. „Die Themen hängen von den Einzelnen ab“, sagt Theresa Bilharz, die als Coach neben 13 weiteren Kolleginnen und Kollegen im Einsatz ist. Dabei spielt auch eine Rolle, wer dabei aufeinandertrifft. „Es ist gut möglich, dass der gleiche Schüler bei einem anderen Coach etwas ganz anderes bespricht.“

Diese Unterschiedlichkeit und Individualität ist Teil des Konzepts, das vor rund vier Jahren entstanden ist. Im Vorfeld haben unterschiedliche Überlegungen eine Rolle gespielt. Yvonne Kühn, die Geschichte und Englisch am Heinrich-von-Zügel-Gymnasium unterrichtet, erinnert daran, dass es für die Fünft- und Sechstklässler eine Reihe von Unterstützungsangeboten gibt, bei denen Lerntechniken und -methoden sowie soziale Kompetenzen vermittelt werden. Um diese Begleitung in der siebten Klasse aber nicht abreißen zu lassen, suchte das Kollegium nach weiteren Möglichkeiten. Gleichzeitig kommen die Jugendlichen in dieser Stufe in ein Alter, in dem sie sich allmählich von den Eltern als Ratgeber und Unterstützer lösen. „Das ist auch ein Thema beim Elternsprechtag“, erzählt Stefanie Rudnick. Manche Mütter und Väter stellten fest: „Mein Kind hört nicht mehr auf mich.“ Die Pädagoginnen und Pädagogen wollen gerade in dieser Zeit für die Jugendlichen da sein. „Die Schüler haben es verdient, dass man sich Zeit für sie nimmt, und zwar ohne noch kurz einen Eintrag ins Klassenbuch zu machen oder nebenher noch etwas zu organisieren“, sagt Yvonne Kühn. Beim pädagogischen Tag des Teams 2019 zeichnete sich ab, dass das Kollegium ein Coaching anbieten möchte. Nach Fortbildung und Gesprächen mit der schulpsychologischen Beratungsstelle Backnang wird die Konzeption erarbeitet und später verfeinert. Alle Siebt- und Achtklässler bekommen eine Lehrerin oder einen Lehrer als Coach zugeteilt.

Bewegung, Bilder und offene Fragen

Bei der Gestaltung der fünf verpflichtenden Schuljahressitzungen sind beide Seiten aber sehr frei. Theresa Bilharz führt die Gespräche in der Regel per Videokonferenz und ist so in der Terminvereinbarung flexibler, andere legen das Treffen auf eine Zeit, die sich an den Unterricht anschließt. Stefanie Rudnick, die auch Sport unterrichtet, empfindet es oft als hilfreich, wenn die Jugendlichen aufstehen und sich bewegen können. Das kann auch methodisch verankert sein, denn sie nutzt neben Bildern als Gesprächsanregung auch beispielsweise Skalen, die sich auf den Boden legen lassen und über die die Schülerinnen und Schüler Themen einordnen können. Beispielsweise lässt sich auf einer Abstufung von null bis zehn besser einschätzen, wie belastend eine bestimmte Situation wahrgenommen wird. „Es ist auch gut, möglichst offene Fragen zu stellen“, sagt Theresa Bilharz. Wenn es darum geht, die Schülerin oder den Schüler auch emotional ein Stück weit abzuholen, kommen bei Stefanie Rudnick die sogenannten Monsterkarten zum Einsatz, die unterschiedliche Gefühle verkörpern. Es gibt eine Reihe weiterer Materialien als Gesprächsanlässe. „Ich arbeite gern mit Bildern“, sagt Stefanie Rudnick. Yvonne Kühn nickt und erläutert: „Manches lässt sich nicht so leicht in Worte fassen und die Abbildungen können bei der Beschreibung helfen.“

Mal tauchen schulische Themen auf, wie beispielsweise die Angst vor der nächsten Klassenarbeit oder die Frage, wie sich die Noten und das Lerntempo verbessern lassen. Dann heißt es, Strategien auszuprobieren und zu schauen, was für die Einzelnen funktioniert. Genauso gibt es Fälle, in denen private Themen im Vordergrund stehen, die genauso einen Einfluss aufs Lernen – positiv oder negativ – haben können. Eine künstliche Trennung ist aus Sicht der drei Lehrerinnen ohnehin nicht sinnvoll. Wenn es beispielsweise darum geht, Stärken auszumachen und diese im Freizeitbereich verankert sind, kann ein weiterer Schritt sein, zu überlegen, wie sich das auf die Schule übertragen lässt. Sollten sehr schwierige Themen auftauchen, besteht für das Team auch immer die Möglichkeit, Schulsozialarbeiter Tobias Brändle und Vertrauenslehrerin Martina Samociuk ins Boot zu holen.

Vom Lehrer zum Prozessbegleiter

Die Schülerinnen und Schüler entscheiden, wie sie das Coaching nutzen. „Wenn sie sich nicht öffnen möchten, bleiben die Gespräche oberflächlich“, stellt Yvonne Kühn fest. Auch nicht jeder Lerntipp funktioniert für jede oder jeden. Trotzdem möchte das Team versuchen, die Potenziale des Coachings zu nutzen. Chancen bestehen beispielsweise auch in der Sensibilisierung für Unterschiede in der Fremd- und Selbstwahrnehmung, im Stecken realistischer Ziele und in einem besseren Kennenlernen. „Das Coaching war ja nicht für Corona konzipiert, kam aber in dieser Zeit schon unterstützend zum Tragen“, sagt Theresa Bilharz. Fest steht, dass sich beide Seiten neu und teils auch anders begegnen können beziehungsweise müssen. Für die Pädagoginnen und Pädagogen heißt das: „Unsere Rolle ist eine andere, wir sind in der Situation nicht Lehrende, sondern Rahmengeber, Fragesteller und Prozessbegleiter“, so Theresa Bilharz.

Die Schülerinnen und Schüler stecken sich Ziele und überprüfen, wie Strategien und Umsetzung funktionieren

Zielrichtung Das Lerncoachingkonzept zielt auf die Klassen 7 bis 9, um Schülerinnen und Schülern dabei zu helfen, ihr Lernen zu optimieren. In Gesprächen werden sie angeleitet, ihre Fähigkeiten zu nutzen und weiterzuentwickeln sowie eigenverantwortlich zu handeln, so die Zielsetzung. Die Lerncoaches bieten individuelle Unterstützung beispielsweise bei Fragen zu Lernstrategien, Lernblockaden, bei Motivations- und Konzentrationsproblemen oder beim Zeitmanagement.

Zielmarken In mehreren Einzelgesprächen richten die Jugendlichen mit ihrem Coach den Blick darauf, was sie bereits gut beziehungsweise noch nicht so gut können, auf persönliche Potenziale und die schulische Situation. Die Schülerinnen und Schüler formulieren Ziele, die sie in nächster Zeit erreichen möchten, prüfen diese auf ihre Realisierbarkeit und wählen Maßnahmen aus, um die eigenen Ideen umzusetzen. Die Gespräche finden außerhalb der Unterrichtszeit statt.

Klassen Jeder Schülerin und jedem Schüler wird eine Lehrkraft als Coach zugeordnet. Dieser begleitet die Jugendlichen in der siebten und achten Klasse und – freiwillig – auch in der neunten Klasse.

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Erstellt:
10. Februar 2023, 06:00 Uhr

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