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Ideen für eine älter werdende Gesellschaft

Pilotprojekt „Gemeinsam Lust auf Leben“ will Angebote und Strukturen für Betagtere genauso wie Mehrwert für Helfende schaffen

Es ist kein Geheimnis, dass die Pflege vor enormen Herausforderungen steht. Eine jetzt schon schwierige Personalsituation trifft auf eine Gesellschaft, die auch in den kommenden Jahren älter wird. Weiterer Faktor: Die Zunahme an Demenzerkrankungen. Die allermeisten Menschen möchten aber im Alter so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden leben. Vor diesem Hintergrund sind Konzepte gefragt, die Ansätze für einen neu gedachten Alltag sein können. Dem möchte sich auch das Projekt „Gemeinsam Lust auf Leben“ annehmen.

„Gemeinsam Lust auf Leben“ ist ein generationsübergreifendes Pilotprojekt mit dem Ziel, älter werdende Menschen so lange wie möglich am Alltag teilhaben zu lassen. Ein bürgerschaftliches Engagement soll dabei als Geben und Nehmen verstanden werden. Foto: Adobe Stock/oneinchpunch

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„Gemeinsam Lust auf Leben“ ist ein generationsübergreifendes Pilotprojekt mit dem Ziel, älter werdende Menschen so lange wie möglich am Alltag teilhaben zu lassen. Ein bürgerschaftliches Engagement soll dabei als Geben und Nehmen verstanden werden. Foto: Adobe Stock/oneinchpunch

Von Christine Schick



MURRHARDT. Die Volkshochschule und die Stelle Bürgerschaftliches Engagement in Murrhardt haben im Schulterschluss mit der Stadt und dem Rems-Murr-Kreis auf dem Gebiet der Begleitung von Älteren, insbesondere Demenzkranken und deren Angehörigen, bereits einige Pionierarbeit geleistet. Es sei beispielsweise an das Projekt „Anker für Demenz“ und das Engagement von Ute Guggenmos und Patricia Wirth in Bezug auf Aufklärung und Vernetzung erinnert.

Nun hat die Stadt die Chance, die generelle Thematik einer älter werdenden Gesellschaft noch einmal mit einem breit aufgestellten Projekt und der Entwicklung von gemeinsamen Konzepten zu verbinden. Im Herbst war klar, dass Murrhardt für die Bewerbung beim „Sonderprogramm Quartier“ des Landes Baden-Württemberg eine Förderung für das Projekt „Gemeinsam Lust auf Leben“ erhält. Dabei haben sich die drei Akteure – der Rems-Murr-Kreis mit den Demenzfachberatern, die Stadt Murrhardt und die Stelle Bürgerschaftliches Engagement – zusammengetan, um das Vorhaben verwirklichen zu können (wir berichteten).

Christian Müller, bei dem nun die Fäden zusammenlaufen und der sein Büro in der Volkshochschule (Sitz der Stelle für bürgerschaftliches Engagement) bezogen hat, macht klar, dass die Walterichstadt in zweifacher Hinsicht fürs Projekt prädestiniert ist. Zum einen gibt es ein vielfältiges bürgerschaftliches Engagement, das durch die Koordinationsstelle unterstützt und gefördert wird, zum anderen ist zu spüren, dass sich ein gewisser Wandel vollzieht, die Menschen auch hier älter werden. „Rund zehn Prozent der Bevölkerung in Murrhardt sind 70 Jahre und älter“, sagt Christian Müller. „Insofern ist das Ziel des generationsübergreifenden Pilotprojekts, dazu beizutragen, dass älter werdende Menschen so lange wie möglich am Alltag teilhaben können und eingebunden sind.“ Sprich, sie sollen bestenfalls selbst aktiv bleiben können, was auch unter dem Aspekt der Prävention – ob geistig oder körperlich – wertvoll ist.

Dafür könnte auch das Wirgefühl eine wichtige Rolle spielen, von dem Landrat Richard Sigel vor Kurzem im Interview unserer Zeitung gesprochen hat, so Christian Müller. Denn es braucht Vereine, Initiativen sowie einzelne Bürger, an deren Engagement sich anknüpfen und mit denen sich in diese Richtung weiterdenken lässt. Birgit Wolf, Leiterin der Stelle Bürgerschaftliches Engagement, und er betonen zudem, dass es beim Projekt darum geht, für die verschiedenen Partner auch einen Mehrwert beziehungsweise Positives zu erreichen.

Vom Wissen Älterer profitieren, Kompetenz im Umgang aufbauen

Ein Szenario wäre beispielsweise: Ein Demenzkranker und ein Angehöriger nehmen das Angebot eines Vereins wahr, wobei ein Ehrenamtlicher unterstützt. Spinnt man die Sache weiter, können Vereine so möglicherweise alternde Mitglieder nicht nur länger halten, sondern gewännen möglicherweise die Begleitperson als neues Mitglied hinzu. Wer sich als junger Mensch im Umgang mit Älteren Kompetenzen erwirbt, kann sie später im eigenen familiären Umfeld einsetzen oder profitiert von einem Zertifikat für die Ausbildung. Genauso wertvoll kann es sein, dass sich jemand mit dem Ausscheiden aus dem Beruf weiterhin mit seinem Können und Wissen einbringt. Dieses bürgerschaftliche Engagement soll Senioren, Demenzkranken sowie Älterwerdenden mit Migrationshintergrund zugutekommen. Auch deshalb braucht es einen breiten Ansatz und viele Menschen, die zusammen helfen.

