Karte: August 2025 in Alaska
Forscher rekonstruieren 481 Meter hohen Mega-Tsunami
Mutter aller Flutwellen: Forscher haben eine Naturkatastrophe rekonstruiert, die sich 2025 im Tracy Arm Fjord im Südosten Alaskas zutrug, die im Sommer auch von vielen Kreuzfahrtschiffen befahren wird.
© ohn Lyons/U.S. Geological Survey
Wissenschaftler registrierten den zweithöchsten Tsunami der Welt, nachdem er im vergangenen August nach einem massiven Felssturz am Fuß eines Gletschers den Tracy Arm Fjord im Südosten Alaskas traf.
Von Markus Brauer
Ein Mega-Tsunami im vergangenen Jahr in Alaska, der einen von Kreuzfahrtschiffen angelaufenen Fjord heimsuchte, ist eine deutliche Warnung vor den Risiken von Felsstürzen an der Küste und dem Gletscherrückgang, die durch die Klimakrise verstärkt werden, warnt eine neue Studie, die im Fachjournal „Science“ veröffentlicht worden ist.
Zweithöchster bekannter Tsunami
Wissenschaftler registrierten den zweithöchsten je gemessenen Tsunami, nachdem er im vergangenen August nach einem massiven Felssturz am Fuß eines Gletschers den Tracy Arm Fjord im Südosten Alaskas traf. Der Tsunami erreichte eine Höhe von bis zu 481 Metern. Zum Vergleich: Der Eiffelturm ist 330 Meter hoch.
Ausgangspunkt des gewaltigen Ereignisses, das auf die Verwundbarkeit dieser beeindruckenden Landschaft durch die Folgen des Klimawandels hinweist, war eine riesige keilförmige Felsmasse hoch über dem South-Sawyer-Gletscher. Diese Gesteinsmasse war rund 800 Meter lang, bis zu 650 Meter breit und besaß eine maximale Dicke von 200 Metern.
Laut der Untersuchung, die von Dan Shugar, einem Geomorphologen der Universität Calgary, geleitet wurde, begann die Sequenz am 10. August 2025 um 5.26 Uhr Ortszeit. Ein großer Erdrutsch stürzte einen Kilometer senkrecht auf den South Sawyer-Gletscher und in den schmalen, 48 Kilometer langen Fjord und verursachte so die gewaltige Flutwelle.
Drei Kreuzfahrtschiffe pro Tag fahren Fjord an
Es gab in den frühen Morgenstunden keine Todesopfer, obwohl das Gebiet täglich von etwa drei Kreuzfahrtschiffen angefahren wird, sowie von anderen Schiffen, die sich in einem Umkreis von wenigen Kilometern um die Erdrutschstelle aufhielten.
Nur wenige Stunden nach dem Erdrutsch sollten ein Ausflugsschiff aus Juneau und ein Tourboot von National Geographic – beide mit einer Kapazität von über 100 Passagieren – in den Fjord einlaufen. Bereits am Vortag hatten zwei Kreuzfahrtschiffe mit Tausenden von Passagieren das Gebiet besucht, ein weiteres sollte am folgenden Tag eintreffen.
- Zur Info: Juneau ist die abgelegene Hauptstadt Alaskas, die im Alaska Panhandle am Fuße des 1164 Meter hohen Mount Roberts liegt. Sie ist ein beliebter Anlaufpunkt von Kreuzfahrtschiffen und ist nur per Boot oder Flugzeug erreichbar.
„Wir sind einer Katastrophe entgangen“
Zum Zeitpunkt des Ereignisses bezeichnete Dennis Staley vom US Geological Survey den Tsunami als „ein historisches Ereignis“: „Ich habe das Gefühl, wir sind einer Katastrophe entgangen.“
Da Fjordregionen zunehmend von Kreuzfahrtschiffen angelaufen würden und der Klimawandel ähnliche Ereignisse wahrscheinlicher mache, verdeutliche dieses unerwartete Beinahe-Ereignis das wachsende Risiko von Erdrutschen und Tsunamis in Küstengebieten, schreiben die Forscher in ihrem Bericht.
