Schulkrise im Land

Geraten die Schüler mit besonderem Förderbedarf unter die Räder?

Das Land muss mehr für die Sonderschulen tun, fordert der Landkreistag. Schon jetzt ist der Lehrermangel dramatisch – und die Schülerzahlen wachsen enorm.

Kultusministerin Theresa Schopper kennt die Lehrernot an den Schulen mit sonderpädagogischem Profil.

© Markus Lenhardt/dpa

Kultusministerin Theresa Schopper kennt die Lehrernot an den Schulen mit sonderpädagogischem Profil.

Von Bärbel Krauß

Kurz nach dem Start der Sondierungsgespräche über die künftige Koalition fordert der baden-württembergische Landkreistag vom Land mehr Anstrengungen, um eine adäquate Lehrerausstattung an den Schulen mit sonderpädagogischem Profil (SBBZ) sicherzustellen. „Das Bildungsangebot für Schülerinnen und Schüler mit besonderem Förderbedarf droht unter die Räder zu geraten“, fürchtet Achim Brötel, Präsident des kommunalen Spitzenverbands.

Landkreise fordern Gesamtstrategie

Dass in den Sonderschulen in Baden-Württemberg die größten Lücken bei der Lehrerversorgung klaffen, ist seit Jahren bekannt. Weil sich das Problem immer weiter verschärft, schlagen Brötel und seine Kollegen jetzt Alarm und verweisen auf die jüngste Prognose zur Entwicklung der Schülerzahlen vom Statistischen Landesamt: Demnach wird die Schülerzahl allein an den Schulen für Kinder und Jugendliche mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung in den nächsten sieben Jahren um 37 Prozent steigen. „Umso größer ist die Verantwortung der Landespolitik, diesem Trend endlich mit einem klaren Konzept zum bedarfsgerechten Ausbau der SBBZ und einer weitsichtigen Landesstrategie zu begegnen“, ergänzt Achim Brötel.

Schon länger dringt der Landkreistag, bei dem die Verantwortung für die Sonderschulen angesiedelt ist, gegenüber dem Kultusministerium auf eine Gesamtstrategie für diese Schulart. Zunehmend empfinden sich die Kreise als Ausfallbürgen, weil sie „aus eigenen Kreismitteln Aufgaben mitfinanzieren, die eigentlich zwingend mit Lehrkräften des Landes erfüllt werden müssten“, erläutert Brötel. Dabei sind ihm besonders die Schulbegleiter, die die Landkreise finanzieren, ein Dorn im Auge. Weil die Lehrerausstattung lückenhaft sei, müssten die Schulbegleiter immer mehr Aufgaben jenseits ihres eigentlichen Assistenzbereichs übernehmen, damit der Unterrichtsbetrieb überhaupt aufrecht erhalten werden könne. 2024 hätten die Kreise dafür bereits 90 Millionen Euro aus ihren Haushalten investiert. Dass das Land zuletzt zugesagt hat, die Hälfte dieser Kosten für ein Jahr zu tragen, begrüßt Verbandspräsident Brötel als richtiges Signal. „Aber das kann nur der Einstieg sein. Hier braucht es zwingend eine nachhaltige, strukturelle Lösung.“

Massive Unterrichtsausfälle an der Tagesordnung

Zum Start ins laufende Schuljahr hat Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) eingeräumt, dass ihr der Lehrermangel an den Schulen mit sonderpädagogischem Profil besonders unter den Nägeln brennt. Das Land habe zwar bereits mehr Studienplätze für Sonderpädagogen geschaffen, betonte Schopper. Aber mit einer Entlastung durch zusätzliche, frisch ausgebildete Kräfte sei wegen der langen Ausbildungszeit erst nach einem Vorlauf von sieben Jahren zu rechnen.

In einem Zehn-Punkte-Papier des Landkreistags, das unserer Redaktion exklusiv vorliegt, wird die Versorgungsquote mit Lehrkräften an den Sonderschulen auf achtzig Prozent beziffert. Das habe eine Kürzung der Stundentafel um bis zu neun Wochenstunden zur Folge. Massive Unterrichtsausfälle seien deshalb an der Tagesordnung. Die Landkreise versuchten, „in erheblichem Umfang mit kommunalem Personal“ gegenzusteuern, heißt es in dem Papier, das die 35 Landkreise im Südwesten gemeinschaftlich verabschiedet haben. So würden aus Kreismitteln Aufgaben mitfinanziert, die eigentlich durch Lehrkräfte – also mit Landespersonal – erfüllt werden müssten.

Landkreise wollen bei Junglehrern auch auf Druck setzen

Zusätzliche Belastungen sehen die Kreise auch durch den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung auf die Sonderschulen zukommen. Um dem Lehrermangel besser zu begegnen, dringen sie in ihrem Positionspapier darauf, versuchsweise Sonderpädagogik-Studiengänge an privaten Hochschulen zuzulassen. Um eine bessere Lehrerversorgung auch in unbeliebten Mangelregionen zu erreichen, fordern sie das Kultusministerium dazu auf, Wartezeiten oder Einstellungssperren zu verfügen, wenn Absolventen einschlägiger Studiengänge „wiederholt Referendariats- oder Stellenangebote ablehnen, nur weil diese nicht an der Wunschschule beziehungsweise in der bevorzugten Region liegen“.

Hintergrund zu Inklusion und Sonderschulen

InklusionSeit 2015 haben die Eltern von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Land ein Wahlrecht, ob ihre Kinder an Sonderschulen (SBBZ) oder inklusiv an allgemeinbildenden Schulen unterrichtet werden. Als die Inklusion im Schuljahr 2015/2015 eingeführt wurde, gab es knapp 6500 Inklusionsschüler. Laut Statistischem Bundesamt ist die Zahl seither auf 9500 Kinder und Jugendliche gewachsen.

SonderschulenSeit einiger Zeit haben die Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren, wie die Sonderschulen offiziell heißen, von allen Schularten den größten Zulauf. Zuletzt sind die Schülerzahlen laut den Landesstatistiken erneut um 2,5 Prozent gestiegen. Aktuell besuchen 40 300 Kinder und Jugendliche eine Sonderschule. „Dass es diesen großen Zustrom zu den SBBZ gibt, ist in der Landespolitik lange unterbelichtet gewesen“, erklärt der Hauptgeschäftsführer des Landkreistags, Alexis von Komorowski. luß

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Erstellt:
30. März 2026, 14:24 Uhr

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