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Helmut Deutsch zieht alle Register

Virtuose schöpft die Möglichkeiten der neuen Mühleisen-Orgel bei seinem Konzert in der Murrhardter Stadtkirche voll aus

Beim Konzert spielt Helmut Deutsch voller Hingabe und Ausdruckskraft mit den vielfältigen Möglichkeiten der Orgel, um ihr verschiedenste Klangfarben und Effekte zu entlocken. Foto: E. Klaper

Beim Konzert spielt Helmut Deutsch voller Hingabe und Ausdruckskraft mit den vielfältigen Möglichkeiten der Orgel, um ihr verschiedenste Klangfarben und Effekte zu entlocken. Foto: E. Klaper

Von Elisabeth Klaper

MURRHARDT. Mit einem facettenreichen Programm aus Kompositionen vom Barock bis zur französischen Moderne fasziniert der Stuttgarter Hochschulprofessor Helmut Deutsch die große Zuhörerschar beim ersten Konzert der Reihe, welche die Murrhardter Kirchenmusik anlässlich der neuen Mühleisen-Orgel in der Stadtkirche veranstaltet.

Voller Hingabe, Inspiration und Ausdruckskraft spielt der Orgelvirtuose mit deren vielfältigen Möglichkeiten zur Gestaltung verschiedenster Klangfarben und Effekte. Damit bringt er die kunstreich ausgestalteten Werke in voller Pracht zur Entfaltung. So erzeugt er beispielsweise unterschiedliche Lautstärken mithilfe des Schwellers oder sogenannte Schwebungen, wobei einige ganz bewusst und absichtlich etwas anders gestimmte Pfeifen im Zusammenklang mit normal gestimmten Registern einen ätherischen, schwebenden Klang erzeugen.

Im Zentrum des Programms stehen einige der bedeutendsten Werke der Orgelliteratur. So Johann Sebastian Bachs (1685 bis 1750) Concerto d-Moll (Bach-Werke-Verzeichnis 596), das auf die Orgel übertragene Concerto in d-Moll Opus 3 Nr. 11 für Streicher und Generalbass von Antonio Vivaldi (1678 bis 1741). Das Werk zeichnet sich durch tänzerisch schwungvolle Rhythmik, typisch italienische Melodiemotive und Verzierungen aus. Helmut Deutsch registriert es mit anmutigen Flöten- und Streicherklängen, aber auch prächtigen, kraftvollen Prinzipalstimmen. Bach nahm diverse Veränderungen vor, um die wichtigsten musikalischen Ideen seines italienischen Zeitgenossen in voller Klangschönheit auf der Orgel zur Geltung zu bringen, wie Kanonfiguren. Die Fuge im ersten Satz des Originalwerks entwickelte Bach. Helmut Deutsch gestaltet sie zu einem brillanten, mitreißenden Hörvergnügen. Vivaldis Kontraste zwischen Tutti und Solo, lauten und leisen Passagen sowie Echowirkungen über dem Orgelpunkt gegen Schluss verwandelte der große Tonkunstmeister in einen einheitlichen Gesamtklang, der sich musikalisch spannend und steigernd entwickelt.

Langsam, ernst und nachdenklich klingt der zweite Satz mit stimmungsvoller Kantilene in italienischer Klangsprache und einer genialen Mischung aus einfachen und raffinierten Elementen. Im dritten Satz bindet Helmut Deutsch einen Strauß aus ornamentalen Figurationen, Verzierungen und schnellen Tonwiederholungen zu einem komplexen Tonkunstwerk, das gleichsam die „Königin der Instrumente“ symbolisiert.

Hochdramatisch, düster und monumental bringt der Orgelvirtuose Wolfgang Amadeus Mozarts (1756 bis 1791) Fantasie f-Moll zur Geltung. Das Klassikgenie komponierte dieses Spätwerk um 1790/91 für eine große mechanische Orgel. Mozart gestaltete es als Trauermusik für eine Schau zu Ehren des 1790 verstorbenen österreichischen Feldmarschalls Gideon Ernst Freiherr von Laudon. Ergreifend und aufgewühlt wirkt das Allegro mit seinem kunstreich verarbeiteten Fugenthema.

In starkem Kontrast dazu steht das feierliche, mit zarten Flötenklängen dargestellte Adagio in As-Dur: Es wirkt wie ein tröstender sphärischer Gesang und weckt im Zuhörer die Sehnsucht nach dem Himmel. Abrupt wird er durch das wiederholte, dramatische Allegro mit monumentalen Kadenzen und wirbelnden Figurationen gleichsam ins wechselvolle menschliche Leben zurückgeworfen. Die zwei quasi miteinander streitenden Fugenthemen symbolisieren treffend den Kampf der Leidenschaften. Erst am Schluss beruhigt sich das aufgewühlte Klangfarbenmeer und weist aufs Jenseits hin.

Ein grandioses Spektakel der Klangfarben und -effekte ist Franz Liszts (1811 bis 1886) Orgelfantasie Präludium und Fuge über die Töne B-A-C-H, das der Komponist als Klaviervirtuose gestaltete. Helmut Deutsch interpretiert das Werk fast impressionistisch, voller Virtuosität und Farbenreichtum, Schwung und Begeisterung und zieht dabei gleichsam alle Register. Am Anfang erklingen die vier Noten im Pedal als wiederholte Bassfigur, darüber entwickelt er effektvolle, gebrochene Akkorde, die er in mächtigen Klangblöcken aneinanderreiht.

Aus dem Thema gestaltet er ein facettenreiches Panorama chromatischer Harmoniefolgen. Kurz vor Schluss der Fuge, in der letzten monumentalen Steigerung des Werkes, unterbricht eine kurze Pianissimo-Episode das Fortissimo. Darin erscheint nochmals das Thema fast mystisch beleuchtet, ehe es die strahlenden Dur-Schlussakkorde machtvoll übertönen.

In „Das himmlische Mahl“ von Olivier Messiaen (1908 bis 1992) entlockt Helmut Deutsch der Orgel sphärische und überirdisch schwebende, fließend ineinander übergehende ätherische Harmonien, die sich intensivieren und zu einem Regenbogen aus wunderbar erstrahlenden, schillernden Farbnuancen verdichten.

Mit enthusiastischem Applaus danken die begeisterten Zuhörer dem großen Künstler für das grandiose Hörerlebnis, sodass er noch die Orgel tanzen lässt bei Jehan Alains (1911 bis 1940) ideenreichen „Litanies“ als Zugabe, worin sich ein variiertes Thema bis zur Ekstase steigert.

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Erstellt:
30. April 2019, 06:00 Uhr

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