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Im Wald auf Müllsammeltour

Larissa und Sebastian Warmer sowie Jonathan Bäßler sind am Ortsrand von Kirchenkirnberg unterwegs, um Abfälle aufzulesen. Sie haben sich aufgemacht, um bei der Aktionswoche Markungsputzete in kleiner, coronakonformer Besetzung zu helfen.

Jonathan Bäßler hat einen Reifen im Wald entdeckt. Auch ein zweites Exemplar macht er noch aus. Fotos: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Jonathan Bäßler hat einen Reifen im Wald entdeckt. Auch ein zweites Exemplar macht er noch aus. Fotos: J. Fiedler

Von Christine Schick

KIRCHENKIRNBERG. Die drei jungen Leute leben in unmittelbarer Nachbarschaft. Larissa Warmer (14) und Jonathan Bäßler (17) ziehen schon mal los, Sebastian Warmer (16) stößt kurz danach zu ihnen. Mit einem stabilen Plastikeimer und Handschuhen geht es Dienstagabend noch ein Stück zum Ortsrand. An der Welzheimer Straße, die in Richtung Kaisersbach führt, stellt Jonathan Bäßler zwei Warndreiecke auf, die das zu beackernde Areal abstecken und Autofahrer darauf aufmerksam machen, dass unter Umständen Menschen am Straßenrand unterwegs sind. Aufpassen muss man trotzdem, nach der Erfahrung des 17-Jährigen reagiert nicht jeder Verkehrsteilnehmer vorausschauend und bremst frühzeitig ab. An zwei Abenden waren er und Sebastian Warmer bereits auf Tour. Nun ist auch seine Schwester Larissa dabei.

Alle drei sind erfahrene Markungsputzete-Helfer und mit ihren Familien bei der Bürgerschaft Kirchenkirnberg engagiert. Dass die Aufräumtouren dieses Jahr nur in kleiner Besetzung möglich sind, hält sie nicht von ihrem Einsatz ab. Abstand lässt sich draußen und im Gelände gut halten. „Wir sind seit vielen Jahren mit der Familie dabei, ich vermutlich schon das fünfte oder sechste Mal“, erzählt Larissa Warmer. „Und es ist ja auch unser Wald“, stellt die Jugendliche mit einem Lächeln fest. Jonathan Bäßler nickt: „Ich möchte einfach auch spazieren gehen“, ohne auf Müll zu stoßen. Die 14-Jährige sammelt ein Plastikteil ein, das wohl ein Fahrzeug von einem Leitpfosten abgesplittert hat, dann geht es den Abhang hinunter in den angrenzenden Wald.

Der ungewöhnlichste Fund für Sebastian Warmer bisher war ein kleinerer Tresor.

Jonathan Bäßler hält ein längliches Etwas nach oben. „Eine Windel, mal wieder.“ Etwas tiefer im Gestrüpp, aber noch in Reichweite der Straße, macht er einen gerahmten Spiegel aus, vermutlich von einem Mofa oder Motorrad. Der sollte auch aus Brandschutzgründen nicht im Wald liegen bleiben. Bei einem grauen Hartplastikteil, das Larissa Warmer entdeckt, ist die Herkunft oder frühere Verwendung schon nicht mehr so klar auszumachen. Mit dem Homeschooling kommt die Achtklässlerin klar, was sie aber sehr vermisst sind ihre Aktivitäten beim Jugendrotkreuz und in der Sportvereinigung Kirchenkirnberg. Sie selbst trainiert in der Sparte Leichtathletik und engagiert sich wiederum als Trainerin im Kleinkinderturnen. Für Jonathan Bäßler ist das Bädle ein Anknüpfungspunkt. In der Einrichtung der Dorfgemeinschaft unter der Regie der Bürgerschaft sollen in nächster Zeit einige Renovierungs- und Erneuerungsarbeiten mit Unterstützung der Stadt laufen. Jetzt ist er aber auch mit seiner Ausbildung zum Elektroniker zeitlich gut eingebunden. Sebastian Warmer ist in der 9. Klasse und ebenso in Vereinen aktiv und für Markungsputzete-Einsätze zu haben. „Normalerweise bin ich mit der Jugendfeuerwehr oder der Familie unterwegs oder geh auch mit der Schule noch mal sammeln“, erzählt er. Was war das bisher ungewöhnlichste Fundstück auf seinen Aufräumtouren? „Ein kleinerer Tresor. Geld war keins mehr drin“, sagt er. Der Wald scheint so einiges abzubekommen. Der 16-Jährige hatte Beamte damals über den Fund informiert, eine Rückmeldung gab es danach seines Wissens nach nicht mehr.