Je breiter das Angebotsspektrum bei Freizeitaktivitäten ist, desto besser, sprich, je mehr Vereine und Gruppen sich öffnen beziehungsweise vernetzen, desto vielseitiger und leichter fällt auch das Anknüpfen für ältere Mitbürger. Dies zu moderieren und zu unterstützen, ist Aufgabe des Projekts. „Was konkret gebraucht wird und sich umsetzen lässt, wissen die Murrhardter am besten. Uns ist wichtig, dass sie selbst die Ideen und Konzepte entwickeln“, sagt Christian Müller. Der Startschuss dafür fällt in fünf Wochen. Am Samstag, 15. Februar, laden die Projektverantwortlichen zur Auftaktveranstaltung in die Festhalle ein. Dort erhalten alle Interessierten nicht nur gezielte Infos über Kurzvorträge, sondern können in Werkstätten ihre konkreten Ideen entwickeln. Eine hat Christian Müller schon in der Hinterhand – unter dem Stichwort „Zeitschenker“ könnten Ehrenamtliche ein niederschwelliges Angebot zur Begegnung und für Gespräche bereithalten. Ob dies bei den Interessierten auf Widerhall trifft, bleibe aber abzuwarten.

„Uns ist klar, dass es ja auch schon einige Vereine und Institutionen gibt, die sich für ihre älteren Mitglieder engagieren“, sagt Birgit Wolf. Als Beispiel nennt sie die Seniorentreffs und -kreise der Kirchengemeinden. Christian Müller nickt. Auch das müsse man beim Projekt bedenken – es gehe nicht darum, das Rad neu zu erfinden, manchmal reiche es, zu wissen, was abgedeckt ist, sich zu vernetzen und über bewährte, erfolgreiche Praktiken auszutauschen sowie voneinander zu lernen.

Spannend werden auch die Ansätze sein, die die Sprache als weitere Hürde mitberücksichtigen müssen, wenn die Betroffenen einen Migrationshintergrund haben. Wie schon beim Anker-Projekt möchte man auf den Moscheeverein sowie weitere Gruppen zugehen.

„Gemeinsam Lust auf Leben“ wird zudem wissenschaftlich begleitet. So werden Studenten der Hochschule Esslingen (Bereich Sozial- und Pflegewissenschaften) sich in ihren Abschlussarbeiten mit bestimmten Aspekten des Projekts befassen, was noch genauer abzusprechen ist.

Christian Müller freut sich auf das Projektjahr. Der Wunsch „Ich will bei euch bleiben!“ von älter werdenden Menschen und Demenzkranken ist für ihn gleichsam Motivation. Seinen Master hat er als Technikhistoriograf in Berlin gemacht, sich also mit der geschichtlichen Betrachtung von Technikentwicklung auseinandergesetzt. Unter anderem war er im Lektorat bei Springer im Bereich wissenschaftlicher Publikationen tätig, als Ehrenamtler bringt er Erfahrung aus der evangelischen Jugendkirche und der Obdachlosenhilfe mit.

Nun hofft Müller, durch die Projektarbeit dazu beizutragen, Strukturen aufzubauen, um Lebensqualität für die Zielgruppe in einem ganzheitlichen Sinne zu verbessern.

Birgit Wolf leitet die Koordinationsstelle Bürgerschaftliches Engagement. Bei Christian Müller laufen nun die Fäden für das Projekt „Gemeinsam Lust auf Leben“ zusammen. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Birgit Wolf leitet die Koordinationsstelle Bürgerschaftliches Engagement. Bei Christian Müller laufen nun die Fäden für das Projekt „Gemeinsam Lust auf Leben“ zusammen. Foto: J. Fiedler

Info
Ideenwerkstätten, Vorträge und Austausch zum Auftakt

Die Auftaktveranstaltung zum Projekt „Gemeinsam Lust auf Leben“ unter dem Motto „Murrhardt macht mit“ findet am Samstag, 15. Februar, 9 bis 13 Uhr in der Murrhardter Festhalle statt. Eingeladen sind alle Interessierten sowie Murrhardter, die sich vorstellen können, sich in dem Bereich zu engagieren, einzubringen oder zu vernetzen.

Auf dem Programm stehen Grußworte von Bürgermeister Armin Mößner und Landrat Richard Sigel, Impulsreferate von Sonja Oellermann (Musik) und Mechthild Kallmann (Bewegung/Sport) rund ums Ehrenamt sowie Ideenwerkstätten zu möglichen Angeboten. Anmelden kann man sich bis zum 10. Februar bei der Koordinationsstelle Bürgerschaftliches Engagement. Über Ideen und Anregungen rund ums Projekt freut sich Christian Müller natürlich auch schon jetzt. Er ist im Rahmen seiner 50-Prozent-Stelle dienstags bis freitags von 9 bis 12 Uhr unter Telefon 07192/935815 erreichbar oder via E-Mail an die Adresse: gemeinsamlustaufleben@vhs-murrhardt.de.

Das Projekt wird im Rahmen der Landesstrategie „Quartier 2020 – Gemeinsam.Gestalten.“ aus Mitteln des Landeshaushalts Baden-Württemberg gefördert. Bei der Gesamtsumme von rund 72000 Euro für „Gemeinsam Lust auf Leben“, das zunächst für ein Jahr konzipiert ist, beteiligt sich der Landkreis mit rund 20 Prozent.

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Erstellt:
10. Januar 2020, 06:00 Uhr

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