Ever wonder what a ~480 m (1550’) tsunami might look like? Using the tsunami hydro modeling in our paper out today in Science on the mega-landslide-tsunami in Tracy Arm, Alaska, we have created a few compelling animations that you might enjoy. Paper: https://t.co/PQVrSyIjZwpic.twitter.com/U3TUbPaYOb — Patrick Lynett (@lynett_patrick) May 7, 2026
Fjord war 36 Stunden lang überflutet
Die Geologen stellten fest, dass der Tsunami nur geringfügig kleiner war als der höchste jemals gemessene Tsunami, der 1958 in der Lituya-Bucht in Alaska mit 530 Metern registriert wurde. Das Ereignis am Tracy Arm löste zudem eine 36-stündige Seiche aus – eine stehende Welle in einem abgeschlossenen Gewässer.
Die Studie ergab außerdem, dass der Erdrutsch langperiodische seismische Wellen erzeugte, die denen eines Erdbebens der Stärke 5,4 entsprachen.
Alaska just had a Mega 1,578 feet mega tsunami in fjord was second largest ever on record! pic.twitter.com/qw7wADokvx — EverlastingLite (@BrandyAEckroth) May 6, 2026
Welle war noch 55 Kilometer entfernt zu spüren
Augenzeugenberichte im Bericht unterstrichen die weitreichenden Folgen des Tsunamis. Eine Gruppe Kajakfahrer, die auf Harbor Island, etwa 55 Kilometer entfernt, zelteten, berichtete, dass die Wassermassen an ihrem Zelt vorbeischwappten und eines ihrer Kajaks samt Ausrüstung fortrissen.
Ein weiterer Beobachter an Bord eines Motorboots in der No Name Bay, etwa 50 Kilometer vom Erdrutsch entfernt, beschrieb, wie eine 2 bis 2,5 Meter hohe Welle aus Richtung Tracy Arm entlang der Küste brach, gefolgt von einer zweiten Welle von etwa 1 Meter Höhe, berichten die Forscher.
Forscher rechnen mit weiteren Tsumanis
In der Studie konstatieren die Wissenschaftler, dass durch Erdrutsche ausgelöste Tsunamis „deutlich höhere Auflaufhöhen (die maximale Höhe, die das Wasser an einem Hang erreicht) aufweisen können als Erdbeben-Tsunamis, was auf größere, lokale Schwankungen der Wassertiefe und die direkte Verlagerung der Wassersäule durch Hangrutschungen zurückzuführen ist – am deutlichsten ausgeprägt in geschlossenen Gewässern wie Fjorden“.
Unter Hinweis auf den durch die Klimakrise bedingten Gletscherrückgang stellen die Forscher fest: „Ohne den raschen Gletscherrückgang hätte der Erdrutsch wahrscheinlich keine solche Welle ausgelöst, da er vollständig auf das Gletschereis gestürzt wäre oder möglicherweise gar nicht stattgefunden hätte.“
In den letzten Jahren haben sich Fjorde mit zurückweichenden Gezeitengletschern zu immer beliebteren Zielen für Kreuzfahrtschiffe entwickelt. Laut einer Studie ist die Zahl der jährlichen Kreuzfahrtpassagiere in Alaska von etwa 1 Million im Jahr 2016 auf 1,6 Millionen im Jahr 2025 gestiegen.
Rückgang der Gletscher und Abtauen des Permafrost
In Verbindung mit dem durch die Klimakrise beschleunigten Gletscherrückgang und dem Abbau des Permafrosts erhöht sich auch das Risiko großflächiger, durch Erdrutsche ausgelöster Tsunamis in der gesamten Arktis. Infolgedessen betonen die Forscher sowohl das Ausmaß als auch die potenzielle Reichweite solcher Ereignisse.
Sie fordern verstärkte Maßnahmen, um das Risiko zu vermindern, darunter die systematische Überwachung instabiler Hänge, realistischere Tsunami-Modellierungsszenarien und einen verbesserten Schutz für lokale Gemeinschaften, Touristen und kritische Infrastrukturen.
In den vergangenen zehn Jahren ereigneten sich in Alaska mehrere Tsunamis. So verursachte ein großer Erdrutsch im Kenai-Fjords-Nationalpark im Jahr 2024 eine 18 bis 55 Meter hohe Welle. Ein weiterer Erdrutsch in der Nähe eines zurückweichenden Gletschers im Taan-Fjord im Südosten Alaskas löste im Jahr 2015 einen 193 Meter hohen Tsunami aus.