Jonathan Bäßler macht den Ruf eines Waldkauzes aus und erzählt, dass sich gestern auch ein Habicht unmissverständlich beschwert habe. Es wird einem bewusst, in der guten Stube der Waldtiere unterwegs zu sein. Weiter von der Straße entfernt entdeckt Jonathan Bäßler erst einen, dann einen zweiten Autoreifen. Versunken im Laub braucht es schon einen Kennerblick, um die unfein entsorgten Stücke – vielleicht von einem Schlepper oder Doppelreifen eines Lasters – zu registrieren. Sie werden nach oben transportiert. „Wenn wir nicht so tief reingegangen wären, hätten wir sie nicht entdeckt“, sagt der 17-Jährige.

Die jungen Leute waren in den Vorjahren schon in anderen Gebieten Kirchenkirnbergs unterwegs, die sich die Engagierten – Familien beziehungsweise Bürgerschaftsmitglieder – untereinander aufteilen. Bei Abschnitten am und im Kaltwald beispielsweise haben sich für sie immer mal wieder typische Abfallstellen herauskristallisiert. Die Hänge fallen vergleichsweise steil neben der Straße ab, und so landet auch aus dem Auto Geworfenes im Forst. Mal sind es Pappbecher, mal Flaschen oder Chipstüten, oft an ähnlicher Stelle. Sebastian Warmer erinnert sich an ein wahres Flaschennest. Jonathan Bäßler hat ab und zu den Eindruck, dass bei Einzelnen das achtlose Entsorgen auf dem Weg schon fast zur Routine wird und sich insofern immer an vergleichbaren Punkten findet. Ein bisschen frustriert ist er, heute bei der Heimfahrt über die Kaisersbacher Straße gesehen zu haben, dass an der Stelle, die er gestern sauer geräumt hat, schon wieder Müll liegt.

Die drei ziehen weiter durch den Wald, finden mittlerweile nur noch kleinere Plastikteile. Nun schauen auch Larissas und Sebastians Eltern Melanie und Sieghard Warmer vorbei. Sie kommen mit ihrem Wagen inklusive kleinem Anhänger. Auf letzterem finden die Reifen und der Plastikmüllsack, in den der Rest gepackt wird, ihren Platz. Mit der Ausbeute der abendlichen Sammeltour geht es zum Kirchenkirnberger Feuerwehrhaus, wo die Abfälle zwischengelagert werden, bis die Stadt sie abholen kann.

Ein deutlich größeres Müllaufkommen im Zusammenhang mit der Pandemie und dem stärkeren Ausschwärmen der Menschen in die Natur stellen die jungen Leute und Eltern zumindest in ihrem Kirchenkirnberger Gebiet nicht fest. Vielleicht spielt auch die Kurzarbeit und ein etwas geringerer Berufsverkehr eine positive Rolle, so die Überlegung von Sieghard Warmer.

Für Jonathan Bäßler jedenfalls steht fest: „Ich finde es wichtig, die Sachen einzusammeln. Bei Kunststoff kann man so möglichst verhindern, dass Mikroplastik entsteht.“ Er, Sebastian und Larissa Warmer werden sicher nicht das letzte Mal im Flecken unterwegs gewesen sein.

Sebastian Warmer zeigt einen Kleinlaster, der mit Sammelgut gefüllt ist.

© Jörg Fiedler

Sebastian Warmer zeigt einen Kleinlaster, der mit Sammelgut gefüllt ist.

Larissa Warmer ist wie die anderen schon einige Jahre bei Touren dabei.

© Jörg Fiedler

Larissa Warmer ist wie die anderen schon einige Jahre bei Touren dabei.

Insgesamt haben sich 282 Helfer in Murrhardt angemeldet

Die Stadt Murrhardt hat als Alternative zur klassischen Markungsputzete während dieser Woche angeregt, dass sich Familien, kleine Gruppen oder Einzelne aufmachen, um in der Natur Müll einzusammeln und so die Corona-Schutzmaßnahmen einhalten können.

Zum Stand Mitte der Woche informiert Bürgermeister Armin Mößner: „An der Aktionswoche Markungsputzete beteiligen sich elf Vereine und Organisationen sowie Einzelpersonen und Familien. Insgesamt sind 282 Teilnehmer angemeldet, die coronagerecht in kleinen Gruppen beziehungsweise paarweise im Freien sammeln. Ich selbst werde an der Landesstraße1066 Richtung Harbach am Radweg entlang sammeln und weitere Einzelstellen ansteuern, an denen ich bei vergangenen Radtouren an den letzten Wochenenden Schwerpunkte ausgemacht habe.“

Utensilien wie Müllsäcke, Zangen, Handschuhe, Warnwesten und Mützen sowie vergleichbare Hilfsmittel können sich die Engagierten beim Bauhof abholen (kontaktreduziert). Die Helfer erhalten statt des gemeinsamen Essens je einen Gutschein über fünf Murrtaler, den sie in der Innenstadt einlösen können.

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Erstellt:
15. April 2021, 06:00 Uhr

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