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Im Dienste der heimischen Früchte

Der Verein für Obstbau, Garten und Landschaft Murrhardt blickt mittlerweile auf eine 100-jährige Geschichte zurück. Da 2020 kein gutes Jahr zum Feiern war, wird das Jubiläum nun am kommenden Samstag nachgeholt.

Der Klassiker: Mitglieder des Vereins für Obstbau, Garten und Landschaft Murrhardt informieren, wie auch Anfänger ihre Obstbäume fachgerecht pflegen können – beim Schnittkurs auf einer Baumwiese nahe der Karnsberger Straße mit Wolfgang Doderer (rechts) und dem Vorsitzenden Rainer Laidig (Mitte). Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 2018. Fotos: privat

Der Klassiker: Mitglieder des Vereins für Obstbau, Garten und Landschaft Murrhardt informieren, wie auch Anfänger ihre Obstbäume fachgerecht pflegen können – beim Schnittkurs auf einer Baumwiese nahe der Karnsberger Straße mit Wolfgang Doderer (rechts) und dem Vorsitzenden Rainer Laidig (Mitte). Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 2018. Fotos: privat

Von Christine Schick

Murrhardt. Einerseits lässt sich feststellen, dass sich in den vergangenen 100 Jahren im Zuge von Moderne, Kriegen und erneuten Umbrüchen unglaublich viel verändert hat und dies natürlich auch den Verein Obstbau, Garten und Landschaft Murrhardt, kurz VOGL, geprägt hat. Andererseits ist eine erstaunliche Kontinuität auszumachen. Nur insgesamt drei Vorsitzende haben den Murrhardter Verein durch die 100-jährige Geschichte begleitet: die beiden Stadtgärtner Hermann Wurst (1920 bis 1973) sowie Manfred Wurst (1973 bis 1993) und seitdem Rainer Laidig. So resümiert Bürgermeister Armin Mößner auch im Vorwort der Festschrift: „Während in seiner Anfangszeit, den kargen Jahren nach dem Ersten Weltkrieg und den Zeiten der Weltwirtschaftskrisen und Inflationen, sicher der Gedanke der Selbstversorgung über den eigenen Garten und die eigenen Grundstücke im Vordergrund stand, war später mit zunehmendem Wohlstand neben dem selbst angebauten Obst und Gemüse auch das Thema Verschönerung des Stadtbildes mit zahlreichen Blumenschmuckwettbewerben gefragt.“ Auch heute spielt das Wissen um Obstbau und Garten noch eine zentrale Rolle, das der Verein durch seine Schnittkurse, Blütenwanderungen und Vorträge weitergibt. Vor dem Hintergrund von Globalisierung, Lebensmittelskandalen und Coronapandemie haben der eigene Garten und Anbau einen neuen, hohen Stellenwert bekommen, so Armin Mößner.

Sigrid Erhardt, Präsidentin des Landesverbands für Obstbau, Garten und Landschaft, entwirft ein ganzheitliches Bild: „Wer sich mit dem Garten als bewusst gestaltete Lebensgemeinschaft von Boden, Pflanze, Tier und Mensch beschäftigt, der möchte aktuell informiert sein, aber auch gärtnerische Probleme mit Gleichgesinnten angehen.“ Der Verein ist hier Vermittler und Vorbild – auch im Sinne von Naturschutz, Biodiversität und Anbaukultur. Damit wächst für Sigrid Erhardt ganz klar die Bedeutung der Vereinsziele.

Zur Selbstversorgung gehörten der eigene Most und Tafelobst im Keller

Dieses Spektrum wird auch bei einem Treffen mit Vorstandsmitgliedern deutlich. Zu den Anfängen im Jahr 1920 gehörten beispielsweise Ausschusssitzungen, bei denen es darum ging, Kalk und andere Düngemittel für die Mitglieder zu bestellen. Adolf Rieger erinnert sich, dass er solche Kalkdüngeanlieferungen noch per Bahnwaggon erlebt hat. „Früher haben viele ihre Äpfel abgeliefert, und man hatte seinen eigenen Most“, erzählt Wilhelm Wieland. Allein in der Stadt habe es drei Mostereien gegeben, weitere in den Teilorten, von denen nicht sehr viele übrig geblieben seien. Auch beim Tafelobst, das früher noch in den meisten Kellern über die Wintermonate gelagert habe, sei die Entwicklung vor dem Hintergrund einer industriell organisierten Großplantagenproduktion rückläufig gewesen.

Wolfgang Doderer kommt aus einer Familie, bei der früher ein – wenn auch geringer – Teil des landwirtschaftlichen Erwerbs im Verkauf der Apfelernte bestand. Er hat später eine Ausbildung als Fachwart für Obst- und Gartenbau absolviert und gibt sein Wissen im Verein und bei Veranstaltungen weiter. „Bei Fachthemen haben die Leute schon Interesse“, sagt er. Dass der heimische Obstbau und damit auch die Selbstversorgung zurückgegangen sind, hat für Wilhelm Wieland auch damit zu tun, dass der Flächenverbrauch zugenommen hat. „Früher hat die Stadt noch viele Grundstücke mit Apfelbäumen gehabt. Man konnte sie pachten und dann ernten“, erzählt er. Auch habe es ähnlich wie beim Wald Versteigerungen der Obsternte gegeben.

Als noch öffentlich zugängliches Terrain auch im Sinne der Vermittlung von Anbaukultur gibt es den Obstlehrpfad auf der Hart nahe der Karnsberger Straße. Dort finden sich Mitglieder und Interessierte – sieht man von coronabedingten Pausen ab – regelmäßig zu Winter- und Sommerschnittkursen ein, über die ganz praktisches Wissen vermittelt wird. Vor knapp zehn Jahren haben die Vorstandsmitglieder Karl Hasenauer und Klaus Kappes mit Unterstützung von Zimmermannsgeselle Steffen Laidig die Infotafeln wieder auf Vordermann gebracht. Entlang des Lehrpfads gedeihen über zehn alte heimische Tafel-, Most- und Wildobstsorten, die die Mitglieder im Zuge der Erneuerung vorstellten, beispielsweise der Speierling, der zu den ältesten Obstarten gehört, oder der Vitri-Apfel. Dort finden sich beispielsweise auch die Hauszwetschge, die als ökologisch anpassungsfähig beschrieben wird, und Streuobstbäume wie die oberösterreichische Weinbirne oder die Champagner-Bratbirne.

Der Verein legte den Lehrpfad auf Anregung der Stadt 1990 an, einige Jahre später wurde er erweitert. Im Zuge eines Gemeinderatsbeschlusses, einen ökologischen Obstbaumlehrpfad einzurichten, taten sich VOGL-Vorstandsmitglieder, Vertreter der Nabu-Ortsgruppe und des Stadtbauamts zusammen. Im Jahr 1998 wurde er eingeweiht.

„Mittlerweile hat ja auch das Land Baden-Württemberg erkannt, dass die Pflege von Streuobstwiesen wertvoll und wichtig ist“, sagt Wilhelm Wieland. Nicht umsonst würde dies von der Landesregierung auch finanziell gefördert. Und wer als Einzelner einen Antrag scheut, erhält Hilfe von der Stadtverwaltung Murrhardt, die diese bündelt, stellt er fest. Auch in Bezug auf die Dienstleister gibt es neue Entwicklungen. Stellvertretende Vorsitzende Karin Braun, die sich auch im Kreisverband der Obst- und Gartenbauvereine Backnang engagiert, berichtet von sogenannten mobilen Mostereien, die mit ihrer Gerätschaft zu den Kunden vor Ort kommen.

Angesichts der immerhin 115 Mitglieder ist der Verein gut aufgestellt und das Thema Obstbau, Garten und Landschaft in der Walterichstadt auch durch die Mitstreiterinnen und Mitstreiter verankert. Einzig die Altersstruktur macht dem Vorstand etwas Sorge. Bleibt die Frage, ob der Verein aufgrund der Wichtigkeit von Naturwissen und eines Neuerstarkens des Themas Selbstversorgung möglicherweise künftig wieder punkten kann und neue Interessenten gewinnt.

Das Foto zeigt fleißige Helfer 1998 bei Arbeiten auf dem Obstlehrpfad. Damals wurde er mit ökologischer Zielsetzung erweitert.

Das Foto zeigt fleißige Helfer 1998 bei Arbeiten auf dem Obstlehrpfad. Damals wurde er mit ökologischer Zielsetzung erweitert.

Ein prall gefüllter Apfelbaum, in der Festschrift überschrieben mit dem Titel „Erntesegen im Streuobstbau“. Heute wird Letzterer von der Landesregierung auch finanziell unterstützt.

Ein prall gefüllter Apfelbaum, in der Festschrift überschrieben mit dem Titel „Erntesegen im Streuobstbau“. Heute wird Letzterer von der Landesregierung auch finanziell unterstützt.

Kontinuität und Wandel in den Vereinsaufgaben

Jubiläumsfeier Der Verein für Obstbau, Garten und Landschaft Murrhardt feiert am Samstag, 18. September, 12.30 Uhr sein 100-jähriges Bestehen. Die Mitglieder kommen in der Gaststätte „Zur Eisenbahn“ in Sulzbach an der Murr zusammen. Es gilt die 3-G-Regel.

Anfänge Eine der ersten Ausschusssitzungen des Vereins ist am 21. Dezember 1920 dokumentiert. Ein Artikel vom 17. März 1926 berichtet: „Der am letzten Sonntag vom Obstbauverein veranstaltete Rundgang erfreute sich eines sehr zahlreichen Besuchs. Es sollte diesmal hauptsächlich der Schnitt der jungen Bäume gezeigt werden. Herr Oberamtsbaumwart Fischer zeigte an vielen Beispielen, wie junge Bäume behandelt gehören (...).“

Halbzeit Im Bericht über das 50-jährige Bestehen ist festgehalten: Zum Jubiläum überbrachte Direktor Seitze die Glückwünsche des Landesobstbauverbands. In seiner Rede thematisierte er, „dass der Obstbau gegenwärtig in einer bedrohlichen Krise stecke, und das als Folge der Bonner und Brüsseler Wirtschaftspolitik. Große inländische Betriebe gingen Pleite, während der deutsche Markt von ausländischen Erzeugnissen überschwemmt werde. Durchschnittlich betragen die Einfuhren rund 50 Prozent des Verbrauchs, der Anteil an deutschem Frisch-Tafelobst sei bereits auf ganze 20 bis 22 Prozent zurückgedrängt.“ Und insofern ist in dem Artikel vom 6. Oktober 1970 auch schon die Rede von neuen Vereinsaufgaben in der modernen Industriegesellschaft wie Umweltschutz, Heimatpflege und Freizeitgestaltung.

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Erstellt:
16. September 2021, 06:00 Uhr

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